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Impressionen vom Soulcialism

Das verspiegelte Klo

19.05.04, Essen, Mudia Art Seit ungefähr einem halben Jahrzehnt feiert die vermeintlich besser gestellte House-Elite im Mudia Art in Essen. In riesigen Lagerhallen, ausgestattet mit schwerem Tuch, unzähligen Kerzen und Gogo-Käfigen unter der Decke. Gerüchte von splitter-faser-nackten Tänzerin
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19.05.04, Essen, Mudia Art Seit ungefähr einem halben Jahrzehnt feiert die vermeintlich besser gestellte House-Elite im Mudia Art in Essen. In riesigen Lagerhallen, ausgestattet mit schwerem Tuch, unzähligen Kerzen und Gogo-Käfigen unter der Decke. Gerüchte von splitter-faser-nackten Tänzerinnen, die auf der Toilette tanzen, kursieren. Eigentlich kein Club, in denen es einen zwingend zieht. Doch mit dem Soulcialism öffnet der hedonistische Event-Sündenpfuhl die Türen einem breiteren Publikum. Auf fünf Floors soll mit diversen Spielarten elektronischer Musik die Nacht zum Tag gemacht werden. Funkstörung, Ricardo Villalobos vs. Luciano, Cosmic DJ, Josh Wink, DJ Koze, Swayzak, Klaus Fiehe, Jazzanova alle möchten im edlen Ambiente flashen, mit Easy Beats verwöhnen und mit minimalen über funkigen bis dreckig-knarzigen House-Varianten die Hüften kreisen lassen.

Erste Aufgabe jedoch: Orientierung. Über den 'Flash Floor' und das Ibiza-Freiluft-Rondell namens 'Disko Pooled' kommt man zum 'Substance Floor', wo gegen 23.30 Funkstörung aufspielen. Mich beschleicht die leise Vorahnung, dass ich hier ohne fremde Hilfe nie wieder den Ausgang finde. Doch darüber wird nachgedacht, wenn es soweit ist. Chris de Luca und Michael Fakesch bieten, was das letzte Album 'Disconnected' vermuten ließ - songorientierte Elektro-Hip-Hop Tunes, die mit Sänger Vladimir Ivkovic mitunter an U.N.K.L.E. erinnern. Direkt ins Gebein fahren die Rosenheimer allerdings ohne Unterstützung am Mikro. Mit treibenden Beats, Soundimprovisationen und Bastardpop-Anleihen kommen die zwei ganz groß. De Luca beflügelt der Set anscheinend so, dass er voll Übermut mit einer großen Papierblume im Haar rumläuft. Nicht das die Björk-Remixe zu große Spuren hinterlassen haben... Doch keine Zeit für abwegige Theorien, der nächste Floor ist schon angeheizt. In der 'Geplöckel Kammer' legt Herr Kozalla besser bekannt als DJ Koze auf. Zwischen blinkenden Armaturen, rot beleuchteten Bars und Tischen mit Leoparden-Muster gibt es direkt was ins Gesicht. Bass bleibt Boss, was die Hochtöner mit zeitweisem Ausfall quittieren. Stört die johlende Meute herzhaft wenig und jede neu gepushte, knarrzende Monster-Bassline wird mit Pony-Kollege Cosmic DJ als moralischer Stütze gefeiert als wäre es die letzte.

Für mich war es auch vorerst die letzte - schnell zur HH-Connection auf dem Flashfloor. Jan Delay battelt sich mit DJ Mixwell. Die Rennerei artet schon fast in Stress aus, und das schlägt natürlich auf die Blase. Eine Toilette in der jede Tür, die Decke und jede Wand vollkommen verspiegelt ist, und in der zur zusätzlichen Verwirrung Spiegelkugeln angebracht sind, hab ich vorher noch nie gesehen. Flash Floor II ist auf jeden Fall das Klo. Delay steht mit Madonnas 'Like A Prayer' knietief im 80er Revival. Aufgelockert durch eingemixte "Hyper, Hyper!"-Rufe (trashiger geht's nicht) dankt es ihm das anwesende Publikum, indem sich die Tanzfläche innerhalb weniger Sekunden füllt. Schade nur, dass das Ganze ein wenig lustlos und wenig innovativ kommt. Böse Zungen behaupten, dass die besten 80er-Stücke eh auf WDR2 gespielt werden. Und aktuelle Chart-Smasher wie Britneys 'Toxic' hören die ehemaligen Krupphallen mit Sicherheit nicht zum ersten Mal. Kurz: Mixwell und Flashdance präsentierten keinen Kunstgriff, aber es hat funktioniert.

Die !K7-Labelmates von Funkstörung, Swayzak, machen derweil auf dem Substance Floor mobil. James Taylor und David Brown präsentieren auf dem Soulcialism das Material ihres Albums 'Dirty Dancing' zum ersten Mal in diesen Breitengraden. Die Londoner weiten mit minimalen Elektronik-Stücken, versehenen mit dezenten Gesangspassagen die Ohren für den zweiten DJ-Battle der Nacht - diesmal im 4tothefloor-Beat. Seit 15 Jahren ist Villalobos im Namen des House unterwegs, u.a. an der Seite von Techno-Urknallern wie Sven Väth. Ihm gegenüber steht Luciano aka Lucien-N-Luciano, ein Villalobos-Zögling, der mit 'Blind Behavior' kürzlich sein Debüt auf dem englischen Peacefrog-Label gegeben hat. Tech-House-Nummern, funky, polyrhythmisch doch niemals überladen und mit südamerikanischen Flair läuten die Morgenstunden ein. Viel gesehen, viel erlebt und im bespiegelten Sanitärbereich den Horizont geweitet. Das sind noch Parties!