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Fernsehen 2008: Casting, Coaching, Kotzen

Das Jahr 08

Am 11. Oktober dieses Jahres reichte schon die Brandrede eines Literaturkritikers, der kaum noch fernsieht, um die deutsche Fernsehbranche in die Knie zu zwingen.
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Am 11. Oktober dieses Jahres reichte schon die Brandrede eines Literaturkritikers, der kaum noch fernsieht, um die deutsche Fernsehbranche bei ihrer Galaveranstaltung in die Knie zu zwingen. Dabei ging es diesmal nicht wie so oft nur um den Mangel an Kultur - der in den Formulierungen der Anklagenden natürlich fast immer nur arrivierte Hochkultur meint. Nein, es ging selbst Reich-Ranicki am Rande auch um den Mangel an gut gemachter Unterhaltung im deutschen TV.

Tatsächlich erreichte die Begeisterung der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender für kurzlebige Plagiatsformate oder unter prekären Bedingungen realisierte Instant-Casting oder -Coaching-Shows 2008 ein neues, trauriges Hoch. Gute Ideen? Versuchte Nachhaltigkeit von Formaten? Mutige Narration? Innovation? Humor? Bis auf wenige Ausnahmen: Fehlanzeige.

Stattdessen gab es wieder mutlose Sendereinsätze beim Roulette um gute Quoten. Und jenseits der Selbstläufer Fußball-EM, Olympia oder Wahlnacht fast nur gute Unterhaltungsmomente für jene, die den Trash aus Adel, Bauer, Zoo, Frauentausch und Kochen umarmten. Dabei bewiesen erneut ausländische TV-Serien, was möglich ist, wenn man Mut zeigt. Das ZDF hatte Ende des Jahres hervorragende Quoten mit einer skandinavischen Krimiserie, deren Konzept im kurzatmigen TV-Geschäft eigentlich zum Verlieren verdammt hätte sein müssen: "Kommissarin Lund" arbeitete sich über den Verlauf von elf Wochen und über 1.000 Minuten Sendezeit an einem einzigen, nebulösen Mordfall ab, der den Zuschauer regelmäßig ratlos ins Bett schickte und zugleich süchtig machte. Von "Lost" lernen, heißt eben siegen lernen.

Video: Switch Reloaded - Jahresrückblick 2008 (Teil 1)



Zum Lachen ging Deutschlands Fernsehen - auch wenn die Branche sich durch Selbstabkultung redlich bemühte, Anderes zu suggerieren - 2008 erneut in den Keller. Alleine das Comedy-Stehaufmännchen "Switch Reloaded" auf Pro 7 sorgte (neben "Stromberg" oder internationalen Serieneinkäufen auf Comedy Central oder MTV) für strahlende Gesichter. Auch wenn festzuhalten bleibt, dass das einfache Prinzip der übersteuerten TV-Trash-Mimese auch nicht genug Anlass geben kann, vom Comedystandort Deutschland demnächst Eigenständigeres zu erwarten.

Beklemmend war vor dem Hintergrund auch der Zwangsabgang von Christian Ulmen ins Netz, wo er mit ulmen.tv eine zum Teil unfassbar witzige Clip-Plattform launchte - und erst via entsprechenden Web-Zuspruch wieder ins TV zurückkam. Wobei, nächste Hiobsbotschaft, sein Sender Comedy Central sich ab dem 15. Dezember einen Sendeplatz mit Nickelodeon wird teilen müssen. Und MTV mit seiner jüngsten Entlassungswelle das Ende von redaktionellem Musikcontent aus Deutschland endgültig besiegelt zu haben scheint.

Video: Thomas Gottschalk im Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki (Teil 1/3)



TV 2008 - schöner war nur jeder DVD-Abend. Die mit Abstand schrecklichste Sendung des Jahres, da schließt sich der Kreis, waren übrigens eindeutig die 20 Minuten von Gottschalk und Reich-Ranicki in Folge des Eklats um den deutschen Fernsehpreis. Seine Zeit mit dieser peinlichen Clowns-Posse, die sich Diskussion nannte, verschwendet zu haben, schmerzte auch Tage danach noch.