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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Anarchistische Pogo Partei Deichkind

Deichkind

Mit Ferris MC als Neuzugang und dem Album "Arbeit nervt" läuten die Hamburger nun die nächste Party-Runde ein. Dirk Mönkemöller bittet zum Tanz.
Geschrieben am
Die Band stand kurz vor dem Aus, als Deichkind vor drei Jahren entschieden, HipHop hinter sich zu lassen. Sie streiften sich die Kleider von den Leibern und wickelten sich in schwarze Müllsäcke ein. Die Party begann - und dauert bis heute an, dank "Remmidemmi" und einer exzentrischen Bühnenshow. Mit Ferris MC als Neuzugang und dem Album "Arbeit nervt" läuten die Hamburger nun die nächste Party-Runde ein. Dirk Mönkemöller bittet zum Tanz. Und Katja Ruge dokumentiert das Geschehen in farbenfrohen Bildern.

Es ist nicht ganz klar, wie viele von den Menschen, die heute Abend am Salon Schmück vorbeilaufen, einen Job haben. Es ist kurz nach 18 Uhr, und diejenigen mit Festanstellung dürften sich gerade auf dem Heimweg befinden. Interessiert gucken die Leute in das kleine Café, das vollgestopft ist mit Berliner Medienleuten und aus dem überaus laute Musik auf die Straße drängt. Aber keiner der Passanten bleibt stehen. Ist halt normal in Berlin, wenn zum Feierabend bereits ohrenbetäubend gefeiert wird. Könnte ein After-Work-Club sein.

"Arbeit nervt" heißt die Platte, die innen vorgespielt wird. Die Journalisten nicken zustimmend, auch wenn sie eigentlich gerade "arbeiten" und sich Notizen machen zum neuen Werk von Deichkind, immerhin gibt es Bier und Häppchen. Die Band selbst sitzt auf einer Couchgarnitur und trägt das Bühnenoutfit, das ihre Identität verschleiern soll, damit man im Alltag ungestört U-Bahn fahren oder im Bioladen einkaufen kann. Die Stehlampe neben der Couchgarnitur vibriert im Rhythmus der stampfenden Musik. Die Journalisten machen begeistert Handyfotos von der Szene.

Video: Deichkind - "Arbeit nervt"



Eine Stunde später haben Deichkind ihre "Arbeit" erledigt und ihre Mülltüten-Outfits abgelegt. Nun zeigt sich, wer sich hinter der Fassade verbirgt - und es gibt gleich mal eine Überraschung. Denn Deichkind, das waren mal die drei Hamburger HipHopper Philipp, Malte und Buddy. Aber mit HipHop haben sie gebrochen, und der Einzige aus dieser Zeit, der noch dabei ist, ist Philipp. DJ Phono ist auch noch dabei, aber inzwischen nicht mehr als DJ, sondern als der Mann, der die "Zitze" bedient. Wer sind die anderen Typen, die mir im Salon Schmück gegenübersitzen? Der eine heißt Sebastian Hackert und ist Produzent, Soundmann, Texter und die gute Seele der Band. Der andere heißt Porky und macht alles Mögliche, vor allem wohl Rappen. Nur virtuell anwesend ist Ferris MC, der Neuzugang der Band, das ehemalige Reimemonster, inzwischen auch abgeturnt von HipHop. Was kann man von einem Gespräch mit diesen Typen erwarten? Blödelei oder Ernsthaftigkeit? Ich lasse es lieber mal ruhig angehen mit der ersten Frage:

Erzählt doch einfach mal, was ihr so zum neuen Album erzählen wollt.
Philipp: Man könnte da ansetzen, dass die Band inzwischen aus zwei Fraktionen besteht, die in zwei getrennten Autos zu den Konzerten fahren. Das ist zum einen die Dinkel-Fraktion, das sind diejenigen, die nicht bei jedem Burger King halten, sich überhaupt gesund ernähren und auch nicht rauchen. Und zum anderen die Kapitalo-Fraktion, das ist dann gewissermaßen das Asi-Auto. Die halten bei jedem Burger King und unterhalten sich ausschließlich in Fäkalsprache.
Porky: Die Grenzen, wer zu welcher Fraktion gehört, sind allerdings fließend. In jedem steckt ein wenig Dinkel und ein wenig Kapitalo - dadurch harmonieren wir miteinander.

