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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Intro auf dem Eurosonic Noorderslag Festival

Das sind die Newcomer 2013

Das Eurosonic Noorderslag Festival in Groningen gehört zu den wichtigsten Newcomer-Sprungbrettern in Europa. Intro war vor Ort und hat potentielle Durchstarter unter die Lupe genommen.
Geschrieben am
11.01.2013, Groningen, diverse Locations

20:15 Uhr, Simplon Main
An der Stelle, an der 2011 James Blake durchstartete, versucht es nun ein ominöser österreichischer, aber in London lebender Produzent namens S O H N. Musikalisch haut er in eine ganz ähnliche Kerbe: Dubbige und abstrakte, aber mit einem souligen Pop-Appeal ausgestattete Elektro-Tracks, die er live als Trio präsentiert. Durchaus gut, wenn auch noch mit Potenzial nach oben.  
 
20:34 Uhr, Stadtschouwburg
Wie bei einer Séance sitzen Männer in Anzügen um den Tisch ihres »Dirigenten«, der unter Kopfhörern den Mixer bedient. Die »Orchestermusiker« haben dagegen alle Roland-Maschinen auf den Knien, den typischen Acid-Sound produzierend. Das Acid Symphony Orchestra aus Finnland gönnt sich den Luxus, was sonst ein Einzelner könnte, opulent zu elft zu zelebrieren. Und es braucht schon Acid, um das länger als fünf Minuten spannend zu finden.

20:52 Uhr, Vera
Schon die optische Brechung Highasakites auf der Bühne ist erfrischend: Bei der fünfköpfigen norwegischen Band zeigen endlich mal die Männer Haut in Form eines nackten Oberkörpers, während Sängerin Ingrid Helene Håvik mit ihrer Keyboarderin im geschlossenen Kleid auf der Bühne stehen. Dazu spielt sie Zither. Das Ergebnis ist feierlicher Pop, der wundersam, wunderschön, manchmal aber auch etwas eintönig klingt.

20:54 Uhr, Stadsschouwburg Kruithuis
Im hinteren Teil der altehrwürdigen Stadsschouwburg gibt es eine kleine Studiobühne mit  mehreren großen Sitztreppen für das Publikum. Die kleine Bühne ist gerade groß genug für Broken Twin, ein dänisches Duo aus E-Piano und mit Effekten versehener Geige. Während die vier Popsongs ihrer letztes Jahr erschienenen EP »Hold On To Nothing« wirklich schöne, sanft ausformulierte Arrangements besitzen, ist die Live-Umsetzung viel zu dünn, um zu beeindrucken. Schade, aber das sollte deutlich besser gehen. 
 
21:05 Uhr, Vindicat
Erst kürzlich warf ein Labelabend im Kölner MTC die Frage auf, ob es auf Captured Tracks auch schlechte Bands geben kann. Der damalige Eindruck verstärkt sich hier: Die Schweden Holograms sind tatsächlich eine grottenschlechte Liveband. Sie spielen einen ungestümen und dissonanten Rock, der einfach nicht zünden will. Wogegen ihr Album eine gar nicht mal so schlechte Clash-Variante darstellt.

21:43 Uhr, Grand Theatre Main
Die ganze große Bühne des Grand Theatre ist voll mit finnischen Bären mit langen Haaren und Bärten, die im Takt ihres vollmundigen Indiepops energetischen hin und her wanken. Das macht Eindruck, ist zumindest unterhaltsam und nett, auch wenn die Songs im Stil von etwa Clap Your Hands, Say Yeah! nicht ganz diese Klasse besitzen. Die Band selbst will’s jedenfalls wissen und gibt sichtbar alles. Ach ja, sie heißt Rubik.
 
22:17 Uhr, De Spieghel
Eine junge britische Band namens Elephant vereint viel von dem, was im Indiepop derzeit en vogue ist: Dreampop und Shoegazer, Hall und Synthies, Postpunk und Dub. Das spricht zwar nicht für einen schneidigen Stil, ist in seiner blumigen Verstiegenheit aber trotzdem gut. Live wie auf Platte.
 
22:20 Uhr, Vindicat
Das haut einen um: Pertti Kurikan Nimipäivät  (dt.: Pertti Kurikkas Namenstag) ist keine gewöhnliche finnische Punkband, denn die Musiker, die sich vor etwas mehr als drei Jahren auf einen Workshop kennenlernten, haben alle das Down-Syndrom. Aber das hier ist keine Freakshow und punktet auch nicht über die Mitleidsschiene – hier rebellieren „Behinderte“ aus voller Seele und mit einiger Selbstironie gegen den Mainstream und für Respekt. Wenn Sänger Kari Aalto mit seinem Bauch schwabbelt oder seine lange, geringelte Unterhose während eines Stücks präsentiert, dann will er einfach das tun dürfen, was die Normalos auch tun. Das ist Punk ohne Hintergedanken, reiner hat man ihn nie gesehen. Unfassbar toll und unheimlich erfrischend auf diesem Festival, bei dem eigentlich jede Band mit (allerhöchstens künstlich gezügelten) Karriereerwartungen anreist. Im letzten Jahr wurde über diese Band der phantastische Doku-Film »The Punk Syndrome« fertig gestellt, der hier auch im Vorraum verkauft wird und hoffentlich bald über alle großen Vertriebswege erhältlich gemacht wird.

