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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Das Internet ist ein verdammt gemeiner Ort«

Modest Mouse im Gespräch

Endzwanziger erinnern sich sicher noch an ihre ersten Studentensommer, als man im Billigrotwein-Halbdelirium zu den Erfolgsalben von Modest Mouse tanzte oder Anti-Kapitalismus-Gespräche führte. Wenn dem Coming-Of-Age-Soundtrack aber fast eine Dekade nichts mehr folgt, sind die Erwartungen hoch. Wie der siebte Longplayer »Strangers to Ourselves« ankommt und wie es der Band damit geht, erzählt Isaac Brock unserer Autorin Mihaela Gladovic.
Geschrieben am
Nachdem die Platte nun schon seit einer Weile draußen ist, wie geht es euch damit?
Generell würde ich sagen: Halte dich von dem verdammten Internet fern. Das ist wirklich ein sehr gemeiner Ort. Ich weiß nicht, was wir mit dieser Platte erwartet haben. Wir haben nicht wirklich realisiert, dass die letzte Platte acht Jahre zurück liegt und dass diese Tatsache offenbar wichtiger als alles andere ist. Bei Rockbands scheint die ungeschriebene Regel zu gelten, man müsse alle Nase lang was Neues rausbringen. Aber so arbeite ich nicht. Ich finde unsere Platte klingt nach sehr ehrlicher Arbeit.

Machen also die Kritiker oder die alten Fans das Internet zu einem gemeinen Ort?
Erstere. Es fühlte sich nicht an, als hätten die Journalisten die Songs ernsthaft und intensiv gehört. Nach dem 50. Interview, in dem mir gesagt wurde, dass die letzte Platte verdammt lange her sei, saß ich da nur und dachte: »Ja, ist gut, ich glaub‘ dir!«. Aber die Leute haben generell recht viel Scheiße gesagt – nicht nur die Kritiker. Eigentlich will ich da jetzt auch gar nicht mehr drüber sprechen. Nächste Frage.


Gut. Mich haben schon der Titel und das Artwork reingezogen. Das Coverfoto sieht aus wie eine Ferienanlage oder Wohnsiedlung. Alles ist sauber und durchstrukturiert – Individualität scheint da kaum möglich. Ich würde es »Überwachungsarchitektur« nennen.  Bezieht ihr den Titel »Strangers to Ourselves« auf etwas Gesellschaftliches, oder gibt es auch Bezüge zu euch als Band oder zu eurer Musik?
Das hat definitiv den gesellschaftlichen Kontext, von dem du sprichst. Unsere Musik ist nicht introspektiv, sie sucht die Bezüge im großen Ganzen. Ich kann nicht über uns als Band singen. Das ist nicht mein Ding. Das habe ich nie gemacht. Vielleicht gibt es Songs und Passagen, in denen ich mich selbstkritisch betrachte, oder in denen es um mich persönlich geht.

Haben sich die Dinge, über die ihr schreibt, in den letzten Jahren und während der Arbeitsprozesse am neuen Album bewusst verändert?
Seit der letzten Platte haben wir sicherlich mehr »Kopfschütteltexte« – also Texte, die sich der Frage widmen: »Was zur Hölle ist hier eigentlich los?« Aber das sind auch Sachen, an denen ich immer wieder neu arbeiten muss, damit sie nicht moralisierend und arrogant klingen. Man muss auch bedenken, dass die Zeit voranschreitet und man den Songs einen weiten Interpretationsspielraum einräumen sollte. Die Dinge sollten nicht zu konkret benannt sein. Ich versuche also nicht über Ereignisse oder Präsidenten oder so etwas zu schreiben. Früher habe ich das  eher gemacht. Worin ich unbedingt noch besser werden muss: Ich möchte gerne, wenn ich in der Öffentlichkeit spreche, detaillierter auf politische Probleme eingehen. Aber vielleicht bin ich da auch gar nicht der Typ für.

Ihr experimentiert auf eurem Album mit neuen Stilen. Der Track »Pistol« zum Beispiel fällt aus der Rolle, was den typischen Modest-Mouse-Sound angeht. Hat dieser Track eigentlich eine satirische Note oder wollt ihr damit so ein bisschen dem Pseudo-Ghetto-Rap ans Bein pissen?
Nein, gar nicht. Das ist wahrscheinlich der einzige Song auf der Platte, bei dem wir einfach irrsinnig Spaß daran hatten, einen Song über einen totalen Vollidioten zu schreiben. Ich mag den Sound wirklich gern und beim Schreiben hatten wir gemeinerweise eine echt gute Zeit. Die Leute da draußen mögen den Song am allerwenigsten. Auch die halbe Band hat mich gebeten, ihn nicht mit auf das Album zu nehmen.  Ich wusste, dass das »Pistol« den Leuten auf die Nerven gehen würde, und genau deshalb musste ich es doch machen. Die Tatsache, dass fast jeder den Song hasst, ist für mich ein Grund ihn zu mögen. Es ist nicht der Sound, den man auf unserer Platte erwarten würde, deshalb ist er drauf.

Ihr plant schon eine neue Platte in Zusammenarbeit mit Krist Novoselic, hörte ich. Ist da was dran?
So halb. Wir hatten schon ungefähr ein Viertel der nächsten Platte fertig, als wir »Strangers to Ourselves« veröffentlichten. Ich habe nicht geplant, so viele Songs auf dieser Platte unterzubringen. Jetzt muss ich eben wieder neue schreiben. Wir haben aber schon acht Tracks fertig und bei einem davon spielt Krist Bass. Das ist ein verdammt geiler Song. Er wäre auch fast auf dieser Platte gelandet, aber hat einfach nicht zu den anderen Songs gepasst. Wir haben also noch keinen Plan für ein ganzes Album mit Krist. Vielleicht arbeiten wir da noch ein bisschen dran, aber ich bin mir auch nicht sicher, wann wir die Zeit dafür finden werden. Wahrscheinlich nicht innerhalb der nächsten sechs Monate.

Sag mal, bist du eigentlich krank? Du hustest die ganze Zeit.
Nee, ich bin einfach Kettenraucher. Aber morgen höre ich auf. Nein, ernsthaft, ich habe alles versucht, um mit dem Rauchen aufzuhören. Ich habe mich neun verdammte Male hypnotisieren lassen. Damit meine ich nicht neun Sitzungen, sondern mit neun Therapien mit neun verschiedenen Therapeuten. Ich habe Medikamente genommen, diese Pflaster ausprobiert. Aber ich fühl mich irgendwie auch nicht so richtig schlecht wegen des Rauchens. Wenn ich mit dem Rauchen aufhören würde, würde ich mich wahrscheinlich mit etwas anderem vergiften müssen.

Isaac, vielen Dank für dieses Gespräch!