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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Grönemeyers Rock-Gipfel

Deine Stimme Gegen Armut

Neben einer Menge Konsummüll bleiben auf dem Rostocker IGA-Gelände auch ein paar vergebene Chancen zurück.
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Den mittleren Tag des Heiligendammer G-8 Gipfels hatte sich die von Herbert Grönemeyer angeführte Deine Stimme gegen Armut-Initiative für das große Konzert auf dem IGA-Gelände in Rostock ausgesucht. Bei heißem Sommerwetter teilten sich nach Live-Aid-Manier die Afrika-Popaktivisten Bono & Bob Geldof die Bühne in schneller Abfolge mit deutscher Rockpop-Prominenz und musikalischen Botschaftern, Rednern und Kurzfilmen aus den Staaten Bangladesch, Bolivien, Kambodscha, Mali, Mozambik, Nicaragua, Sambia und Uganda, den Stellvertretern für die ärmsten Länder der Welt, denen bei dieser Gelegenheit besondere Aufmerksamkeit zuteil werden sollte.

Mit ca. 70 000 zu einem symbolischen Preis abgegebenen Karten war dieses einmalige "Poor 8-Aid"-Konzert schon lange vorab ausverkauft, ein angekündigtes Public Viewing am Strand von Warnemünde musste auf Grund von Sicherheitsbedenken der Behörden abgesagt werden. Dennoch blieb alles in dieser Ecke von McPomm bemerkenswert friedlich, während nicht weit entfernt Greenpeace-Schlauchboote von der Küstenwache untergepflügt und Prostestler in und um den schwarzen Block im Weizen rund um das bekanntlich eingezäunte Heiligendamm unsanft an die Realitäten eines solchen Polit-Gipfels erinnert wurden.

Nachdem die beste Sendezeit garantierende ARD im Vorfeld kräftig auf den Ablauf Einfluss genommen hatte, wurde aus dem ambitionierten Projekt, hinter dem eben nicht nur Volkes Sänger, sondern unter dem "Venro"-Dachverband von "Ärzte ohne Grenzen" über Caritas bis Welthungerhilfe eine Vielzahl karitativ und sozialpolitisch engagierter Organisationen stehen, schlicht "Grönemeyers Rock-Gipfel".

Bis auf die letzte Sekunde hatte ein zusammengewürfeltes Team an der Realisierung dieses Ereignisses gewirkt, bis unter beachtlichem Jubel eine Berliner Band die Bühne einweihen durfte, die in der lokalen Berichterstattung bis hin zur Frankfurter Rundschau unter "Speed" firmierte. Die Ignoranz mancher Berichterstatter aus dem Kühlungsborner G-8 Presse-Getto betraf dabei nicht nur musikalische, sondern auch inhaltliche Details. Allerdings wurde auch den Kollegen in Rostock auf einer hastig einberufenen Pressekonferenz direkt vor Konzertbeginn zu wenig geboten, der Moderator schmiss die auf dem Podium Anwesenden bunt durcheinander und musste bereits die vierte Frage aus der versammelten Journaille aus Zeitgründen abwürgen. Lateinamerika hatte hier bedauernswerter Weise keine Stimme erhalten, obwohl der eloquente Sänger der nicaraguanischen Gitarrenband Perrozompopo nebenan Däumchen drehte. Bangladesh war mit Nobelpreisträger M. Yunus und Bangla-Sängerin Anusheh Anadil als Quotenfrau dagegen doppelt vertreten. Auch ihr anrührendes Statement und ihr Auftritt später bewahrte sie nicht vor der Verwechslung mit der indischen Bürgerrechtlerin Vandana Shiva durch Journaille und Blogger.Dem Moderatoren-Team Sarah Kuttner und Roger Willemsen war anzumerken, das die Beschäftigung mit den beteiligten Acts kaum die Auftrittspausen überschritten haben dürfte. Willemsen wurde gar kurz ausgebuht, als er Live Aid in die Mitt-Neunziger verlegte oder Die Toten Hosen in einem Atemzug mit Tokio Hotel nannte, während Kuttner vom Niedlichkeitsbonus zehrte und mit Schnipp-Feldversuchen punkten konnte.

Zeitlich tight durchorganisiert, wurde den Poor 8-Acts wie Bangla, dem Ethno-Fusion Projekt Mo´Some Big Noise, Rapper Leo Muntu oder dem malischen Ngoni-Ensemble um Bassekou Kouyate und seine Frau Ami Sacko vom trotz gepfefferten Getränkepreisen tapfer in der Hitze ausharrenden Publikum ein freundlicher Empfang bereitet.

