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Democlinic auf der BScene 2010

Raise hell in Basel!

Linus Volkmann besucht für Intro die Democlinic in Basel. Ein Erlebnisbericht zwischen Zauberberg und Abgrund.
Geschrieben am
Schweiz, das ist für viele ja so etwas wie das Las Vegas der Berge. Okay, vielleicht doch gar nicht für so viele. Schade eigentlich findet Linus Volkmann. Und besucht für Intro die Democlinic in Basel. Ein Erlebnisbericht zwischen Zauberberg und Abgrund.

"Die Schweiz. Seien wir doch mal ehrlich.
Wer glaubt denn heute noch an die Schweiz?
An dieses Land?
Die Schweiz. Die gibt es nicht.
Die Schweiz ist ein virtuelles Land.
Wir gehen nach Süden. Es kommt keine Schweiz.
Es kommt das Meer und dann Algerien.
Algerien."
(FleischLego „Die Schweiz ein virtuelles Land“)


Ah, das schöne Basel ist on. Der Shuttle der Bahn AG benötigt keine vier Stunden von Köln aus hier her und bemüht für jene Strecke sogar "die guten Züge". Da ist ja der Weg nach Berlin länger, beschwerlicher und man bekommt bloß diese Vintage-Viehwägen ab, auf die die Frau von Mehdorn mal das Akronym IC gesprayt hatte. Aussageabsicht?

"Berlin, du hast mir lange genug im Weg gestanden, ich fahre jetzt nach Basel!"

Dort ist die Tage wieder BScene. Ein aufgedrehtes Festival für Bands aus Region und Einzugsgebiet, das sich über alle Clubs der Stadt verteilt. Und da kommt schon einiges zusammen.
 
Einschub: Wissenswertes über die Schweiz (I)
Auch wenn man als Deutscher noch so versucht ist, die heimischen Sprachen der Schwyzer "auch mal ausprobieren" zu wollen – zusammengestümperte Phantasie-Akzente mit viel angerotzten/geröchelten "ch"-Lauten empfindet der Schweizer nicht als Hommage, sondern als Hohn.

Ich besuche im Basler Annex (25.03.2010) die Democlinic dabei nicht, weil ich krank wäre, sondern in der Funktion als Gast-Juror jenes Nachwuchswettbewerbs. In Casting-Show-Manier wird dabei öffentlich von knapp 20 Bands je ein Song über die Anlage des Clubs geschickt. Eine Jury - neben mir noch Vania Kukleta, u.a. Trendforscherin aus Zürich und Schülerin von Holm Friebe, Chrigel Fisch (u.a. Manager der Schweizer Grunge-Explosion Navel) sowie Philippe Amrein (Redakteur des Schweizer Loop-Magazins und Songwriter) – verteilt auf der Bühne sofort Feedback, Verbesserungsvorschläge oder Beileid.
Wissenswertes über die Schweiz (II)
Das TV-Pendant zu DSDS heißt hier übrigens MusicStar.

Moderiert wird die Democlinic dabei von der exzentrischen Szene-Ikone Karl Rottweiler, die in leicht speckigen Arztklamotten und mit weisungsbefugtem Auftreten die zahlreich aufgereihten Post-Schülerbands in Schach hält. Erstmals findet die Democlinic abends statt, mehrere Getränkebons wurden für jede Gruppe im Wettbewerb ausgegeben. Dennoch bleibt der Riot aus.
 
Wissenswertes über die Schweiz (III)
Der Schweizer endet Aussagesätze gern mit einem "oder?". Von dieser dem Englischen ("isn’t it?" "aren’t you?") angelehnten Sprachfigur darf man sich im Gesprächsfluss nicht irritieren lassen. Sie ist rein rhetorischer Natur.


Schweiz, das ist für viele ja so etwas wie das Las Vegas der Berge. Okay, vielleicht doch gar nicht für so viele. Schade eigentlich findet Linus Volkmann. Und besucht für Intro die Democlinic in Basel. Ein Erlebnisbericht zwischen Zauberberg und Abgrund.

Brav hören sich die Kids (bis zu 34 Jahre alt) an, was die anderen so draufhaben und holen sich selbst Lob oder Kritik ab. Das Niveau ist dabei rechtschaffen hoch. Die einstimmig zur Siegerin ausgeguckte Maya Turbo besitzt ein Profil weit über das Bandwettbewerbige des Abends hinaus. Joan As Police Woman oder Scout Niblett könnte man heraushören, muss man aber eigentlich gar nicht – so einnehmend steht die Musik bereits für sich.
 
Wissenswertes über die Schweiz (IV)
Hier tragen Trödelläden den Namen Brockenstuben und die Releaseparty zu einer Veröffentlichung nennt man genauso bildlich wie christlich: Eine CD-Taufe.

Ebenfalls im Rahmen der Democlinic weitergebenswert abgeliefert haben u.a. Paramount Greyhound (Tarantino-behafteter Neo-Surf mit Gesang), The Big Bang Boogie (extrem abgehanger Retro-Rock inklusive Orgel und guten Ideen) und Ai Ci Gigle (die Vorjahressieger, Kunstflieger mit eigener Sprache und eigener Moral sowie unheimlichem Potenzial).
 
Wissenswertes über die Schweiz (V)
Hier gibt es noch (die Abwesenheit der EU macht’s möglich) 100Watt-Glühbirnen jenseits der Energiesparverdunkelung zu kaufen.

Abends wird mir noch das Basler Nachtleben vorgeführt. Wobei sich die Beschaffenheit der Läden mit fortschreitender Stunde immer mehr von vornehmen Restaurants zu Absturzkneipen morpht.
 
Wissenswertes über die Schweiz (VI)
In alle Longdrinks steckt der Schweizer einen überdimensionierten Zahnstocher bzw. ein Mikado-Stäbchen. Augenscheinlich misstraut man hier den Getränke-Molekülen und ihrem Willen, sich von selbst zu vermischen. Vermutlich wurde man von Alkohol schon mal schwer enttäuscht.

Zu vorgerückter Stunde erfahre ich vom nun mittlerweile importierten Rauchverbot in Clubs und so, das nun auch hier ab April 2010 anrückt. In einem bewegenden Augenblick von Solidarität und Sentiment erwerbe ich eine Fümoar-Karte. Jene berechtigt zum Einlass in aberdutzend Raucherclubs, die eventuell bald eingerichtet werden und sich kaum mehr als vier-, fünfhundert Kilometer von meinem Wohnort entfernt befinden. Naja, nur ein Grund mehr, mal wieder zurück zu kehren. Aber auch ohne diese Karte kann man niemand von einer Reise hierher abraten. Basel, oi!
 
Wissenswertes über die Schweiz (VII)
Am Basler Bahnhof unbedingt "Schläcksäckli" für einen Franken pro Stück kaufen. Und auf der Heimfahrt endlich unbehelligt jenes Wort und andere Schwyzer Chefbegriffe vor sich hinsagen. Das kann man dann ja auch wirklich mal bringen, oder?