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Interview: Queens Of The Stone Age im Gespräch

»Das ist Coolness«

Das erste Album der Queens Of The Stone Age nach sechsjähriger Studiopause ist düster ausgefallen. Josh Homme singt darauf zu markant rockenden Songs über Identitätskrisen und Einsamkeit.
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Zu Queens Of The Stone Age könnte man sich gut ein Saufspiel vorstellen. In der Art, dass man jedes Mal einen Schnaps trinken muss, wenn jemand, mit ihrer Musik, Fotos oder einem Auftritt von ihnen konfrontiert, als Reaktion das Wort »cool« in den Mund nimmt. Eins ist sicher: Man wäre schnell dicht.

Josh Homme gefällt diese Idee. Er gibt unumwunden zu, dass »Drinks ein wichtiger Bestandteil« des Bandlebens von Queens Of The Stone Age seien. Allerdings erst nach getaner Arbeit. »Wir trinken erst, wenn wir was geschafft haben«, betont er die funktionale Seite seiner Band.

Und die Sache mit der Coolness? Woher kommt die? »Kann man wirklich versuchen, cool zu sein?« fragt er zurück »Nein. Wer das versucht, wird zum Poser. Wir arbeiten hart, da wir gut sein wollen – und das zahlt sich dann aus. Arbeit hat uns aus der Scheiße herausgeholt. Arbeit hat verhindert, dass wir Drogenwracks wurden. Mein Großvater hat immer gesagt: ›Zeig ihnen, wo du herkommst.‹ Genau das bringen wir rüber: Wir krempeln die Ärmel hoch, beißen die Zähne zusammen und sagen: ›Das ist unsere Gang. Das ist unser Wappen. Und das ist unser Stil.‹ Das ist Coolness.«

Josh Homme streitet es erst gar nicht ab, ein cooler Hund zu sein. Warum auch, selbst diese fürchterlichen E-Zigaretten, die er nun raucht, oder das Eingeständnis, dass er unter fiesem Heuschnupfen leide, ändern nichts an dieser Erkenntnis. Gleiches gilt für Dean Fertita. Der Keyboarder, Gitarrist, Background-Sänger und Mann für alles bei den Queens Of The Stone Age ist dermaßen James Dean, dass er gar nichts weiter tun muss, als lässig auf dem Sofa zu sitzen und mit warmer Stimme gute Antworten zu geben.

Josh Homme macht es einem anfangs nicht ganz so leicht. Nicht dass er unfreundlich wäre, aber er scheint seinen Spaß daran zu haben, die wenigen Journalisten, die er heute im Berliner Ritz Carlton Hotel empfängt, erst einmal aus dem Tritt zu bringen. So begrüßt er den Kollegen vom Metal Hammer mit den Worten »Du hast da was im Bart«, obwohl dessen Fast-Vollbart top gepflegt und fusselfrei ist. Ich werde damit begrüßt, dass Josh Homme einige Minuten meinen Vornamen singt.

Was zur Folge hat, dass das Interview so beginnt:

Josh: Daniel, Daniel, Daaaaniellllee ... Ein simpler Name. Aber lässt sich gut singen, findest du nicht?

Ähm. Ja. Hat auch schon mal jemand anderes sehr schön getan.
J: Echt? Wer?

Bat For Lashes. Natasha Khan. Ein sehr schöner Trennungssong.
J: Über dich?

Leider nicht.
J: Weißt du das sicher?

Es gibt schlimmere Arten, sich verarschen zu lassen. Zumal einen Homme ja nicht lange leiden lässt, sondern mit einem breiten Grinsen signalisiert, dass man das nicht so ernst nehmen sollte. Ganz fertig ist er aber noch immer nicht. Bei der ersten Antwort unterbricht er sich nach wenigen Sekunden und sagt: »Macht es dir was aus, wenn wir die Plätze tauschen?« Natürlich nicht. Also wechseln wir die Sessel, sehr zum Vergnügen von Dean Fertita, der sich leise lachend auf dem Sofa ausbreitet. Kaum sitzt Homme wieder, fragt er erneut: »Können wir noch mal tauschen?« Klar, wir können auch das Sofa wegstellen und »Reise nach Jerusalem« spielen. »Gute Idee. Oder wir kuscheln uns einfach alle aufs Sofa.« Damit habe ich anscheinend den Schlagfertigkeitstest bestanden. Wir können uns auf das Interview konzentrieren.



