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Deep House in Deutschland

Deutschland im Bett mit Deep. Labels in Leipzig, Frankfurt oder Hamburg knacken die amerikanische Groove-Formel. Compilations versprechen den Sound "From Deepest Germany". Haben die Deutschen etwa den Soul verstanden? Deep House Es geht um Tiefe und Wärme. Um die Beschwörung eines zurückgenomm
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Deutschland im Bett mit Deep. Labels in Leipzig, Frankfurt oder Hamburg knacken die amerikanische Groove-Formel. Compilations versprechen den Sound "From Deepest Germany". Haben die Deutschen etwa den Soul verstanden?

Deep House

Es geht um Tiefe und Wärme. Um die Beschwörung eines zurückgenommenen, repetitiven Grooves. So einer, der sich Zeit lässt, um zu kommen. "Die Art, wie die Musik dich berührt, ist kein intellektuelles Ding. Es ist rein physisch, als wenn dein Körper ganz natürlich bewegt wird. Du musst dich noch nicht mal anstrengen. Wenn ich sage, dass wir in Europa einen wesentlich intellektuelleren Zugang zur Musik haben, dann schau dir doch mal an, wie die Leute tanzen: Die Art, wie sie all die kleinen Bewegungen machen, das alles ist sehr kompliziert. Es ist nicht so, dass sie einfach den Rhythmus fühlen und sich dann gehen lassen."

So beschreibt Cyril Etienne in der DJ-Fibel "From Scratch" das transatlantische Übersetzungsproblem dieser Art von House Music. Cyril nennt sich DJ Deep. Er ist Franzose, und die Musik, über die er spricht, ist so amerikanisch, wie sie amerikanischer nicht sein könnte. Larry Heard, Ron Trent, Kerri Chandler oder Blaze heißen ihre Säulenheiligen. Chicago, New York und das angrenzende New Jersey sind ihr Mekka. Mitte der Achtzigerjahre entsteht dort Deep House. Eine Fusion von Techno und Soul. Eine Verfeinerung von Garage, dem New Yorker Nachfolger von Disco mit wilderen, elektrifizierten Beats.

Doch wo Garage oder Disco House den klassischen Songstrukturen von Strophe und Refrain treu bleiben, dehnt Deep House einfach die Zeit, seziert dabei rhythmische und harmonische Strukturen wie in einem anatomischen Lehrfilm. Beseelte Stimmen deuten den Song dabei oft nur an. Hochdosiertes Soul-Extrakt. Wie ein Flaschengeist kann es im entkorkten Zustand für kurze Momente Urgewalten entfachen. Andeutung, Verzückung, Steigerung, Glück. Das ist Deep House.

Boulevard Deutschland

Auch in Deutschland tanzt man seit Jahren zu Housemusik. In den Metropolen stellt Disco House mittlerweile den Standard-Sound für die großen, schicken Glitzerclubs. Die After-Work-Club-Kultur hat ihr übriges getan. Mousse T. und Boris Dlugosch kennen mittlerweile auch Sekretärinnen. Kommerziell erfolgreiche DJ-Produzenten wie sie schafften es in die Charts und damit auch in die Organe des öffentlich verwalteten Kulturpessimismus, das deutsche Radio. Doch auch die "tiefe" House-Bewegung setzt ihre Marken: Labels in Leipzig, Frankfurt, Dortmund und Hamburg verschreiben sich dem warmen Sound der Ostküste, professionalisieren ihre Strukturen und erhöhen den Output.

Leipzig

Beispiel Leipzig/Jena. Dort gibt es auffällig viele Deep-House-Labels: FM Records, USM, Freude am Tanzen, Moon Harbour. Ein Grund hierfür ist die gemeinsame Sozialisation im Leipziger Distillery Club. 1991 von einer Gruppe Kids zunächst illegal betrieben, später dann als e.V. legalisiert, entwickelte sich der Laden zum Ground Zero des ostdeutschen House-Movements.

