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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

Das Hippie-Comeback

Die Hippies sind zurückgekehrt. Erst haben sie die Ränder besetzt, die verschiedenen Free-, Neo- und Antifolk-Genres, doch inzwischen ist es ihnen gelungen, auch den "ganz normalen" Pop zu erobern.
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Die Hippies sind zurückgekehrt. Erst haben sie die Ränder besetzt, die verschiedenen Free-, Neo- und Antifolk-Genres, doch inzwischen ist es ihnen gelungen, auch den "ganz normalen" Pop zu erobern. Bands wie MGMT und Fleet Foxes knüpfen in Sound und Outfit ganz an die ausgehenden Sixties an und schaffen es zugleich, Hippie an "hip" rückzubinden. Martin Büsser ging auf Feldforschung.

Im Grunde ging ja alles schon mit dem Film "Shortbus" (2006) los, dem der ebenfalls mit allen Hippie-Insignien ausgestattete Songwriter Scott Matthew seine spätere Musikerkarriere verdankte. Was war "Shortbus" denn anderes als ein zeitgemäßes Update der alten Utopie von freier Liebe? Mit dem Unterschied, dass in "Shortbus" die unterschiedlichsten queeren Zwischenformen nicht nur gezeigt, sondern geradezu propagiert werden, während die "freie Liebe" der Hippie-Kommunarden von einst dann doch meist dem Ausleben der männlich heterosexuellen Libido vorbehalten war. Dass in "Shortbus" coole Leute aus dem Riot-Grrrl- und Post-Punk-Umfeld mitspielen, darunter Musikerinnen von Le Tigre und den Hidden Cameras, macht noch etwas ganz anderes deutlich: Der alte "Style Clash" (so ein im August ausgestrahlter arte-Beitrag zum Thema) zwischen Punks und Hippies gehört endgültig der Vergangenheit an.

Möglicherweise ist dieser "Style Clash" sowieso nur ein historischer Mythos, eine Schimäre. Als John Lydon 1977 als Gast-DJ für eine Londoner Radiostation Platten auflegte, spielte er nicht etwa Iggy Pop und The Damned, schon gar nicht die Sex Pistols, sondern Tim Buckley, Can, Peter Hammill und die Third Ear Band - allesamt waschechte Hippies. Punk musste sich wahrscheinlich anfangs nur deshalb so vehement als Style von den Hippies abgrenzen, weil sich beide im Innersten viel zu ähnlich waren. Im Grunde gab es nur einen Unterschied, nämlich den, dass Punk seinen Hedonismus als apokalyptische Haltung zelebrierte, die kein Morgen mehr sah, während die Hippies der Sechziger fast ein Zuviel an Zukunft hatten.






Und heute? Wäre die Zeit eigentlich wieder reif für Punk, denn auch wenn das atomare Wettrüsten der Vergangenheit angehört, vor dessen Hintergrund Punk seinen Tanz auf dem Vulkan zelebriert hatte, sind die Uhren nicht gerade auf Zukunft gestellt. Die heutigen Neo-Hippies lassen sich daher auch nicht mit jenen der Sechziger vergleichen. Sie sind weder optimistisch noch naiv, sondern ziemlich desillusioniert. Und sie haben etwas mit Emo gemeinsam: Keiner möchte als solcher bezeichnet werden. "Ich bin kein Hippie", erklärte Robin Pecknold von den Fleet Foxes dem Stranger-Magazin: "Ich mag zwar wie ein Hippie aussehen, aber in Wirklichkeit verachte ich Hippies." Und dies, obwohl die Fleet Foxes wie ein perfekter Retro-Mix aus den Byrds, Grateful Dead und Crosby, Stills, Nash & Young klingen. Andrew von MGMT nimmt die Hippie-Zuweisung etwas gelassener und erklärte gegenüber MTV: "Okay, dann bin ich eben ein Hippie, allerdings einer, der gerne destruktiv ist."

