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James Blake über sein neues Album »Overgrown«

»Denn wir sind alle Menschen«

James Blake, der mit seinem Debütalbum Dubstep populär werden ließ, hatte im Vorfeld des neuen Albums »Overgrown« nicht wenig mit dem gestiegenen Erwartungsdruck zu kämpfen. Henje Richter traf einen gereiften Musiker zur Therapiesitzung.
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»Interviews sind wie Therapiesitzungen für mich«, erzählt James Blake. »Sie helfen mir zu rationalisieren, was in meinem Leben passiert.« Eine überraschende Ansage von einem Künstler, der nicht nur als ernst und sensibel gilt, sondern auch als schüchtern und unnahbar. Aber es gibt ja auch viel aufzuarbeiten für Blake, der mit seinem Debütalbum »James Blake« Kollegen wie Antony And The Johnsons und Björk für sich einzunehmen vermochte. Seine Mischung aus minimalen Post-Dubstep-Rhythmen und zartem Crooner-Gesang trafen 2010 den Zeitgeist. »Ich wirke viel vorsichtiger und ernster, als ich tatsächlich bin«, fährt er drei Jahre später in der Korrektur des Bildes, das ich von ihm habe, fort. »Ich denke, die Leute wollen, dass ich diese Erwartung erfülle. Sie wollen, dass ich der ernste Typ bin.«

Überhaupt hat Blake mit seinen inzwischen 23 Jahren viel mit den Erwartungen von »den Leuten« zu kämpfen, wie er sagt. Im Vorfeld des zweiten Albums spürte er den Druck, dass von ihm ein zweites »Limit To Your Love« oder »The Wilhelm Scream« erwartet wurde. »Nach dem letzten Album sagten mir alle Leute, dass ich genau das machen solle. Aber das war der Rat, den ich am wenigsten brauchen konnte«, stellt er fest. Denn trotz allen Erfolges, den er nicht zuletzt dank der beiden genannten Songs hatte, waren das nicht seine eigenen Stücke, sondern Coverversionen, geschrieben von Feist und von seinem Vater James Litherland. »Ich musste erst einmal lernen, gute eigene Songs zu schreiben und mit diesen eine Verbindung zu anderen Menschen herzustellen«, beschreibt er den Lernprozess, den er nach dem Debüt durchzumachen hatte. »Ich stellte für mich fest, dass der Erfolg und das damit einhergehende Geld nicht wichtig sind, sondern das Gefühl, dass das Angekommensein in einem auslöst. Denkt man selbst, dass der Erfolg nur ein kurzes Aufflackern ist oder dass er von Dauer ist?« Als Beispiel, was aus solchen Überlegungen resultieren kann, führt er das zweite Album von The xx, »Coexist«, an, das – so seine Einschätzung – den Erwartungen vieler Fans nicht entsprochen habe.

Blake selbst sieht sich frei von solchen Erwartungshaltungen an die Künstler, die er schätzt: »Ich bin ihnen gegenüber loyal, sie sollen mich führen, auf ihrem Weg mitnehmen.« Den Großteil seiner Fans sieht er ebenfalls als tolerant an, bereit für Veränderungen. Seine Miene zeugt aber davon, dass er sich so ganz sicher nun auch nicht ist.

Allerdings sicherer als noch vor zwei Jahren, als er mitten in einer Phase des Haderns in Los Angeles auf Joni Mitchell traf. »Sie half mir, meine Ängste zu überwinden, den Kopf frei zu bekommen«, berichtet er. »Im Grunde sagte sie mir nur, dass alles gut gehen würde. Mehr als die Worte inspirierten mich aber ihre Haltung, ihre Würde, mit der sie mir begegnete.«




Als erste Folge schrieb er auf dem anschließenden Flug zurück nach London gleich den Titelsong für das neue Album, »Overgrown«. Der Song beschreibt eine postapokalyptische Szenerie, in der sich die Natur die Zivilisation zurückerobert. »I don’t want to be a star, but a stone on the shore, a lone doorframe in a war«, heißt es in dem Stück, einer Hymne an das eigene kreative Überleben. Die Natur steht für Blakes Gefühlswelt: »Wenn ich etwas erlebe und diese Gefühle in meinen Songs ausdrücke, dann kann ich darauf vertrauen, dass andere dazu eine Beziehung herstellen können. Denn wir sind alle Menschen.« Wobei er von den Menschen um ihn herum keineswegs nur positive Reaktionen erwartet: »Ich kann mit Häme leben. Es ist schon okay, wenn mich manche auf Facebook oder YouTube dissen, dafür mögen andere die Musik.«In einer Sitzung

»Overgrown« ist anzumerken, dass James Blake sich erfolgreich von dem Erwartungsdruck befreit hat. Verglichen mit dem Debüt ist das Album musikalisch sehr viel offener angelegt. Wobei der Beginn nah am Vorgänger positioniert ist. Diesen in der Tradition der Post-Dubstep-Balladen des Vorgängers stehenden Stücken fehlt es etwas an Spannung. Doch spätestens mit dem Rap von RZA in »Take A Fall For Me«, dem vierten Stück des Albums, entwickelt »Overgrown« einen eigenen Charakter. »HipHop war eine große Inspiration für das Album«, sagt Blake und berichtet, wie wichtig das »Watch The Throne«-Konzert von Kanye und Jay-Z in Los Angeles für ihn gewesen sei: »Ich stand da und merkte, dass das ein bedeutsamer Moment war. Für jeden dort, nicht nur für mich. Ich wollte sein wie sie.«

HipHop-Einflüsse sind nichts Neues für jemanden aus der britischen Dubstep-Schule, die historisch stark von Südstaaten-HipHop und, der Genrename trägt es in sich, Dub inspiriert wurde. Insofern konsequent, dass James Blake nicht nur mit RZA kollaborierte, sondern auch Brian Eno ansprach: »An einem bestimmten Punkt musste ich mit anderen Musikern den Austausch suchen, um den Weg für das Album zu finden. Brian Eno erschien mir die richtige Person dafür. Er hat in seiner Karriere immer viel experimentiert.« Mit dem von Brian Eno produzierten Stück »Digital Lion« beginnt dann auch der mutigste Teil des Albums, in dem sich Blake am weitesten von Post-Dubstep-Rhythmen entfernt. Seinen Höhepunkt findet dies in dem Stück »Voyeur«, das mit einem klassischen House-Beat aufwartet und die Cowbells klingeln lässt.

Zum Abschluss unseres Gesprächs betont James Blake, dass die Stücke auf »Overgrown« fast alle jeweils in einer Sitzung entstanden seien. Es ging ihm immer darum, genau den einen, richtigen Moment einzufangen. »Die Aufregung, die Unruhe, die Überraschung und damit auch der Grund, warum ich das alles mache, sind nur ein Mal da. Vielleicht ist, wenn man so arbeitet, nicht immer alles perfekt, aber diese Brüche machen doch auch die Schönheit aus.«