Der Leipziger Frankman, 30, ist Betreiber des Labels FM Records. Er gilt als Mann der ersten Stunde, was den deepen Sound aus Leipzig anbetrifft: "Die Distillery war Anfang bis Mitte der Neunziger sehr wichtig für uns. Viele Leute, die heute selbst Platten und Labels machen, sind früher dort hingegangen. So ist wahrscheinlich der Sound of Leipzig entstanden. Die Leute sind ganz lange ihren eigenen Weg gegangen und hatten wenig miteinander zu tun. Erst im letzten Jahr wurde das anders: Die Gamat-Jungs haben auf FM Records produziert, ich habe einen Remix von Gamat gemacht. Gamat hat etwas für Freude am Tanzen gemacht. Mit Moon Harbour veranstalten wir in Leipzig jetzt ein neues Club-Projekt."

Die angesprochene Gamat-3000-Produktion für Freude am Tanzen ist übrigens der letztjährige Underground-Hit "Feeling Love", eine deepe Minimal-Bearbeitung von John Lennons "Love". Über den Weg der Tobias-Thomas-Mix-CD fand der geniale Track wiederum die Ohren von Kompakt-Fans und CD-only-Hörern. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, wie Vernetzung das Geschäft fördert. Zunächst einmal erhöht sie den Bekanntheitsgrad innerhalb der Szene und schafft so die notwendige Basis, um in größere Umlaufbahnen einzuschwenken.

Frankfurt

Auch aus der alten Technostadt Frankfurt kommen in den letzten Jahren immer öfter tiefe Houseklänge. Neben erfolgreichen Elektroniklabels wie Playhouse, Perlon und Infracom, deren stilistischer Eklektizismus immer wieder mal deepe Ableger erblühen lässt, konzentrieren sich andere Labels der Rhein-Main-Region ganz auf den soulfulen New-Jersey-Sound. Das Label Stir 15 zeigt einen weiteren Trend auf, der beweist, dass deutscher Deep House erwachsen wird: Neben 12-Inches wurden hier im letzten Jahr auch Alben produziert.

Die Langspieler von Glance und den Glissando Brothers klingen nach fetter amerikanischer Qualitätssahne. Noch besser: sie sind konzipiert und funktionieren auch außerhalb des Clubs, ein für deutsche Genre-Produktionen ziemlich frisches Phänomen. Überhaupt pflegt man bei den Deep-House-Labels der Bankenstadt die reine Lehre der amerikanischen Vorbilder. Bestes Beispiel derzeit: das Label Needs des gleichnamigen Frankfurter Produzententeams. Im Gegensatz zu den Leipziger Verbrüderungsstrategien definieren sich die Needs eher über die Abgrenzung zur deutschen Szene. Man orientiert sich an internationalen, in der Regel amerikanischen Vorbildern wie Kerri Chandler und Anthony Nicholson.

Needs-Mitglied Marek Bartkuhn: "Wir haben einen anderen Ansatz als viele andere der derzeit unter dem Label Deep House gehandelten deutschen Acts. Uns ist das Spirituelle, die Euphorie und Harmonie sehr wichtig. Viele andere Acts beschwören zwar verbal die Ahnengalerie des Deep House, ohne dass sich das in ihren DJ-Sets widerspiegeln würde. Die kommen dann doch eher deutsch rüber, eben mit einem Techno-Vibe." Doch wie sehen die Frankfurter Zeugen New Jerseys die Situation im Lande - gibt es den mancherorts beschworenen Deep-House-Trend überhaupt? "Als DJs können wir nicht feststellen, dass sich in der Clublandschaft in den letzten drei Jahren irgendwas zum Positiven verändert hat. Es gibt vielleicht fünf bis zehn Clubs in Deutschland, in denen regelmäßig gute Deep-House-Veranstaltungen stattfinden." Immerhin gestalten die Needs zusammen mit anderen Frankfurter House-Aktivisten den zur Zeit besten deutschen Deep-House-Club, das in Offenbach gelegene Robert Johnson.