Die heutigen Hippies, wenn man sie denn überhaupt so nennen mag, sind Hippie-Post-Punker. Sie reanimieren den Sound der Sixties mit dem Wissen um Punk und dem Wissen darum, dass sich eine Ära nicht einfach wiederholen lässt. Die Erkenntnis, dass die ungebrochen utopische Stimmung des "Summer Of Love" ein für allemal verloren gegangen ist, schwingt fast in jedem Song des New Yorker Duos MGMT mit. Sein Stück "Future Reflections" ist zum Beispiel eine finstere Dystopie, die nicht an Woodstock, sondern eher an "Herr der Fliegen" denken lässt: "There was a feeling the spirit was leaving / Red like a marker / So my tribe, with my knife / Cut the heart from a lonely life." In ihrem Song "Time To Pretend" beschwören sie das verschwenderische Rockstar-Leben zwischen Heroin und Groupies, doch schon nach wenigen Zeilen kommt es zum Bruch: "I'll miss the comfort of my mother and the weight of the world / I'll miss my sister, miss my father, miss my dog and my home. / Yeah, I'll miss the boredom and the freedom and the time spent alone." Solche Zeilen hätte man sich wohl kaum in einem Stück von Jimi Hendrix oder Led Zeppelin vorstellen können. Hin und her gerissen zwischen ausschweifendem Boheme-Leben und dem Schoß der Familie, thematisieren MGMT die Orientierungslosigkeit einer Generation, der es nicht mehr möglich ist, so etwas wie eine geschlossene Gegenbewegung aufbauen zu können. Die heutigen Hippies sind Fake-Hippies, aus dem Paradies Vertriebene, deren tribalistischer Sound eine Gemeinschaft beschwört, an die sie selbst schon nicht mehr so richtig glauben können. Doch das ist kein Vorwurf. Schlimmer wäre, wenn sie so tun würden, als wäre Woodstock erst letztes Wochenende gewesen. So aber wirft ihr teils nostalgischer, teils ironisch distanzierter Retro-Sound Fragen auf, die uns alle umtreiben, ganz gleich, ob wir uns als Hippies fühlen oder nicht.





Heute

MGMT
Eigentlich war alles nur ein Spaß, als die beiden Studenten Andrew Van Wyngarden und Ben Goldwasser an einer Elite-Uni die Band MGMT gründeten, deren ausgesprochener Name - Management - alles andere als Blumekinder-Assoziationen hervorruft. Die Welt hätte wohl nie von ihnen Kenntnis genommen, wäre nicht ein Manager von Columbia durch den Tipp eines Praktikanten auf ihre erste EP gestoßen. Zum Glück, denn MGMT sind ein musikalisches Unikum, dem nichts heilig ist. Ihre Mischung aus seligem Sixties-Psychedelic-Sound, Glam Rock und Electropop reanimiert die bunte Hippie-Welt als großen Fake, verführerisch schillernd, aber zu 100 % abwaschbar.

AMAZING BABY
Obwohl MGMT pophistorisch gesehen selbst noch feucht hinter den Ohren sind, gibt es schon Bands, die als deren Adepten gehandelt werden. Amazing Baby aus Brooklyn sind vom NME als "MGMT-Bewunderer" und "an impossibly good looking bunch of neo hippies" bezeichnet worden. Zu dem "good looking" gesellt sich zum Glück auch ein Gespür für gelungenen Retro-Crossover aus Glam Rock und Psych-Folk-Pop.

YEASAYER
Die 2006 in Brooklyn gegründete Band bezeichnet ihre Musik selbst als "Middle-Eastern-Psych-Pop-Snap-Gospel", doch die Referenzen an Indien sind in etwa so authentisch wie in Wes Andersons "Darjeeling Limited". Ähnlich wie Animal Collective arbeiten Yeasayer mit zahlreichen Tier- und Naturreferenzen und verflechten Weltmusik-Elemente in ihrer Musik, ohne dabei folkloristischen Klischees zu erliegen. Auch ihr Hippie-Style ist alles andere als authentisch, sondern wird kräftig mit New Wave und Frühachtziger-Pop verunreinigt. Humor besitzen sie übrigens auch. Nur so erklärt sich, dass Yeasayer Phil Collins als ihr großes Vorbild angeben.

FLEET FOXES
Seattle lässt den alten Westcoast-Sound neu aufleben, in diesem Fall ziemlich ungebrochen. Hymnisch und auch ein wenig pathetisch, aber stets stilsicher wird an die großen Namen der Sixties angeknüpft: Simon & Garfunkel, Crosby, Stills, Nash & Young, The Byrds und - beinahe unvermeidlich - die Beach Boys. Sie selbst nennen das "Barock-Pop": kleinteilig, ausufernd, mit großer Geste eingespielt. Dazu passt das Cover, ein Gemälde von Pieter Brueghel.