Was ist denn mit Ferris, wieso ist der beim Gespräch nicht dabei?
Sebastian: Soll ich ihn holen? Eine Sekunde bitte ... [ein tragbarer Computer wird angeknipst]

Wie kam es überhaupt zu dem Besetzungswechsel?
[Stimme aus dem Computer] Ferris MC: Ich habe Buddys Part beim Pokern gewonnen. Jetzt muss ich mit der Klöter-Clique die A7 rauf und runter. Ich habe die Arschkarte gezogen!

Beim Pokern gewonnen, aha. Porky, dich hatte ich bisher auch nicht auf dem Zettel. Wo kommst du her?
Philipp: Porky ist der Typ von Deichkind, den keiner kennt. Der ist als Gammler mit auf Tour gefahren, hat dann seine Fähigkeiten als Bassist zur Verfügung gestellt und sich im hohen Alter noch als Rapper entpuppt.

Wer Deichkind in den letzten Jahren live gesehen hat, auf einem der zahlreichen Festivals etwa, weiß, was die Kompetenz dieser Band ist: das Aufkochen einer heißen Partysuppe. Wer das noch nicht erlebt hat, gucke sich einfach die zahlreichen Videos auf den bekannten Internetplattformen an: das Crowdsurfen mit einem Schlauchboot etwa oder das Animieren des Publikums, die Bühne zu stürmen. Hinzu kommen die sloganesken Texte, die von der aufgepeitschten Crowd mitgegrölt werden. Ganz klar, bei Deichkind geht es um die sorgenfreie Party und das Betäuben von Alltäglichkeiten. Indie-Kids mit Manieren verziehen da schon mal angewidert das Gesicht und rufen: "Schützenfest! Ballermann!" Die Frage ist also: Können die nur Party, oder ist da noch mehr? Gibt es gar eine ernsthafte Ebene auf "Arbeit nervt"?

Habt ihr euch beim Albumtitel "Arbeit nervt" von der APPD inspirieren lassen?
Philipp: Eigentlich nicht. Auch nicht von Heinz Strunk. Das kommt alles von selbst aus uns heraus. Klar fanden wir das auch gut und lustig, was die APPD damals gemacht hat, aber die Parallelen sind ein Zufall.
Ihr macht ja gewissermaßen den Soundtrack für Jugendliche, die am Wochenende durchdrehen und all ihre Sorgen vergessen wollen ...
Porky: Nein, das stimmt nicht. Solche Leute kommen zwar auch zu den Konzerten, aber das Publikum ist total gemischt.
Sebastian: Als wir mit HipHop aufgehört haben, kamen zuerst überwiegend Leute in unserem Alter, aber seit einem Jahr sind viele Jüngere dazugekommen. "Remmidemmi" hat sich während der letzten drei Jahre tierisch durchgefressen, das läuft inzwischen auf jeder Abi-Party. Aber letztendlich ist unser Publikum sehr gemischt.

Video: Deichkind - "Remmidemmi" (live @ Melt! 2006)



Gibt es einen Unterschied zwischen dem Publikum der Jägermeister Rockliga und dem auf dem Melt!- oder Immergut-Festival?
Philipp: Nein!
Porky: Die jungen Leute sind heute nicht mehr so dogmatisch unterwegs. Die Jungs, die früher mit Pelle-Pelle-Jacke herumgelaufen sind und nur HipHop gehört haben, moshen jetzt auch zu Ed Banger ab. Die haben sich aus diesem Zugehörigkeits-Gefängnis befreit.
DJ Phono: Ich glaube schon, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Melt!- und dem Rockliga-Publikum, denn die Rockliga findet häufig in der Provinz statt. Klar sind die Leute da etwas anders drauf.
Porky: Dieses Undogmatische empfinde ich sehr als Erleichterung. Im Vergleich zu früher, als wir unsere Musik im HipHop-Knast gemacht haben, sind die heutigen Zeiten eine Wohltat. Die Leute feiern uns selbst auf einem Reggae-Festival ab.
Sebastian: Zu Zeiten von "Bon Voyage" gab es auf den Konzerten Leute, die haben Eintritt bezahlt, um während der gesamten Show den Fuckfinger zu zeigen. So etwas gibt es heute nicht mehr.

