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Das war das Reeperbahn Festival

Die ohnehin überlaufene Amüsiermeile platzte am Wochenende aus allen Nähten. Intro war natürlich dabei.
Geschrieben am
Hans Albers muss sich bei dieser Auswahl im Grabe rumdrehen: Die ohnehin überlaufene Amüsiermeile platzte am Wochenende aus allen Nähten. Unser Autor Christoph Dorner und unsere Fotografin Katja Ruge waren für uns auf dem Hamburger Kiez unterwegs.

25. - 27.09.08 Hamburg, diverse Locations.


Zugegeben, es ist ein absolutes Luxusproblem. Aber irgendwie - so der Tenor vieler Besucher des Reeperbahn Festivals - bleibt man nach drei Tagen Reeperbahn Festival ein Stück weit unbefriedigt zurück - nur um mal in der Bildersprache eines so einzigartigen Ortes wie der Reeperbahn zu bleiben. Dabei ist dieses ambitionierte Club- und Kneipenfestival gerade für Nicht-Hamburger eine wunderbare Gelegenheit, um bei drei bis maximal fünf Bands an einem Abend den Kiez und die Club-Szene zu entdecken. Nur, wie gesagt, mit Portalen, die einen von A nach B beamen, wäre dieses Festival noch besser.

Im Intro-Forum schwärmt man bereits von TV On The Radio in der Großen Freiheit 36, die Mitfahrgelegenheit schimpft über den grausigen und viel zu kurzen Auftritt der Lemonheads, Freunde berichten von verlässlich guten Tomte in den Fliegenden Bauten und den generell guten Nada Surf im Docks. Nur um mal vier Beispiele zu nennen. So und nicht anders muss man sich letztlich das Reeperbahn Festival mit nahezu 20 Bühnen und 140 Acts zusammenreimen. Die Parallelität der Ereignisse zwingt zu Kompromissen oder "Hab ich schon gesehen"-Abgehake, zu schnellem Gang durch St. Pauli und zu ständigem sozialen Netzwerken zur Rekonstruktion der einzelnen Abende. So beansprucht auch diese Nachlese weder Objektivität noch die Übersicht über alle relevanten Bands des Festivals. Also erstmal ankommen.
Wenn Kristof Schreuf, seines Zeichens Sänger der Kolossalen Jugend, bei seinem ersten Auftritt seit Jahren in der Prinzenbar solo die Gitarre des Doors-Stücks "The End" mit den Lyrics des Stooges-Songs "Search & Destroy" vermengt, hat man schon seine hedonistische Hymne für die kommenden drei Tage Reeperbahn. Prädikat: Äußerst wertvoll. Und noch etwas zu dem Konzept: Während sommerliche Festivals in ihrer Programm lobenswerterweise bemüht sind, ähnliche Bands aneinanderzureihen, hat man hier auch die Möglichkeit zu bewussten Stilbrüchen.

Denn hier geht es weiter zu MIT aus Köln, die ihre Post-Punk-Indietronics mit Live-Schlagzeug und dem überpitchten Gesang von Edi Winari so herrlich hysterisieren, dass das Publikum im Neid-Klub ständig nach vorne schiebt. Schieben muss. Diesen Konzertmoment muss man sich von den anschließenden Crystal Castles nicht wieder kaputt machen lassen. Lieber wieder runterkommen - und zwar mit dem isländischen Musikerkollektiv Seabear, die im Imperialtheater ihre rührend-umarmenden Folksongs, allen voran "Cat Piano", spielen und einen so besoffen vor Glück machen, dass man an diesem Abend nichts mehr braucht.

Zweiter Tag, Intro Intim im Uebel & Gefährlich: Da ist es gut, da kann man bleiben. Richie Egan alias Jape beginnt sein Konzert vor circa 13 Besuchern, die noch nicht mal ihre Jacken ausgezogen haben. Am Ende werden es nahezu zehnmal so viele sein, die den jungen Iren mit aller Gewalt zurück auf die Bühne johlen wollen. Schließlich ist Jape nicht nur eine sympathische Rampensau, sondern hat mit "Nothing Lasts Forever", "Floating" und dem abschließenden "I Was A Man" auch folkige Electro-Songs in petto, um sich optimal einzugrooven.