AKRON/FAMILY
Schon wieder New York, die neue Metropole der Wuselbärte und Strickpullover. Seit 2002 arbeiten Akron/Family an einem zeitgemäßen Update der Incredible String Band: mit Improvisation durchsetzter Folk und spiritueller Gospel-Pop. Michal Gira von den Swans, der auch Devendra Banhart entdeckt hatte, nahm die Band - oder besser: Familie? - unter Vertrag. Gründungsmitglied Ryan Vanderhoof hat Akron/Family inzwischen verlassen, um sich ganz dem buddhistischen Glauben zu widmen.

PORTUGAL.THE MAN
Während die meisten Neo-Psych-Bands an den geschmeidigen Westcoast-Sound anknüpfen und diesen gerne auch mal ironisch im Stil von ELO aufplustern, haben Portugal.The Man mit "Censored Colors" ein Album aufgenommen, das völlig ironiefrei an den Pathos-Rock der frühen Siebziger anknüpft. Gospel-Chöre und satte Orgelteppiche erinnern an Procul Harum und Moody Blues. Wie bei vielen der neuen so called Hippie-Bands liegen die Wurzeln von Portugal.The Man allerdings in der Hardcore-, Post-Punk- und DIY-Szene.






Damals

THE BYRDS
Sie waren die Ersten, die Country und Folk aufs Rockband-Format übertragen haben. Ab 1966 wurde ihre Musik zunehmend psychedelischer, angereichert mit damals fast unvermeidlichen Sitar-Klängen. Ein Kritiker nannte das "die seltsame Mixtur aus Country-Musik und Weltraum". Ihr "Eight Miles High" (1966) gehört in die Top Ten der unsterblichen Sixties-Songs und wurde bereits von Hüsker Dü in Punk-Manier gecovert.

EMERSON, LAKE & PALMER
Nach dem Vorbild von Cream 1970 gegründete Supergroup mit Hang zu bombastischen Mellotron- und Moog-Einlagen. Für ihre Mega-Shows wurden Tonnen von Equipment durch die Gegend gefahren. Der gigantische Rock-Zirkus basierte auf klassischen Vorlagen, darunter "Bilder einer Ausstellung" von Mussorgski. Neben Yes wohl die von den Punks meistgehassteste Band der Welt.

ELO
Das 1969 gegründete Electric Light Orchestra ist besser als sein Ruf. Ursprünglich wollte die Band um Roy Wood dort anknüpfen, wo die Beatles aufgehört hatten und deren Musik zu einer Art Orchester-Pop mit Klassik-Elementen ausbauen. Mag sein, dass dieses Vorhaben gescheitert ist, doch ihr hybrider Bombast-Beat klingt auf faszinierende Weise wie eine zuckersüße Antwort auf Queen: glamourös, schwelgerisch und auf unprätentiöse Weise virtuos.

JETHRO TULL
Auf einem Bein, wie der antike Gott Pan, steht Ian Anderson bis heute auf der Bühne und traktiert seine Querflöte. Diese Mischung aus traditioneller Folklore, Hard Rock und Klassik-Versatzstücken galt in den Siebzigern als Inbegriff von "Progressive Rock". Ihr Hit "Locomotive Breath" war noch bis weit in die Achtziger auf Abi-Feiern und ähnlichen Events zu hören. Ian Anderson ist übrigens ein ziemlich kluger Kopf, der in einem Interview bekannte, dass er den damaligen Hass der Punks auf seine Musik gut nachvollziehen könne.

CREAM
Jack Bruce (Bass), Ginger Baker (Schlagzeug) und Eric Clapton (Gitarre) waren alle schon Weltstars, als sie 1966 Cream ins Leben riefen. Zu dieser Zeit kursierte in England auch der Ausspruch: "Clapton ist Gott." Von diesem Kult war niemand so sehr genervt wie die Musiker selbst. Eigentlich wollten sie "nur" das Jazz-Prinzip der Improvisation aufs Rockformat übertragen und keineswegs als Stadionrocker enden. Den Götzenkult ist Eric Clapton allerdings bis heute nicht losgeworden.

CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL
Bis heute kennt fast jeder "Bad Moon Rising". Kaum eine Rockband hatte damals so viele Chartserfolge wie die 1967 in San Francisco gegründeten CCR. Und das, obwohl John Fogertys Gesang aufgeraut wie eine Schuhbürste klang. Im Gegensatz zur düsteren Welt der Doors ging es bei CCR um das alte, rustikale Amerika, um Mississippi-Dampfer und staubige Straßen. Das mochten die Hippies ebenso wie Rednecks und "Hells Angels". Eine Konsens-Band.


Zu unserem Titelthema gehört auch ein Artikel über Michael Wadleigh und seinen Film "Woodstock. 3 Days Of Peace & Music"