22.35 Uhr, Stadsschouwburg Kruithuis
Die kleine Studiobühne im hinteren Teil der Stadsschouwburg würde sich jetzt gerne vom Festival abnabeln und auf eine ganz eigene Reise gehen. The Pussywarmers feat. Réka Csiszér sind in der Stadt, und haben aus Italien Polka, Burlesque und Depression-Era-Swing mitgebracht, die wahren Vorläufer des Punkrock. Normal ganz vernünftige Typen träumen dazu vom Schnapsbrennen. Ein Typ hält ein Telefon hoch, am anderen Ende ist wahrscheinlich Emir Kusturica.
 
22:45 Uhr, Huize Maas
Lukas Graham
Forchhammers charmanter, übertrieben höflicher Umgang mit dem Publikum ist so professionell wie beinahe angsteinflössend. Doch nichts davon ist sarkastisch, eher alles Understatement. Das dänische Quartett mag seine Musik für »Ghetto Pop« halten, in Wahrheit aber spielen sie hochraffinierten Funk’n’Soul mit unglaublichen Radio-Pop-Hooks. Ein noch so kurzer Blick auf das Bühnengeschehen zeigt sofort: die vier Musiker können vor Skills kaum laufen. Toll daran, dass es trotz allem vor allem den Frauen gefällt. Funky Muckertum minus Nervfaktor plus Mainstreampotential. Wer ausblenden kann, dass die Musik auch gut auf Stadtfesten präsentiert werden könnte, wird bestens unterhalten.

23.03 Uhr, Stadsschouwburg
Endlich ein Set, das polarisiert. Anna von Hausswolff hat den besten Namen des Tages und kann mit Toten kommunizieren. Moment, ist Kate Bush schon tot? Might as well, denn die junge Schwedin schält einem mit wirrem Hippiemessegesang und brachialem Postrockorchester den Stirnlappen runter. Das kann denen, die ihr Hirn noch brauchen, nicht gefallen. Immerhin müssen sie den besten Songtitel anerkennen: „Funeral For My Future Children“

23:10 Uhr, Minerva Art Academy
Als die Schweden Agent Side Grinder 2010 ihr Album »Irish Recording Tape« veröffentlichten, waren sie ein frischer Entwurf an der Kante zwischen No Wave, Postpunk und Electropop, schneidend reduziert und beißend düster. Das Folgealbum »Hardware« war dagegen nur noch ein fader Abklatsch, und so ist auch ihr Set an diesem Abend. Klarer Fall von zu spät gekommen.
 
23:55 Uhr, Simplon Up
Die Leute, die Phantom aus Finnland schon zuvor gesehen hatten, berichteten von einem faszinierend mysteriösen Ereignis, das an die Klasse von The Knife heranreicht. Die Show, die das Duo in Groningen abliefert, ist dagegen deutlich reduzierter und nüchterner. Dreamy Electropop, dem aber der rechte Knalleffekt abgeht – zumal man »Skinny Love« nun wirklich nicht mehr covern muss.
 
0:15 Uhr, Vera
Als vermeintlich größter Hype des Festivals geraten die Londoner Palma Violets im Backlash fast wieder in einen Shitstorm. Die durch britische Hysterie-Presse ins Maßlose gesteigerten Erwartungen können die Jungs mit ihrem halligen Garagenrock, ihrem Libertines-Gehabe und der nervigen Doors-Orgel unmöglich erfüllen, so dass nicht wenige entrüstet aus dem Club stürmen. Die Songs selber sind aber streckenweise gar nicht so schlecht. Die harte Landung der Jungens auf dem Festland vielleicht auch nicht.
 
0:45 Uhr, Huize Maas
Captain Capa
, das Duo aus Bad Frankenhausen bei Erfurt, passt zu Audiolith wie die Zigarette zum Bier. Die latente Verwandtschaft zum peitschenden Electro-Punk von etwa Bratze gerät während der Show schnell in Vergessenheit. Captain Capa, man kann es nicht anders sagen, macht einfach mehr Spaß: Hysterische Moves, Cher-Effekt, zum Teil herausragende Stücker – alles da. Fehlt nur noch, dass man Holland beim Eurosonic endlich mal Pogo tanzen sieht. Vielleicht ja nächstes Jahr.

1.30 Uhr, Huize Maas Main
So langsam hat eigentlich keiner mehr Bock auf Musik, da kann Jesus persönlich spielen. Jesus schickt allerdings lieber den Zarathustra des Techno, nämlich Huoratron, der seine Musik übrigens für „Electro-Grindcore“ hält. Der Finne mit dem irren Blick und den haarigen Armen bürstet die zerstreuten Heere der Nacht so gründlich gegen den Strich, dass Networking und Socialising erstmal Pause haben und Dr. Strobo stattdessen die Menge röntgt. Sagt man das so, röntgt?