Ihr habt im Vorfeld in ausgewählten Zeitungen Anzeigen geschaltet, die wie Briefe aus der Nervenheilanstalt wirkten. Im NME sah man zum Beispiel eine bizarre Zeichnung von einem alten Punk, der sich Taschenuhren an die Lippe gepierct hat. Daneben stand: »The songs are a no-nonsense, straight to the point, documentary of our last manic year.« In Anbetracht des düsteren Albums: Geht’s euch gut? War’s so schlimm?
J: Uns geht es gut. Jetzt. Ich hatte am Anfang der Aufnahmen eine Art Krise, die sich auch auf meine Motivation auswirkte, Musik zu machen. Ich trat auf der Stelle und wartete darauf, dass etwas passiert. Die Jungs haben mir sehr dabei geholfen, da rauszukommen.
Dean: Es war an der Zeit, wieder etwas zu machen. Aber wir mussten uns erst wieder klar werden, wer wir sind und wohin wir wollen. Wir hatten zwischendurch immer wieder Konzerte gespielt, aber die Pause zu den letzten Alben war fürchterlich lang. Je länger wir warteten, desto größer wurde der Druck. Aber wir lieben es, gemeinsam Musik zu machen. Wir wussten, dass es letztlich darauf ankam, unsere Motivation wiederzufinden.
J: Ich war ziemlich am Boden, ging durch eine emotionale Tiefphase, in der mir Musikmachen fast blödsinnig und überflüssig erschien. Aber eben nur fast. Denn Musik war für mich immer schon das Verlangen, etwas zu sagen oder einen Ausweg aus einer Krise zu finden. Manchmal sitzen die Probleme zwar tiefer als das, was man letztendlich für die Musik hervorholt, aber es hilft nach einer Weile trotzdem.

Du hast mal den schönen Satz gesagt, dass du dich wie der »Butler deiner eigenen Musik« fühlen würdest. Um im Bild zu bleiben: Hast du manchmal Angst vor dem, was du da auf einem Silbertablett an den Tisch bringst?
J: Definitiv. Der erste Song, den ich der Band als Demo vorspielte, war »The Vampyre Of Time And Memory«. Ich hatte bis dahin noch nie so eine düstere Ballade geschrieben. Ich war ziemlich nervös und fragte mich: »Was zum Henker ist das?« Es brauchte eine Weile, bis ich schließlich den Mut aufbrachte, den nächsten Schritt zu gehen. Alle warteten auf mich, und dann stellte ich mich hin und sagte: »Also, das hier hätte ich anzubieten.« Dafür muss man schon ein gewisses Vertrauen zueinander haben.

Was war dein erster Gedanke, als du den Song hörtest, Dean?
D: Es war sehr inspirierend. Wir wussten, dass Josh Homme eine schwere Zeit hatte. Dass er uns dieses Vertrauen entgegenbrachte und künstlerisch bereit war, sich mit seinen Problemen auseinanderzusetzen, hat uns ungemein inspiriert. Er hatte unsere volle Unterstützung.
J: Das klingt so selbstverständlich. Aber in Wirklichkeit habe ich sehr viel von euch verlangt. Alle wollten endlich wieder vorankommen, nur ich trat auf der Stelle und hielt den ganzen Laden auf. Hinzu kam, dass wir schon unser sechstes Album herausbringen. Da hat man längst alle Themen durch, mit denen man sich befassen kann. Plötzlich steht da dieser unsichtbare Elefant im Raum: die Probleme, die Themen, die dir wirklich an der Seele nagen. Sich diesen zu stellen – das macht die Stärke dieser Band aus. Wir sind eine sehr direkte, ehrliche Band. Das ist auch ein Grund dafür, warum wir immer unsere Fans an der Seite hatten.
D: »... Like Clockwork« ist eine sehr direkte, unverstellte Platte. Alle Songs haben eine bestimmte Essenz, die jedem klar wird – egal, wie der eigentliche Song am Ende verpackt ist.

Schon im Vorfeld stand viel darüber zu lesen, wer alles auf dem Album zu hören ist: Elton John spielt Klavier, Dave Grohl Schlagzeug, Mark Lanegan singt, ebenso wie das ehemalige Enfant terrible der Queens Of The Stone Age, Nick Oliveri. Außerdem dabei: Trent Reznor, Alex Turner (Arctic Monkeys), Jake Shears (Scissor Sisters) und James Lavelle (Unkle). Mein erster Gedanke war: »Ach du scheiße, jetzt machen die eine Allstar-Platte.« Ich war erst beruhigt, als ich die Platte hören konnte und merkte, dass ich die Stars teilweise gar nicht heraushören kann. Wie habt ihr das hinbekommen?
J: Erst einmal muss man sagen, dass wir mit unseren Gästen nicht hausieren gegangen sind. Aber so was kommt eben raus. Als wir gerade mit der Studioarbeit anfingen, fragte mich jemand: »Habt ihr eigentlich irgendwelche Gäste am Start?« Da hat es klick gemacht. Wir hatten eine recht zähe, aufwühlende Phase. Also dachte ich mir, dass es das Ganze auflockern würde, wenn wir ein paar gute Freunde einladen. Es war ein seltsames Auf und Ab. Wir haben zum Beispiel unseren Drummer Joey Castillo verloren. Wir sind noch Freunde, aber es war schwer. Er war immerhin zehn Jahre dabei. Zwei Tage später spielten wir dann mit Dave und weitere zwei Tage später mit Elton John. Wir waren wahnsinnig euphorisch darüber – gleichzeitig hatten wir noch immer diese blutende Wunde im Herzen. Dennoch war es eine super Zeit. Nimm Alex Turner. Er ist ein cooler, in sich ruhender Typ. Ich rief ihn an, und er kam auf ein paar Tequila und ein paar Riffs ins Studio. Es sollte sowieso nie ein »Queens plus ...«-Ding sein. Es sollten die Queens sein, die mit Freunden musizieren.

