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Plans

Death Cab For Cutie

Drive Well And Sleep Carefully Plexifilm & Nada Surf The Weight Is A Gift City Slang / Rough Trade / VÖ 5.9. Zwei wirklich außergewöhnlich schöne Alben, deren Link untereinander natürlich mehr ist als das unbedingte Gefallen und das gemeinsame oktoberfestzeltgroße Genre Indie. Beide Platten
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Drive Well And Sleep Carefully
Plexifilm
&
Nada Surf
The Weight Is A Gift
City Slang / Rough Trade / VÖ 5.9.

Zwei wirklich außergewöhnlich schöne Alben, deren Link untereinander natürlich mehr ist als das unbedingte Gefallen und das gemeinsame oktoberfestzeltgroße Genre Indie. Beide Platten produzierte Chris Walla, seines Zeichens Gitarrist Death Cab For Cuties. Jene gelten in den feinen Kreisen ja längst nicht mehr als Geheimtipp, sondern sind mit einer Hand voll Alben (demnächst alle wiederveröffentlicht auf Barsuk Records) eigentlich Stil-Ikonen ihrer stillen Nische, die sie abseits von großen Strömungen wie Quiet Is The New Loud oder Wimp-Emo kultivieren konnten - wenngleich zu genannten Sparten musikalisch natürlich Verbindungen zu ziehen wären. Aber ähnlich wie Postal Service regierten sie Post-Indie unterhalb des Radars. Die bierigen Trüffelschwäne von Grand Hotel wussten natürlich um den Underground-Fame und hatten die alten schönen Alben der Band längst auf ihren Kontinentalflügen hoch und runter gehört und signten daher konsequent für Deutschland die letzte Platte "Transatlanticism". Mit dem neusten Werk ist die Band nun sogar bei einem Major angelangt. Das Geheimnis darf als gelüftet betrachtet werden. Death Cab schadet das nicht. Sie sind ja nicht Rage Against The Machine, sondern zerbrechliche Ästheten. Von nichts anderem erzählt das neue Album "Plans" und der stimmungsvolle Roadtrip der DVD "Drive Well And Sleep Carefully". Letzteres zeigt nicht ein Konzert am Stück, sondern einzelne Aufnahmen einzelner Konzerte. Fischauge, sei wachsam. Der Einblick in die dazugehörige Tour ist damit natürlich ungleich tiefer. Dazu noch Dokumentarisches, Proberaum-Shots, Interviews, Outtakes. Einfach ein musikalisch unterlegtes Poesie-Album, das von einer beschwerlich schönen Reise erzählt.

Aber jetzt zum neuen Album: Der Gesang changiert mehr denn je in diesem Spannungsfeld von so einer Vertrauen erweckenden Indie-Luschigkeit und künstlicher Manieriertheit, die zum Beispiel Jay Jay Johanson auf "Poison" so bildschön aufstellte. Die Produktion ist dermaßen ausgefeilt, dass die Songs an eine aufwändig gebaute Playmobil-Welt erinnern. Alles wie groß, nur viel feiner und nicht im pompösen Maßstab, wenn Musik über hochverdichtete Studio-Arbeit und Gefrickel am Songwriting ein vulgäres, übergroßes Szenario auffährt. Und alle Figuren lächeln und habe dieselbe gezackte Frisur. Neben dem goldschmiedenden Post-Indie-Kunsthandwerk gibt es natürlich auch weiterhin Songs, die ganz für sich stehen und klingen. "I Will Follow You In The Dark" - unverzerrte Gitarre only. Das reicht den Washingtoner Schmiegern auch völlig, um zu glänzen. Und wenn dann an dem anderen Ende der Medaille die Arrangements mit Vibraphon, Hall und Flanger an das monströs fühlige Spiegelkabinett Coldplays erinnern ("Marching Bands Of Manhattan", "Your Heart Is An Empty Room"), schaudert es dich kurz. Ist bei dieser Band vielleicht nur noch sky the limit - und wo bliebe ich bei so einer Entwicklung? Wer hält all die ganzen Hände, wenn es noch mehr werden?

Vielleicht Nada Surf, die haben ja sonst nichts zu tun. Quatsch. Die haben Jahre so hart an ihrem asymmetrischen Erbe geknabbert. Jetzt haben sie es auf. Der verhängnisvolle Hit "Popular" ist abgehakt, die vom amerikanischen Label nicht veröffentlichte Platte dem Schicksal verziehen und der Blick frei auf all die unspektakulär schönen Songs seither. Der neue Titel sagt: Die Last ist eben ein Geschenk - so viel katholische Schmerzträgerei ummantelt dabei nicht mal koketten Hedonismus, sondern ist ganz nah an sich dran. Dabei eröffnet das neue Album nicht ganz so überzeugend wie sein Vorgänger "Let Go". Man muss sich erst wieder runterkochen auf das Unprätentiöse der Band. Unprätentiöser Pop, dass dieses Oxymoron überhaupt funktionieren kann. Aber beim dritten Song "Always Love" ist man sich dessen wieder so sicher. Diese Mischung aus radiotauglichem Nichts und schöngeistig komponierten Emo-Untiefen besitzt einen ganz eigenen Glanz. Und wenn man sich anstrengt und ein bisschen an anderen Bewusstseinszuständen kratzt, meint man in dem steten wie graziösen Hall auf der Stimme die Walla-Produktion, mit der er auch seinen eigenen Sänger Benjamin Gibbard veranlagte, greifen zu können. Das, wie gesagt, ist vermutlich Einbildung. Auf die ich trotzdem stolz bin. Erhabenheit allerorten. Zwei Platten mit und für Utopien.