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Das zweite Ich

Planningtorock

Die Multimediakünstlerin Janine Rostron verbindet als Planningtorock seit einigen Jahren exzentrisches Songwriting mit extravaganten Bühnenperformances. Für die Veröffentlichung ihrer neuen Platte »W« hat sie sich nun im besten Sinne des Wortes runderneuert. Hanno Stecher hat sie erzählt, warum Requisitenknete subversives Potenzial besitzt und wie sie an einen Plattendeal mit DFA Records gekommen ist. Foto: Norman Konrad
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Bisher kannte man Janine Rostron a.k.a. Planningtorock dafür, auf der Bühne und auf Pressefotos ihr Gesicht hinter irren selbst gemachten Masken in amorphen Formen zu verbergen. Für ihr neues Album »W« hat sie sich eine sehr viel subtilere Strategie zur Verfremdung ihres Erscheinungsbildes ausgedacht: Sowohl im Video zu ihrer Single »Doorway« als auch in aktuellen Shootings inszeniert sie sich als extraterrestrisches Wesen mit hervorstechender Stirn und zwei geschwungenen, fast schon an eine griechische Skulptur erinnernden Höckern auf der Nase. Die Idee kam ihr im Vorfeld ihrer Promotermine beim Stöbern in einem Geschäft für Theaterutensilien.

Dort stieß sie auf ein Päckchen Theaterknete zur Gesichtsmodellierung, mit welcher sie dann zusammen mit ihrer Visagistin zu Hause herumexperimentierte. Das Ergebnis ist verblüffend: Obwohl sich der kosmetische Eingriff nur auf Stirn und Nase beschränkt, wirkt Janine auf irritierende Weise androgyn, beinahe maskulin. Aber eben nur beinahe: »Mir ging es darum, durch das ‘Übertreiben’ mit der Knete etwas zu schaffen, was die Realität ins Wanken bringt , erklärt Janine Rostron im Interview. »Besonders spannend fand ich es, mit Ideen von Weiblichkeit herumzuspielen. Zum Beispiel mit der Frage, wie sich Frauen normalerweise öffentlich darstellen oder was von ihnen erwartet wird, was als ‘schön’ oder ‘hässlich’ empfunden wird. Ich habe versucht, diesen Erwartungshaltungen etwas entgegenzusetzen und eine andere Form von Weiblichkeit vorzuschlagen, etwas, was sich nicht klar als ‘männlich’ oder ‘weiblich’ lesen lässt.«

Sound braucht kein Geschlecht
Der Anspruch, mit ihrer Arbeit die trotz etablierter Metrosexualität und derzeit im Trend liegenden engen Karottenhosen nach wie vor ziemlich unerschütterliche Geschlechter-Zweiteilung in Frage zu stellen und sich mit einer gewissen Ironie über sie zu erheben, war seit jeher ein wichtiger Antrieb für Janine Rostron. Dabei ist ihrer neuen Platte »W« weit mehr als dem schrulligen Vorgänger »Have It All« ein extrem bedachter Umgang mit Sounds anzuhören. Hatte »Have It All« mit seinen trashigen Synthies, Pizzicato-Sounds und ihrem oft vielstimmigen, meist hohen Gesang einen sehr viel ironischeren DIY-Charakter, kommt »W« eine ganze Ecke getragener und düsterer daher.

Gleich beim ersten Hören fällt auf, dass sie ihre Stimmlage auf einem Großteil der Songs um eine gefühlte Oktave heruntergeschraubt hat, teils tatsächlich durch tieferes Singen, teils unterstützt durch elektronische Mittel wie Hall und Gepitche. Damit kommt ihre Stimme ähnlich androgyn und geheimnisvoll daher wie das durch die umgekehrte Schönheits-OP von ihr erschaffene Wesen. Was sogar der Sängerin selbst nicht immer ganz geheuer war: »Es ging mir auch beim Verändern der Stimme darum, etwas zu verstärken und zu übertreiben, um es intensiver zu machen. Gleichzeitig stellt sich dann plötzlich auch die Frage: Wer singt das eigentlich? Wer ist das? Das war für mich auch total spannend, ich fühlte mich bei den Aufnahmen oft mir selber fremd. So, als würde jemand anderes dabei zurücksingen. Aber ich bin eben auch nicht die Art von Künstlerin, die ihr ‘wahres Ich’ ausdrücken will. Ich wüsste überhaupt nicht, was das ist.«