Hamburg und Berlin

In Hamburg wird nicht nur Deep House produziert, sondern auch vermarktet. Bei EFA, einem der größten Indie-Vertriebe Deutschlands, hat man auch sein Herz für einheimischen Deep House entdeckt. In Berlin wurde mit Inhouse Recordings ein firmeneigenes Label gegründet. Im Juli 2001 erschien die erste Compilation unter dem Titel "Modern House Sounds >From Deepest Germany".

Darauf finden sich Produktionen der üblichen Verdächtigen aus Leipzig, Frankfurt und Hamburg. Im Januar 2002 folgt der zweite Teil. Doch Labelmanager Holger Wick betont, dass die landeseigene House-Wirtschaft eher in Gestalt der berühmten kleinen Brötchen daherkommt: "Mit weltweit 1.000 verkauften Maxis sind die Leute hier schon zufrieden. Verkaufst du 2.000 Stück, bewegst du dich innerhalb des Segments im oberen Drittel. Das ist kommerziell ein Witz, wenn man bedenkt, dass allein in Deutschland an einem Wochenende etwa 200.000 Leute in House-Clubs tanzen." Diese Zahlen belegen, dass die in Deutschland traditionelle Trennung von Tanzmusik und "Zuhörmusik" nach wie vor in Kraft zu sein scheint.

Ebenfalls in Hamburg befindet sich der größte deutsche House-Spezialvertrieb Word & Sound. Auch Betreiber Kai Fräger steht dem Trendverdacht in bezug auf deepe Houseprodukte aus Deutschland eher kritisch gegenüber: "Wir vertreiben die meisten deutschen Houselabels, mittlerweile sind es 25. Bei diesen Labels geht der Umsatz in der Tat beständig nach oben. Das liegt aber weniger an einer verstärkten Nachfrage als an der Tatsache, dass wir uns so sehr darum kümmern. Früher gab es halt niemanden. Heute haben Produzenten, Labels und Vertriebe den Ehrgeiz und die Professionalität, ihre Musik auch international zu vermarkten. Das hat eben ein wenig länger gedauert als bei anderen Genres. Deutschland ist ein Technoland, die Leute sind hier nicht so 'educated', was House anbetrifft. House kommt von schwarzer Musik, und Techno kommt vom Rock. Rock ist in Deutschland immer stark gewesen und schwarze Musik eben nicht. Wir verkaufen von einer gut laufenden Techno-Maxi 4.000 Stück. Von einer vergleichbaren Deep-House-Scheibe gehen vielleicht 2.000 über die Theke."

Deutscher Deep House stellt sich im Fazit also eher als Mini-Trend denn als Mega-Hype dar. Wenn man die Halbwertszeit von massiven Hypes wie 2 Step im letzten Jahr betrachtet, kann man sich über diese gesunde Art des langsamen Wachstums auch freuen. Schließlich geht es bei Deep House um Spiritualität und Demut, nicht um die Tanzboden-Weltherrschaft.

Hören ist besser als lesen: Von Lorenzo haben wir auch ein MP3 im Programm.

Deep House in Deutschland - Kurzinfos

FM Recordings / Word & Sound
Leipzig
Frankman

Moon Harbour / Intergroove
Leipzig
Matthias Tanzmann, Marlow

Freude am Tanzen / Kompakt
Jena
Wighnomy Brothers

United States Of Mars / Neuton
Schmalkalden
Korsakov, Martin Dash

Needs / Groove Attack
Frankfurt
Needs

Stir 15 / Word & Sound
Hanau
C Rock, Glance, Glissando Bros.

Dessous
Hamburg
Vincenzo, Gamat 3000

Records of Interest / Word & Sound
Hamburg
Superbird, Knee Deep Bros.

Draft / NTT Indigo
Dortmund
Lorenzo, Yoshino

Sampler

Inhouse Volume 1
(Inhouse / EFA)
Juli 2001 erschienen

Genuine Draft
(Draft / NTT Indigo)
Oktober 2001 erschienen

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