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Kampf gegen Windmühlen, Himmel für alle

Delbo und Samba live

Der Abend stand nicht nur unter dem altruistischen Motto "Alle müssen mit", sondern auch im Zeichen des WDR-Rockpalastes.
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Der Abend stand nicht nur unter dem altruistischen Motto "Alle müssen mit", sondern auch im Zeichen des WDR-Rockpalastes.

09.09.08 Köln, Underground.

Neben dem Tapete-Sampler "Müssen alle mit", der mit jeder neuen Ausgabe Hinterland und Großstadt zu einem Ganzen in musikalischer Hinsicht zusammenführt,  kann man dort gefeaturete Künstler auch gemeinsam auf der Bühne sehen. Wie gestern im Kölner Underground mit Delbo und Samba zum Beispiel.

Doch der Abend stand nicht nur unter diesem altruistischen Motto, sondern auch unter den blau leuchtenden Lettern des WDR-Rockpalast. Da war nicht viel zu machen, die Kamera hatte die Vorherrschaft und ersetzte das Publikum. Was man wollte war ein "Himmel für alle", was man bekam jedoch nur ein "Kampf gegen Windmühlen".

Ein Körper, der nicht mehr mir gehört
Stilistisch spielen Delbo schon seit ihrem Album "Innen/Außen" in einer eigenen Liga. Dabei haben sie musikalisch und textlich ein außergewöhnliches Zeichensystem entworfen, dass vom Entwurf her auch wie ein kleines Rätsel funktionieren könnte. Poetische Chiffren, die gleichzeitig Dringlichkeit und Befindlichkeit ausdrücken, ohne dabei aufgesetzt oder pathetisch zu klingen. Am Anfang mag man womöglich nach einem Tool zum Dechiffrieren suchen. Eine dennoch lösbare Aufgabe, denn letztendlich muss man Delbo Schicht um Schicht aus ihrer Schale höhlen, um an das Innere zu gelangen. Während der erste Hördurchgang meist noch nicht so richtig zündet, wippt der Zeigefinger beim erneuten Hören deutlich öfter und alles was danach kommt, lässt sich nur noch durch exponentielles Wachstum erklären: "Ein Körper, der nicht mehr mir gehört".

Nie zuvor haben Delbo so ausgeglichen und nahbar geklungen wie auf "Grande Finesse", was man auch live nachempfinden kann. Das Handwerk beherrscht man. Die Tricks und Kniffe einen Song unkonventionell und spannend zu halten, hat man gelernt. Immer wieder werden bekannte Strukturen durchbrochen, immer wieder Eruptionen und Taktwechsel herbeigeführt, die sich mit ruhigeren, eingängigeren Passagen abwechseln. Wenn Delbo eine Maschine wären, dann würde diese niemals still stehen.





Statisch, wie die Bilder
Und wie das ja immer so ist beim WDR Rockpalast: die Show wird für die Nachwelt aufgezeichnet. In ganzer Länge. Mit zahlreichen Aufnahmen von Instrumenten, Trommelwirbeln, jubelnden Fans und knutschenden Pärchen. Nicht zu vergessen sind die berüchtigten "Band-In-Action-Szenen", bei denen auch der Sofasitzer endlich verstehen kann, warum man sich Konzerte auch gern live ansieht. Kameramänner dieser Welt nehmt es nicht übel, aber für das Publikum vor Ort sind solch technisierte Hundertschaften ein wirklicher Graus. Vor allem wenn der Raum zwischen leicht angehobener Bühne und Zuschauerraum einfach keinen Platz für Kamera-MG-Nester und Fronthelfer bietet. Außerdem fühlt man sich die ganze Zeit beobachtet, der Kontakt zum Künstler kann nicht mehr hergestellt werden und irgendwie bekommt man das Gefühl, dass die Band zwei Publikums bedienen muss: das unsichtbare hinter der Linse und das zurückgedrängte hinter den Kameras. Wer zahlt schon ein Heidengeld, nur um auf KabelträgerInnen und stämmige Männer mit vorgehaltenen Kameras zu blicken?

Die Euphorie der Band landet nicht etwa bei den Zuschauern, sondern wird direkt von den Linsen aufgesogen, die sich wie achtarmige Kraken auf jede Bewegung stürzen, die auf der Bühne zu sehen ist. Ironischerweise hält man auch volle Kanne drauf, als Delbo-Bassist und Sänger Daniel Spindler, sein Instrument mit Gaffatape flickt. Jeder Moment muss festgehalten werden, kann man ja danach immer noch herausschneiden: "Wir verlieren uns zwischen all den Punkten"

Mit blauen Flecken davon gekommen
Glück im Unglück: Samba kommen noch mit ein paar Blessuren davon. Die Befremdlichkeit, die die Aufnahmegeräte noch bei Delbo erzeugten, wurde schließlich akzeptiert... ob man konnte oder wollte. Mit der Stimmung ging es wieder bergauf. Es war wieder Bewegung auf der Tanzfläche. Allerdings ist Ausgelassenheit etwas anderes. Samba zauberten aber dennoch ein paar strahlende Gesichter in die Menschenmenge. Ganz im Zeichen von ein "Himmel für alle" - dem aktuellen Album der Münsteraner, das auch live glänzt und überzeugen kann. Und wenn man Samba in drei Worten erklären müsste, dann würde man vermutlich um "leicht, spröde und unprätentiös" nicht herumkommen. Attribute, die durchaus positiv gemeint sind.