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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das waren die Nuller: Irgendwie 80er-mäßig

Das Jahrzehnt des Revivals

Als Estland uns warnte, war die Sache eigentlich bereits gelaufen. 2003 verkündete deren Kandidat beim "Eurovision Song Contest": "Eighties Coming Back"!
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Als Estland uns warnte, war die Sache eigentlich bereits gelaufen. 2003 verkündete deren Kandidat beim "Eurovision Song Contest", die Band Ruffus: "Eighties Coming Back"! Von Oliver Tepel.

"You said 'Let's do it' / 'Let's take it out and dance all night' / But those deep synthesizer sounds freak you out / And now you wake up in the middle of the night / In terror and all you do is cry."

Man sollte meinen, dass was derart auf der großen Showbühne der Euro-Star-Träume angekommen ist, kaum mehr Top-Thema sein kann - ist es aber, nicht nur auf diesen Seiten. Die Sonntagsausgabe der FAZ bemerkte am 26. April dieses Jahres, dass die Mode der 80er zurückgekehrt sei, und ließ eine 1980 Geborene pro und eine 1966 Geborene kontra das Phänomen streiten.

Die Ältere verriet sich als langweiliges Kleinstadt-Mädchen und verwies auf eine Version des Jahrzehnts, die ästhetisch wie inhaltlich tatsächlich von begrenztem Reiz war. Doch erinnerte ihre Perspektive aus Nena, Leggings und Golf GTI an die Aufsplitterungen, welche Pop seit den frühen 70ern und dann massiv zwischen 1979 und 1989 gekennzeichnet hatten. Verästelungen, so weit, bis es keinen gemeinsamen Nenner mehr gab. Nahezu nichts, auf das Klassentreffen heute als Partysound zurückgreifen können, ohne Streit zu provozieren.

Denn trotz ihres Angriffs auf alle Ideen des "Echten" und inmitten aller bewussten Strategien nahmen sich die 80er irre ernst. Nur so konnte damals eine Revivalkultur entstehen, die Fachbücher zu richtigem Styling und Gestus hervorbrachte: Ein langsam abebbendes Rock'n'Roll-Revival und ein komplettes 60er-Revival prägten die 80er mindestens so wie der Synthiepop, und sie wurden mit griesgrämiger Akkuratesse durchgezogen. "Wegen deines schicken 66er-Anzugs hast du wohl zwei Jahre lang keine Schuhe kaufen können, oder warum trägst du sonst dazu so 1964er-Loafer?" wäre kein unüblicher Mod-Kommentar jener Zeit gewesen. Man war gern mal einander Feind, und im (nicht selten eintretenden) ungünstigsten Fall gab's für den falschen Dresscode was aufs Maul.


Revival - Stil versus Trend
Seinerzeit verstand sich ein Revival nicht als Mode, sondern als Stil, eine ernste Sache, gleich einem kompletten Lebensentwurf, ganz egal, wie klischeeisiert und dämlich der auch sein mochte. Das 80er-Revival der letzten Jahre sah sich als Trend, es wurden keine Ideologien, sondern Klamotten und Sounds angeeignet. Dies beschreibt einen fundamentalen Wandel in der Popkultur: ein Verlust an gefühlter Bedeutung und eine daraus resultierende Freiheit der Wahl. Dazu passt die Mode der frühen 80er mit ihrer Freude an bunten, individuell kombinierbaren Details. Nach den uniformen 90ern sieht man wieder Leute, die etwas Extravaganz wagen und zugleich an einem egalitären Angebot aus recht günstiger, aber hipper Kleidung partizipieren. Dabei entstand ein Look, der sich nur vage an die historischen Vorbilder anlehnt oder die Akzente so verschiebt, dass Mädchen zur Neo-Synthie-Wave-Musik in einem 80er-Hardrock-Dorfdisco-Outfit tanzen.

Als Estland uns warnte, war die Sache eigentlich bereits gelaufen. 2003 verkündete deren Kandidat beim "Eurovision Song Contest", die Band Ruffus: "Eighties Coming Back"!

Ein Revival sucht nach dem Originären seiner Zeit, was bei den so sehr von Revivals durchzogenen 80ern eine enorme Filterung voraussetzt. Das mag zum Teil erklären, warum wir uns seit der ersten Zoot Woman beständig um 1981 drehen. In den letzten neun Jahren hatten wir nun diverse Varianten von Synthiepop und/oder kurzen Gitarrenstücken. Selbst bei La Roux oder Little Boots drehte sich 2009 alles um schillernden, kühlen Post-Punk-Glam mit Disco-Nachwehen.

Allerdings waren schon 1982 viele dieser Posen passé, galten als blödes Klischee. Plötzlich ging es um Drama: Was heute vielen cheesy erscheint, war cool - und was sich kühl gab, war gestern. Dieses Spiel funktioniert nur, wenn Stile und Haltungen sich schnell wandeln und es um irgendwas zu gehen scheint: einen Vorsprung, subversive Kraft, was auch immer. Die Trends wurden in den folgenden Jahrzehnten aber so langsam, dass einiges aus den 80ern gar nicht revivalbar ist, da es mit eher kleinen Veränderungen in Sound und Stil immer noch existiert: bombastischer Pop-Rock, diverse Core- und Metal-Stile, High-Tech-R'n'B, HipHop, House, Techno.
Die Momente eines Revivals sind entweder voll sentimentaler Energie einer akkuraten Rekonstruktion, oder sie testen einstmals Unmögliches aus: Das machte Zoot Womans Debüt so spannend, da es fragte, was aus einer Kommunikation zwischen Heaven 17 und Hall & Oates entstanden wäre.


Ansonsten heißt das Variieren der 80er in den letzten zehn Jahren stets: "Lass es rocken!" Warum genau das vor 25 Jahren vermieden wurde, ist heute kaum noch vermittelbar. Wie sollte es auch anders sein? Die einstige enorme Aufladung jeder Geste erscheint heute gleich einem barocken Stillleben, kaum dechiffrierbar und für viele auch von leidlich begrenztem Reiz. Die in den 80ern zelebrierte Postmoderne ist heute Realität, und niemand muss sich mehr durch ein übercodiertes und historisiertes System schlängeln, um dann irgendwann eine Aussage machen zu dürfen.

So sahen wir zehn Jahre lang: "Anzug plus schmale Krawatte"-Bands, die mit Spreizbeinsprung und fliegenden Haaren so aussahen, wie sich die hilflos überforderte US-Musikindustrie einst "New Wave" vorgestellt hatte. Die Popkultur wurde langsamer und die Revivals flüchtiger - passend zu einer müden, subjektivierten Gesellschaft. Dennoch stricken Journalisten an historischen Verknüpfungen, suchen nach Relevanz in Begriffen, die längst obsolet sind. De facto ist es egal, was wie und warum nach 1981 kam. Nein, Ruffus hatten nicht recht: Die 80er kamen nicht zurück, nur ein paar ihrer Sounds. Und nun ist wirklich Platz für eine andere Art, jung zu sein.

Mehr Jahrzehntrückblick unter www.intro.de/spezial/dienuller.