Unterstützt wird das durch den Gesang hervorgerufene Gefühl von Entfremdung durch die das ganze Album begleitende Instrumentierung: schwerfällige Saxofon-Laute, dunkle, atmosphärische Synth-Teppiche und spartanische Drum-Beats – die Drums wurden übrigens eigens für die Platte vom Isländer Hjörleifur Jónsson eingespielt und neu arrangiert. Treu ist die ausgebildete Violinistin lediglich ihren nervösen gezupften Geigen-Sounds geblieben, die gewissermaßen das Bindeglied zum Vorgängeralbum darstellen.
 
Unter Hipster-Boys
Erschien das Debüt »Have It All« noch auf Janines eigenem Label Rostron Records (als bisher einzige Veröffentlichung), dockt sie nun bei DFA Records an, das mit Künstlern wie YACHT und Holy Ghost! derzeit wieder sehr around ist. Dort ist sie die erste weibliche Solo-Künstlerin. Der Kontakt kam über Labelmitbetreiber und LCD-Soundsystem-Frontmann James Murphy zustande: »Er hat mir bereits Ende 2006 eine E-Mail geschrieben, in der stand, dass er meine Sachen sehr mag. Damals musste mir noch meine Managerin erklären, wer das eigentlich ist, aber ich habe mich natürlich bedankt, und wir haben uns weitere E-Mails geschrieben. Er hat mich dann eingeladen, mit LCD Soundsystem auf Europa-Tour zu gehen, was ziemlich seltsam war, weil das, was ich mache, ihrem Publikum offensichtlich durchgeknallt vorgekommen ist. Trotzdem hat er mir danach angeboten, mein zweites Album herauszubringen.«

Doch auch wenn ein klassisches Rockpublikum dem sperrigen Gesamtkunstwerk Planningtorock nach wie vor nur zögerlich etwas abgewinnendürfte: Im Netz deutet sich derzeit an, dass »W« das Projekt weit aus seinen bisherigen Zusammenhängen herauskatapultieren könnte. Denn fand man Janine Rostrons Anhänger bisher noch eher in Kunstzusammenhängen oder in popfeministischen oder queeren Kontexten, schien im Februar kaum eine halbwegs anspruchsvolle Musikplattform im Netz ohne ihr Video »Doorway« auszukommen – sei es Pitchfork, The Fader oder RCD LBL.

Das hängt allerdings sicherlich nicht nur mit dem DFA-Release, sondern wohl auch mit der Tatsache zusammen, dass der Name Planningtorock im vergangenen Jahr durch Janines Zusammenarbeit mit The Knife an der Electro-Oper »Tomorrow, In A Year« immer wieder gefallen ist. Zumal gerade die zahlreichen Fans von The Knife an Rostrons entrückten Sounds Gefallen finden dürften. Auch wenn sie selbst betont, dass gewisse Überschneidungen gerade bei der Art und Weise, wie sie auf »W« ihre Stimme benutzt, reiner Zufall sind und nicht wirklich was mit ihrer Beziehung zu den Dreijer-Geschwistern zu tun hat.

Tatsächlich gibt es jedoch durchaus eine Parallele zwischen den beiden künstlerischen Ansätzen von The Knife und Planningtorock: Beiden geht es mit ihren Pop-Inszenierungen darum, Verschiebungen und Irritationen hervorzurufen und zugleich neue, noch unentdeckte Räume zu besetzen. Auch wenn Janine Rostrons Selbstverständnis sehr viel stärker von der Motivation geprägt ist, kritische Fragen zu Vorstellungen von Körper und Geschlecht zu stellen.

Dabei sollte man das Projekt Planningtorock schon alleine deshalb ins Herz schließen, weil es zeigt, dass subversiver Pop auch in der Ära Gaga nach wie vor gut ohne Bataillone kreativer Vordenker und lautes Getöse auskommt. Auch wenn das derzeit bisweilen ein wenig in Vergessenheit zu geraten scheint: Ein bisschen Authentizität – so problematisch das Wort sein mag – tut manchmal eben doch auch mal ganz gut.