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Bildergalerie: Heavy Metal auf dem Lande

Das war das Wacken 2010

Wer zum Wacken geht, sollte die Ironie zu Hause lassen: Ein ernsthafteres und hingebungsvolleres Fantum findet man höchstens noch beim Fußball. Peter Flore findet beides gut und war vor Ort.
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Wer zum Wacken geht, sollte die Ironie zu Hause lassen: Ein ernsthafteres und hingebungsvolleres Fantum findet man höchstens noch beim Fußball. Peter Flore findet beides gut und war vor Ort.

05. - 07.08.2010, Wacken, W:O:A 2010.

Es ist und bleibt ein Phänomen: Unterhält man sich mit eingefleischten Metalheads über das Festival in Schleswig-Holstein, so erhält man durchweg die gleiche Antwort: "Wacken? War früher geil, aber ist jetzt viel zu kommerziell!" Und auch vor Ort wird dieser Generalvorwurf gerne lautstark wiederholt, wenn man mal wieder 3,50 € für das Bier und 6 € für das Thai Curry bezahlen muss. In der Hinsicht unterscheidet sich der klassische Metalfan nur unwesentlich vom Fußballfan: Früher war alles besser, heute geht es nur noch ums Geld. Aber wir kommen natürlich wieder. Weil wir nicht anders können.

Und so waren es auch an diesem Wochenende wieder rund 75.000 Fans, die sich das größte Metalfestival der Welt gaben, vom überzeugten Black-Metaller in stilechtem Corpse Painting mit Patronengürtel bis zum Met trinkenden Wikinger war alles vertreten. Keine Frage, das Wacken ist ein Großereignis und zieht dementsprechend natürlich mittlerweile auch Mainstream-Publikum und Mainstream-Presse an, nicht zuletzt die erfolgreiche Doku "Full Metal Village" dürfte daran nicht ganz unschuldig sein.
Dass Gimmicks wie der schon traditionelle Auftritt der Wacken-Feuerwehrkapelle, Wet-T-Shirt-Contests oder Wrestlingmatches zur Rundum-Bespaßung des Eventvolks einen nicht gerade kleinen Teil des Drumherums oder wie böse Zungen behaupten: der Hauptveranstaltung ausmachen, ist der übliche Kolleteralschaden jedes Events einer solchen Größenordnung. Der Gedanke, sich zu Alice Cooper, Iron Maiden oder Slayer mal 3 Tage lang in Nostalgie und Schlamm (bzw. eher Staub) zu aalen, ruft eben auch Trittbrettbanger auf den Plan. Wer allerdings zum Wacken fährt wie andere Leute in den Zoo hat die Rechnung ohne den Fan gemacht, mit Ironie kommt man hier nicht weit und sie ist auch völlig fehl am Platze: Der durchschnittliche Metalfan zeichnet sich immer noch durch eine immense Begeisterungsfähigkeit und Hingabe aus, ein Großteil der Wacken-Besucher findet den überraschend runden Auftritt von Mötley Crüe (in Originalbesetzung) am Donnerstagabend nämlich wirklich gut und würde das auch in einem anderen sozialen Umfeld bestätigen - statt sich dessen heimlich zu schämen. "Guilty Pleasure"-Anhänger werden dann beim Auftritt von Iron Maiden (dem eigentlichen Highlight schon am ersten Festivaltag) auch gleich mal enttäuscht: Statt Hits-Hits-Hits gibt es fast durchweg Material der letzten drei Alben, inkl. dem am kommenden Freitag erscheinenden neuen Studioalbum "The Final Frontier", also der Phase seit dem Comeback von Sänger Bruce Dickinson, der einen gewohnt (und dennoch bemerkenswert) fitten Eindruck macht. Immerhin: Gegen Ende gibt es dann doch noch "Fear Of The Dark", "Hallowed Be Thy Name", "Iron Maiden", "Number Of The Beast" und "Running Free".

Sicher, ein Gros der Bands hätte auch vor 10 - 20 Jahren auf dem Billing stehen können: Overkill, Fear Factory, Soulfly. Wieder andere gelten trotz des vermeintlich antiquierten Sounds als Hoffnungsträger in Sachen harter Rockmusik aus Deutschland: Edguy um Szene-Paradiesvogel Tobias Sammet (Avantasia) beispielsweise supporten die Scorpions auf ihrer Abschiedstour durch Deutschland und bringen die Massen kollektiv zum Feuerzeugschwenken und Mitklatschen, mit Hilfe des ausgeborgten Helloween-Bassisten Markus Großkopf, der als Gast beim Gig der Fuldaer auf der True Metal Stage mitturnt: Man kennt sich und trifft sich auf und hinter der Bühne. Und Tobias Sammet, der polarisierende Springinsfeld, verkörpert mit seinem überaus erfolgreichen Avantasia-Projekt seit nun schon neun Jahren und 5 Studioalben, worum es geht: Dass es echte Metalfans eben besonders ernst meinen mit ihrer Liebe. Immerhin hat es der gerne mal in Kuhfellhosen auftretende Sänger auf seinen Avantasia-Platten geschafft, alle seine alten Helden zu versammeln: Von Klaus Meine über Michael Kiske (Ex-Helloween) bis Alice Cooper. Im Fußball würde man sagen: So einen positiv Verrückten brauchst Du!

Am Tag davor haben Grave Digger ihr Schottland-Konzeptalbum "Tunes Of War" mit einem Haufen Bagpiper und den Gastsängern Hansi Kürsch (Blind Guardian) und Doro in voller Länge aufgeführt und Slayer die "Black Metal Stage" in irreführendes Blutrot gehüllt. Dass ein Szene-Urgestein wie die Band Amorphis schon gegen mittag auf die Bühne muss, zeigt wie es um die Stardichte auf dem Wacken bestellt ist. Unverständlich allerdings warum die wiederauferstandenen Anvil nach Slayer gegen 1 Uhr am frühen Sonntagmorgen etwas verloren auf der "True Metal Stage" randurften: Den neuerlichen Fame nach dem Erfolg der tollen Doku "Anvil! The Story Of Anvil" gönnt man ihnen zwar von Herzen, trotzdem wird aus ihnen über Nacht kein Headliner. Die Lücken im Publikum wurden größer und Steve "Lips" Kudlows sympathische Art ist auf einer kleinen Bühne in intimem Rahmen deutlich besser aufgehoben

Eine Band wie Die Apokalyptischen Reiter hingegen bringt auch gegen nachmittag schon einen ordentlichen Moshpit vor die Bühne. Der sich allerdings nur bedingt austoben darf, denn immer wieder gibt es vom Veranstalter die Order über die Videoleinwände: "No Circle Pit Please. No Wall Of Death. Thank You." Früher hätte man darauf vielleicht keine Rücksicht genommen...


Eine umfassende Bildergalerie zum Wacken 2010 findet ihr hier.

Verlosung: Zur Wacken-Nachbetrachtung verlosen wir 10 Exemplare des Buches zum gleichnamigen Film "Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft", erschienen bei Heyne Hardcore. Mit einem Vorwort von Slash! Schreibt dazu eine Mail an verlosung@intro.de, Stichwort: "Anvil".