Es gibt ein Zitat von eurem Kollegen Tobias Lützenkirchen, der hat auf Spiegel Online über sein Publikum gesagt: "Diese jungen Wilden sind feiergeil und die wollen Abfahrt. Ich will nicht sagen, das ist erschreckend, aber manchmal denkt man schon, das ist jetzt zwei, drei Etagen zu krass." Empfindet ihr das auch so?
Sebastian: Nee, für mich kann es immer noch zwei bis drei Etagen tiefer gehen.
Porky: Die Leute sind vielleicht bessere Trinker geworden, aber so richtig frei machen die sich nicht. Da gibt es noch eine Barriere im Kopf. Ich wünsche mir mehr Freiheit und das nächste Level des revolutionären Aufstands in der Disco.

Habt ihr das Gefühl, dass, je schwieriger die Zeiten sind, umso härter gefeiert wird?
Sebastian: Nee, das ist ja gar nicht so, dass sich alle immer nur abschießen. Darum geht es uns auch auf "Arbeit nervt", um diesen gesellschaftlichen Druck, der ausgeübt wird, der es gar nicht erlaubt, den Stellenwert von Arbeit zu hinterfragen. Du musst ja immer funktionieren, darfst nie zu spät kommen oder mal einen Durchhänger haben. Kein Wunder, dass es als Gegengewicht so Dinge wie Komasaufen gibt. Und deshalb ist es mehr als legitim, auch mal zu behaupten, dass Arbeit nervt.

Der Song "Arbeit nervt" könnte inhaltlich von den Türen stammen, die Musik und Hook erinnern hingegen mehr an "Galvanize" von den Chemical Brothers und Q-Tip - ohne das Oriental-Gedudel. Das Ergebnis ist ein gestreckter Mittelfinger in Richtung Jobmarkt. Tanzbare Verweigerung. Sprachlich gewitzt wird das Thema im Song "Gut dabei" fortgeführt mit Lines wie "Wenn jeder so wie ich drauf wär, gäb's morgens keinen Berufsverkehr". Die heimliche Hymne des Albums trägt aber den Titel "Hört ihr die Signale" und entstand, wie viele andere Songs, in einem Ferienhaus in Dänemark. Hierhin zog sich die Band zurück, um nicht durch Zahnarzttermine und Ähnliches gestört zu werden. Der Song wurde morgens aufgenommen, als noch keiner besoffen war. Deichkind verquicken darin linke Slogans mit der Verherrlichung von Alkoholkonsum. Sie fragen: "Hört ihr die Signale, die Sauf-Signale?" und geben die Parole aus: "Kein Gott, kein Staat, lieber was zu saufen". Angeblich handelt es sich um eine Reflexion von Phänomenen wie dem Komasaufen. Und Philipp gibt zu, dass es Zweifel gab an dem Song: "Erst war es uns ein bisschen peinlich. Wir fürchteten, die Dose der Pandora zu öffnen. Aber dann hat der Song einfach gebockt."





Wie wichtig ist euch ein Album im Vergleich zu den Live-Auftritten?

Philipp: Beim dritten Album haben wir gemerkt, dass sich das umgekrempelt hat. Wir waren immer eine Major-Band, die auf Plattenverkäufe aus war. Dann haben wir gemerkt, dass man eigentlich gar keine Platten verkaufen muss, sondern viel besser vom Live-Geschäft leben kann.

Liegt für euch der Fokus nun auf den Konzerten?
Porky: Nein, diesmal ist es andersherum: Das neue Album ist gemacht für die Liveshow. Normalerweise sind Liveshows ja eine Werbeveranstaltung für ein Album.