The Teenagers aus Paris müssten sich erst gar nicht so ins Zeug legen, die Herzen ihrer jungen Fans kommen ihnen auch so zugeflogen. Dabei bestreitet Sänger Quentin Delafon gleich mal ohne Schuhe die ersten fünf Songs in den vorderen Zuschauerreihen, wo er zum Klatschen, Springen und Ihn-Anhimmeln animiert. Seine Band bemüht sich unterdessen, etwas Punkappael in den Electro-Pop hineinzubekommen. Später darf eine Schar Mädels noch auf die Bühne und die Zeile "I fucked my American cunt" aus der Single "Homecoming" mitträllern, ehe die Franzosen nach 40 Minuten etwas arg schnell die Bühne räumen. Vielleicht aus Angst vor Jugendschützern?

Derartige Bedenken muss man bei The Rakes aus London nicht anmelden, die im vollen Uebel & Gefährlich nach Einlassstop ihr einziges Deutschland-Konzert spielen. Die Band liefert ihre Post-Punk-Hits wie "We Danced Together", "Retreat", "22 Grand Job", sowie drei zackige neue Songs punktgenau und energetisch ab, was auf ein gutes drittes Album hoffen lässt. Nur Sänger Alan Donohue sollte sich bemühen, sich in seinem Aktionsradius demnächst wieder etwas mehr von Ian Curtis zu unterscheiden.

Dass diese Party von Bratze danach noch einmal gesprengt wird, ist ja wohl logisch. Schließlich hat Audioliths ravende "Supergroup", bestehend aus Der Tante Renate und Clickclickdecker, in Hamburg ein echtes Heimspiel. Hier wird dann auch alles brutal ab- und weggefeiert: die Hits, das Bier, sich selbst. Dazu gehört auch, dass man en detail vergessen hat, wie es gewesen ist.

Dritter Tag: Nach einer kurzen Nacht ein letztes Mal ins Getümmel der Reeperbahn, wo man sich am Samstag Abend als Festivalgänger unter Touris, Junggesellenabschiede und Gladbach-Fans mischt. So ist es fast schon ein vor diesem ganzen Terror geschützter Mikrokosmos, als man kurz vor neun Uhr abends dem amerikanischen Songwriter Jarid del Deo von Unbunny bei intimer Atmosphäre im Grünen Jäger lauscht. Seine Folk-Songs sind ruhig, das Publikum noch ruhiger, die Ansagen nerdig - ein schöner Gegenpol zu den Bondage Fairies, die in ihren obskuren Alien-Flieger-Masken danach im Kaiserkeller eine formidable Trash-Rave-Show abliefern, wobei ihr schwedisches Streetteam Bier spritzt und Konfetti wirft und sowieso alles für eine Ruhmmehrung ihrer Helden gibt. Mehr dazu in unserer Bildergalerie.

Eine solche Effekthascherei brauchen die Constantines aus Toronto, Kanada, nicht. It's just five guys playing rock music. Trotz großer zeitgleicher Konkurrenz sind viele Besucher ins Knust gekommen, um einer satten, lärmenden und kratzigen Rock-Show beizuwohnen, die sich hauptsächlich aus Songs der letzten beiden Alben speist. Daumen hoch - gleiches gilt auch für Gravenhurst, obwohl Nick Talbot seinen Auftritt ohne Band bestreitet, weshalb das wohlbekannte "Velvet Cell" vielleicht etwas an Stahlkraft verliert, andere Stücke wie "Saints", "Black Holes And The Sand" und "The Diver" dafür umso heller erstrahlen. Nach so einem würdigen Festivalabschluss kann man auch getrost unwürdig abstürzen. Man ist ja nicht jeden Tag auf der Reeperbahn.



Das sagt das Forum:

"Insgesamt fürs Reeperbahn-Festival Daumen nach oben, auch wenn es einige Kritikpunkte gibt: Ich verstehe nicht, wieso das Live-Programm um 01:00 zuende sein muss, und man danach drittklassige Lokal-DJs ranlässt."

User John Porno