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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»The Next Day«

David Bowie

Der Meister gibt sich vielfältig. Wen wundert's?
Geschrieben am

Der Künstler als utopische Projektionsfläche, gar als Prototyp eines neuen Menschen – diese Zeiten der Siebziger und frühen Achtziger sind endgültig vorbei, selbst wenn sie selbst als ästhetische Form scheinbar ewiglich unter dem Zuweg Retro weiterexistieren werden. Dabei aber hat man es wie einst im Kommunismus nur mit der einbalsamierten Leiche von Lenin zu tun. Die bringt Geld in den Klingelbeutel der Partei, hält die Erinnerung wach – dennoch: tot ist tot.

Tot wähnte man David Bowie, der vor zehn Jahren mit Mitte 50 einen Herzinfarkt auf der Bühne erlitt nicht, doch seine Zeit hatte sich zuvor bereits längst erledigt. So schickte sich eine Figur in Rente, deren Anteil am Glam und der Verheißung von Pop nicht hoch genug zu schätzen ist. Der Protoyp des Thin White Duke, die galaktische Utopie Ziggy Stardust. Hach! Da werden die Älteren wehmütig und die Jüngeren haben nicht mal angefangen, diese Zeilen hier zu lesen. Bowie ist gewesen, lebt noch in Plattenschränken von Zeitzeugen oder altgedienten Popfanatikern. Doch abgeschlossen ist die Discographie nicht. Die alte Zitrone hat noch sehr viel Saft, wie es einst Lotti Huber sang. Bei Bowie verwundert das ob der Zurückgezogenheit der letzten Dekade allerdings schon. Und aus Verwunderung wird schnell Begeisterung. Hurra, Bowie und ich leben noch, steht sogar in hunderttausenden Timelines bei Facebook!
 
Der deutsche Blickwinkel auf den globalen Künstler bekam zudem mit der ersten Single »Where Are We Now« den ganz großen Bonustrack – dort wird das (na, klar) alte Berlin besungen. Mit einem zeitlos klackerigen Instrumentarium, sehr gediegen, fast schon wieder richtig toll. Ein Song mehr als ein Achtungserfolg – ein echter Hit. Die restlichen Stücke zeugen überdies von Vielfalt, Interessiertheit und überraschen immer wieder, gerade wenn man denkt, jetzt habe er sich doch irgendwie festgecroont. Soul, Pop, sogar bisschen Ska und die Produktion sieht sich nicht unbeeindruckt vom aktuellen Dubstep-Hype.
 
Wird Bowie im dritten Lebensabschnitt doch noch ein neuer Leonard Cohen? Also jemand, der die Veteranen so gut bedient, dass diese sich abgeholt und mit ihren Vorlieben weniger abgehängt fühlen dürfen? Möglich. Wahrscheinlicher ist aber, dass das hier nur eine kurze Episode abseits seiner Eremitage bleibt. Aber eine sehr schöne. Klingt banal als Fazit? Falsch, denn Schönheit ist nie banal.

In drei Worten: Utopie / Alter / Berlin