Das Raggapop-Duo Peter Miles & Menshan aus Uganda gaben mit ihren zwo foxy Tänzerinnen alles und rutschten als Farbtupfer in die von den Major-Acts dominierte ARD-Übertragung. Dritte Programme, Phönix und MTV sendeten zeitversetzt weitere Bilder, während AOL live streamte und die Künstler mit Interviews von Cherno Jobatey peinigte. Insbesondere das Portal des Hauptsponsors glänzte dabei durch völlige Ausblendung der Poor 8-Künstler, während man WM-Gesänge der Sportfreunde Stiller oder Stücke der bekannten Polit-Band 2raumwohnung zum Handy-Download anbot. Seit auf der Echo-Verleihung der aktuelle "Deine Stimme gegen Armut"-Spot zu sehen war, hatte sich die Major-Industrie mit Bands in Stellung gebracht, die sich mal mehr, mal weniger um Nähe zur Ursprungs-Idee des Events bemühten. Inga Humpes unbeholfene "Wir-können-die-Welt verändern"-Zwischentexte zur aktuellen Single '36 Grad' wirkten da allerdings wie Hohn, auch wenn das Thermometer in Rostock mittlerweile fast in diese Gefilde geklettert war.

Sechs Acts aus den acht ärmsten Ländern waren im Line-Up des Konzerts - letztendlich aus Budgetgründen - übrig geblieben und versuchten ihre Chance vor ungewohnt breiter westlicher Öffentlichkeit zu nutzen, bis sie spätabends nach Konzertende mit dem Sammel-Bus wieder in ihr Berliner Quartier gefahren wurden. Bilder dieser Tour werden bleiben - zu Ragga- und Move-Contests zwischen Uganda & Sambia krabbelte P8-Nachwuchs über den Bus-Fußboden und ein Bangla-Saiten-Wizard im vollen Che-Guevara-Outfit klampfte selig auf der dem Kollegen aus Mali abgehandelten Ngoni-Laute.

Begegnungen mit den deutschen Acts oder den internationalen Superstars gab es vorher leider zuwenige, Bandleader Bassekou Kouyate wurde vom immerhin schon gemeinsam mit ihm aufgetretenen Bono nicht mehr erkannt. Während der durch seine Polit-Vorgespräche erklärtermaßen deprimierte U2-Sänger sich nach der Pressekonferenz erst mit Exklusiv-Steaks stärken musste, war Grönemeyer schon auf die Bühne geshuttelt worden, um die Massen zu begrüssen.

Zum Finale wurden die Zugpferde fataler Weise von ihren Stimmbändern im Stich gelassen. Die improvisierten Agit-Star-Darbietungen von Beatles-, Costello-, Marley- und Tosh-Songs, zu denen mit Youssou N´Dour und Bono auch his Bobness in weißem Anzug und Espandrillos auf die Bühne schlappte, wurden am ehesten noch von Hosen-Frontmann Campino durchgebracht, der vorher schon mit "Angela Merkel schmeisst 'ne Party & wir kommen nicht rein" auf den Punkt kam. Grönemeyer redete mitreissend, fiel dann aber in eine erbarmungswürdige Version von 'Stück vom Himmel'. Bei der das Event einiger Maßen versöhnlich beschliessenden Über-Nummer 'Mensch' mühte sich Gaststar Bono putzig mit dem deutschen Text, verschwand aber noch vor Ende, seinen Stimme schonenden Schal verlangend, hinter die Bühne.

Die Performances gegen Ende hin machten es selbsternannten Kulturkennern wie Helmut Karasek leider einfach, im Konservativ-Feuilleton später "Liedermacher-" und "Gröhlemeyer"-Bashing zu betreiben. "Keep The Promise" - die als Papp-Heads zum Konzert-Finale anwesende politische Prominenz hatte real in Heiligendamm wohl nur wenig von den von Grönemeyer & Co beschworenen Schallwellen real an sich heran gelassen. Die Enttäuschung über die verklausulierten Teilzusagen der Politiker, die hinter bereits getroffene Zusagen zurückfielen, war den Pop-Trommlern am nachfolgenden Tag denn auch anzumerken. Leider wurde es auch versäumt, die P-8-Acts zum Finale mit den anderen Aktivisten in extra aufgelegten Konzert-T-Shirts auf die Bühne zu bitten. So blieben am Abend auf dem IGA-Gelände zwischen den kommerziellen Pizza- und Pommesbuden neben einer Menge Konsummüll auch ein paar vergebene Chancen zurück.

Text: Stefan Rambow / cinesoundz.de