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Das Fest der Verstoßenen

Deafheaven live in Köln

Nach akkurater Vorarbeit von Myrkur behaupten Deafheaven im ausverkauften Gebäude9 ihren Status als Black-Metal-Boyband des Jahrzehnts – gewohnt stilecht zwischen den Stühlen. Wer braucht denn da noch Corpsepaint, bitte?
Geschrieben am
23.03.16, Köln, Gebäude9  

Eine Frau, die Metal macht, ohne dass es ihr jemand erlaubt hätte – darauf steht der Tod(!!!!11) –, stößt zu einer Band, die sich seit drei Alben am Metal die Zähne ausbeißt, sein Andenken beschmutzt und damit auch noch andauernd die falschen Leute beeindruckt (uns zum Beispiel). Soweit erstmal zur Konstellation des heutigen Abends nach Einschätzung reaktionärer Metal-Betonköpfe, die lieber die Kommentarspalten von Videoportalen mit pseudo-ideologischem Gestammel überziehen, anstatt sich im neuen Jahrtausend zur Abwechslung mal wieder von den Vitalfunktionen ihres Genres zu überzeugen.  

In der Realität wird das Gebäude9 heute Abend Austragungsort eines wunderbaren ökumenischen Miteinanders. Nur wenige sind Metalheads, wie sie die Sage beschreibt; dafür schöpfen Deafheaven (kurzhaarig, gutaussehend, ungeschminkt), die auf ihrer Europa-Tour von Myrkur unterstützt werden, einfach aus einem viel zu reichhaltigen stilistischen Genpool. Selbst frischere Etiketten wie Post-Black-Metal und Blackgaze wirken da schnell notdürftig. Ihre Vorkünstlerin, die Dänin Myrkur, lässt da schon mehr Tradition durchscheinen – obschon auch mit ihrer Umtriebigkeit kaum Schritt zu halten ist. Im einen Moment skandiert sie glasklare nordische Folklore, im nächsten krächzt sie abgehackt und vom Blastbeat umfegt in ihre Astgabel (sic). Ihre Wege: unergründlich. Ihr Sound: erfreulich plastisch für einen Support-Act.  

Die raumfressenden Klanglandschaften der Headliner hingegen lässt das Gebäude9 stellenweise arg verklumpen. Für Nadelstiche ist dennoch gesorgt: Frontmann George Clarke, wie gewohnt unter Starkstrom, stiert wahnhaft in die Menge und spießt Menschen mit seinem bloßen Blick auf. Er faucht, fuchtelt und schwitzt literweise, hat sich seiner Musik ganz und gar vor den Karren gespannt. Die Band bewegt sich so sparsam und hat derart unbeteiligte Mienen aufgesetzt, dass ihr Kopf umso mehr als besessenes Aufziehmännchen im Fokus steht. Die wilden Bilder der Publikumsinteraktion, die man von Shows in den USA zu Gesicht bekommt, mögen sich in Europa trotzdem noch nicht so recht wiederholen: Leidenschaft äußert sich heute Abend je nach Programmpunkt in ergriffenem Wegträumen oder maßvoll-genießerischem Halbmast-Headbanging.
Wo immer sich Publikumsteile – sei es aus rhythmischer Ungeübtheit oder wegen des nicht ganz so schmeichelhaften Sounds – in den breitformatigen Stücken verlieren, holen Deafheaven sie wieder ab. Plötzliche Tempowechsel, größenwahnsinnige Riff-Intermezzi und feinfühlige Harmonie-Oasen, die inmitten der grimmigen Kraftmeierei wirken wie leuchtende Farbkleckse in völliger Dunkelheit, sind Bonbons für die Sinne – die die Band einem aber immer wieder aus heiterem Himmel wieder entzieht, um einem die nächste Dresche zu verpassen.  

Ehe man realisiert, dass Deafheaven im Begriff sind, ihr neues Album »New Bermuda« komplett und en bloc aufzuführen, schwenken sie auch schon auf die Zielgerade ein. Die Auflösung im so händeringend heraufbeschworenen eigenen Verderben, sie naht. Fiebrig phantasiert Clarke vom Dahinschwinden und der lustvollen Aufgabe des eigenen Körpers. »Gifts For The Earth« – gewissermaßen »return to sender« in fatalistisch. Den finalen Nachhall aber besorgen andere Zeilen über die Kunstform Sterben. »Dream House« ist der erste, letzte und einzige Titel von außerhalb des »New Bermuda«-Fünfecks. Den Bandleader hat der Wahnsinn schon gespalten: »I am dying« – »Is it blissful?« – »It's like a dream« – »I want to dream.« Trueness hin oder her: Das muss er sein, der Stoff, aus dem Gänsehaut ist.