Ihr habt ja auch nicht bei jedem Song »QOTSA feat. ...« drangeschrieben ...
D: Wir sind ja nicht im Rapgeschäft.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Elton John?
J: Er kannte Leute, die Leute kennen, die uns kennen. Er ist Fan von uns, seitdem er mal im Auto das Album von meinem Seitenprojekt Them Crooked Vultures gehört und sich dann zu den Queens vorgearbeitet hat. Er wusste, dass wir an einem neuen Album arbeiten, und hat eines Sonntags dann einfach angerufen. »Hey, hier ist Elton John.« Ich antwortete: »Ist klar.« Ich dachte natürlich, da verarscht mich einer. Dann meinte er: »Das Einzige, was eurer Band fehlt, ist eine echte Queen.« Woraufhin ich sagte: »Honey, wenn du wüsstest!« Die Session war großartig. Er war knapp vier Stunden bei uns im Studio. Er hatte gedacht, wir setzen ihn auf eine Ballade an, stattdessen nahmen wir uns einen echten Rocksong namens »Fairweather Friends« vor. Mir wurde dabei klar, dass er ein absoluter Musikfan ist – und ein richtiger Workaholic. Diese Kombination hat mir schon immer gut gefallen.

Das Artwork zum Album, die besagten Briefe und das animierte Video zur ersten Singleauskopplung »I Appear Missing« wurden von dem Künstler Boneface gemacht. Wie kamt ihr auf ihn?
J: Ich hatte im Juxtapoz-Magazin über ihn gelesen, ein Magazin, das vor allem Künstler vorstellt, an die sich das MoMA nicht rantrauen würde. Er ist ein recht junger Kerl aus England, der erst vor anderthalb Jahren die Kunsthochschule abgeschlossen hat. Er malte zu der Zeit vor allem Bilder von Superhelden: Batman und Robin zum Beispiel – aber eben nicht die Hochglanzversion, sondern so, als hätten sie gerade so richtig eine aufs Maul bekommen. Diese Attitüde, dieses Gutes-tun-wollen-aber-davon-zerstört-werden, hat mich sofort gepackt. Also habe ich ihn angerufen. Auch er dachte erst, ich wolle ihn verarschen. Ich habe ihn schließlich einfliegen lassen, und er hat im Nebenzimmer gezeichnet, während wir die Songs aufnahmen. Ich liebe diesen Typen! Wir haben ihm viel Freiheit gelassen und viel Vertrauen entgegengebracht – und er hat uns nicht enttäuscht. Nimm zum Beispiel das Cover: Als er ankam, waren wir gerade aus unserer dunklen Phase raus. Wir spielten ihm die ersten Aufnahmen vor, und er zeichnete wie wild drauflos und kam mit diesem Bild an. Als ich das sah, hatte ich fast Schiss vor ihm. Das war ein Volltreffer. Obwohl er uns gerade erst kennengelernt hatte.

Gruselige Uhren spielen in seinem Artwork für euch – und auch in euren Songs – eine Rolle. Ich muss da immer an die Kuckucksuhr meiner Oma denken, vor der ich als Kind regelrecht Schiss hatte. Gibt’s eine Uhr in deinem Leben, mit der es dir ähnlich ging?
J: Eine? Hunderte! Die schlimmste war die Standuhr meines Opas. Das Haus meiner Großeltern war sehr gruselig. Ich konnte nie schlafen, wenn ich dort war, und wenn ich nachts Durst hatte, musste ich durch das ganze Haus laufen. Am schlimmsten war es am Ende der Treppe, wo diese verdammte Uhr stand. Ich hab jedes Mal die Luft angehalten, wenn ich dran vorbei musste.

Eine schöne Erkenntnis zum Schluss: Auch ein heute so cool agierender Musiker wie Josh Homme fürchtete sich als Kind vor den Dingen, vor denen man sich eben als Kind so fürchtet. Von seinen aktuellen Ängsten berichtet »... Like Clockwork«. Da ist alles drauf: von Depressionen über Verlustangst bis hin zu erstklassiger Paranoia. Homme kennt keine Tabuthemen und lässt alles raus.