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Kontaktfeuer

Deafheaven live in Berlin

Es ist ein Geben und Nehmen: Deafheaven elektrisieren Berlin, und Berlin tut alles dafür, dass sich die Band wie daheim benehmen kann. Oder umgekehrt? Plötzlich ist es jedenfalls da: das sagenumwobene Band zwischen Musikern und Publikum.
Geschrieben am
02.05.17, Berlin, Bi Nuu

Es gibt gestochen scharfe Aufnahmen aus den Staaten, auf denen unternimmt George Clarke recht ausgefallene Dinge: Er stagedivet, er sabbert, er schmeißt das Mikro ins Publikum und er lehnt sich wie ein siegestrunkener Sportstar in die wilde Meute, die gierig nach seinen Armen und Händen tentakelt. Einmal einschlagen, einmal begrabbeln, einmal irgendwie die ungeheure Energie dieses manischen Bühnenteufels aufnehmen – das scheint für viele Fans der Schlüssel zur maximalen Ekstase zu sein, sollte das nicht schon der Schweiß Clarkes besorgt haben, der sich wie Weihwasser aus seinem Haar über die ersten Reihen verteilt.

Auf europäischem Boden waren solche Szenen bislang kaum zu sehen. Sicher: Clarkes besessenes Stieren, das hochgereckte Kinn, die dirigierenden, anstachelnden Handbewegungen, die ruhelosen Hakenschläge – darauf musste auch hier bei uns niemand verzichten. Das letzte, entscheidende Quäntchen zur Einswerdung aber schien hierzulande lange zu fehlen; es blieb eine gewisse Distanz, die Bühnenkante als rote Linie. Heute jedoch bricht im Bi Nuu das Eis, man wird selbst Teil der intensiven Szenen und das vielzitierte Band zwischen Band und Publikum ist überall im Raum wortwörtlich greifbar. Wer für Metal gekommen und wer Hipster ist, ist spätestens jetzt egal.

Moshpits brechen auf und fressen sich wie Amöben durch den Saal, und wann immer er kann, hechtet George Clarke in die Menge, lässt sich auf Händen tragen und zweimal sogar das Mikro dort zurück. Bis es zu ihm durchgereicht ist, performt er einfach ohne. Die Magie des Moments darf nicht implodieren, sie wird noch gebraucht. Denn heute kommt jedes Album dran: die »New Bermuda«-Brecher rütteln das Haus wach, »Language Games« von »Roads To Judah« klingt wie aus dem Ei gepellt, die lautstark bejubelten »Sunbather«-Pflicht-Hits hebt man sich zu Recht fürs Finale auf. Und man überrascht mit einer süßen alten Kamelle, »Cody«, (kurz für: Come On Die Young), dem Mogwai-Cover aus Gründungszeiten, selbstverständlich in panoramischer Blackgaze-Manier hochgestylt.
Dabei hatte es eher holprig begonnen. Es herrschte viel Gesprächsbedarf zwischen den Stücken. Die Abmischung missfällt zunächst, Monitorboxen stehen ungünstig, die Lightshow hinkt hinterher. Und nicht nur die: Des Öfteren spielen die Musiker um Nuancen aneinander vorbei und müssen zueinander aufschließen. Der vom Frontmann verursachte Wirbel hilft auch hier: Während Clarke alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, können die Kollegen sich ganz auf ihre Instrumente konzentrieren, und so fügen sich die Puzzleteile Black Metal, Shoegaze und Post-Rock dann doch noch zu dem zusammen, was Deafheaven ihre Vermittlerstellung in der Genrewelt beschert hat.

Um Punkt 22.00 Uhr ist Schluss. Nanu, Polizeistunde? Vielleicht wäre es auch einfach zu schön gewesen. Dass Deafheaven keine Zugabe spielen – und ihrem Publikum damit auch den im Laufe der Tour erprobten Closer »The Pecan Tree« mitsamt all seiner Epik vorenthalten –, verblüfft jedenfalls angesichts der bis zuletzt ekstatischen Stimmung. Man kann eben nicht alles haben – selbst heute Abend nicht. Aber immerhin ein fetziges Bandshirt liegt noch im Rahmen des Möglichen. Schließlich war diese Vorstellung auch ohne nussiges Ende durchaus ein Souvenir wert.

Deafheaven

New Bermuda

Release: 02.10.2015

℗ 2015 Deafheaven, under exclusive license to Anti, Inc.