Ihr habt zwei Mal bei der Jägermeister Rockliga mitgemacht. Ted Gaier hat in der Zeit kritisch über diese Veranstaltung geschrieben und euch in dem Text vorgeworfen, ihr und eure Fans hättet "keine Ideale, die zu verraten wären". Stimmt das?
Philipp: Das stimmt!
DJ Phono: Ich denke, es ist auch ein Ideal, keine Ideale zu haben. Und dass wir als Band keine Ideale haben, bedeutet ja nicht, dass wir als Einzelpersonen auch keine hätten. Unsere Band sehen wir als Experiment, wir wollen neue Dinge versuchen und uns dabei auch mal aus dem Fenster lehnen.
Philipp: Nach dem zweiten Album war bei uns die Luft völlig raus. Also haben wir uns gesagt: Lasst uns den Karren an die Wand fahren und den Laden dann dichtmachen. Ist doch egal.
Porky: Wir haben uns diese Müllsäcke angezogen. Und die Leute sind voll drauf abgefahren. Deshalb haben wir weitergemacht.
DJ Phono: Für mich persönlich ist bei dem Experiment Deichkind in den vergangenen Jahren einiges hängen geblieben. Dinge, die mich nach vorne bringen, aus denen etwas Neues entsteht. Wir betreiben ja quasi Gruppentherapie. Wir bezwingen etwa die Scham, die zwangsläufig entsteht, wenn man wie wir auf der Bühne herumturnt. Das funktioniert, indem wir in Rollen schlüpfen, dank der wir uns völlig frei bewegen können. Wir müssen auf diese Weise nichts legitimieren.
Philipp: In Bezug auf den Vorwurf mit den Idealen denke ich, dass es die Kids vielleicht auch anstrengt, Ideale haben zu müssen.
Sebastian: Im Gegensatz zu Medienschaffenden stellen sich die meisten jungen Leute gar nicht die Frage, ob die Rockliga cool ist oder nicht.

Ideale und Coolness hin oder her: Deichkind haben mit ihrem Experiment einiges gewagt und die Gitterstäbe des HipHop-Zwingers so weit auseinandergebogen wie kaum jemand vor ihnen in Deutschland. Der Zeitpunkt war der richtige, jetzt, da Rocker und Raver im selben Club feiern und auch die HipHopper am Tresen stehend ihre Köpfe wackeln lassen. Auch andere HipHop-Crews, die mit Credibility-Problemen in der Szene zu kämpfen haben oder einfach auf die Szene scheißen, haben den Weg von Deichkind eingeschlagen: Fettes Brot sind elektronischer und ausgelassener geworden ("Schwule Mädchen", "Bettina"), und auch K.I.Z. treiben die von allen Idealen befreite Partykeule durch die Gassen Berlins ("Hölle", "Pogen"). Deren Konzert diesen Sommer bei einem Ferienlager in Lloret de Mar hätte auch eine Idee von Deichkind sein können.

Müsst ihr euch nach einem Konzert eigentlich bei der Security entschuldigen?
Philipp: Nee, wir bedanken uns bei denen.
DJ Phono: Es gab natürlich in der Vergangenheit einige brenzlige Situationen bei den Konzerten. Deshalb gibt es inzwischen ganz klare Sicherheitsvorkehrungen, die mit der Security abgesprochen sind. Es soll ja niemand zu Schaden kommen.

Was passiert eigentlich bei dem Videodreh übermorgen?
Sebastian: Wir filmen eine Bierdusche.

Das müsst ihr erklären.
Sebastian: Wir verteilen manchmal bei Konzerten mehrere hundert bis tausend Bierdosen im Publikum, die auf Kommando gleichzeitig geschüttelt und anschließend geöffnet werden. Kannst du dir bei YouTube unter dem Stichwort "Bierdusche" ansehen.

Habt ihr da einen Sponsor für die Büchsen?
Philipp: Nee, die kaufen wir selbst. Wir gehen in irgendeinen Supermarkt und fragen nach einer Europalette Dosenbier. Natürlich das billigste.

Die Medienleute im Salon Schmück sind inzwischen fertig mit ihrer "Arbeit". Sie haben sich die neuen Deichkind-Stücke angehört und dabei hochpreisige Biere spendiert bekommen. Jetzt steigen sie in einen von der Plattenfirma bereitgestellten Bus-Shuttle, der sie zum nächsten Event fährt, einem exklusiven Showcase irgendeiner angesagten Kapelle. Was, bitte, soll an dieser "Arbeit" nerven? Kann es sein, dass Deichkind einfach den falschen Beruf gewählt haben?