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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Jan und Rasmus

Das große Deutschpunk-Tutorial

Hinter den Dirty Dishes steht eine Künstlergruppe, hauptsächlich betrieben von Jan Müller (Tocotronic) und Rasmus Engler (Herrenmagazin).
Geschrieben am

Und noch ein weiteres nerdiges Hobby verbindet die beiden: Deutschpunk. Ein Gebiet, auf dem sie enzyklopädisches Wissen angehäuft haben. An dieser Stelle teilen sie ihre 25 liebsten Songs des Genres mit uns.

01 Abwärts »Maschinenland« (»Amok Koma«-LP, ZickZack, 1980)
Minimaler Text und ein Song, der nur aus einem Akkord besteht. Der perfekte Popsong, klingt noch heute ungemein elegant und zeitgemäß.

02 Der KFC »Wie lange noch« (»Letzte Hoffnung«-LP, Schallmauer, 1981)
»Ich glaube an nichts, ich glaube nicht an nichts / Die Zeit geht an mir vorbei und wartet nicht auf mich / Ich mag nichts reden, ich mag nichts hören / Ich hasse nichts und kümmere mich um nichts«
In den heutigen Tagen allumgreifender Selbstoptimierung wirkt dieser Titel radikaler denn je. Die Musik ballert einem dazu punktgenau die Bedeutung jeder Silbe in den Schädel.

03 Blitzkrieg »Erst mal eins auf die Fresse« (»Ohne Zukunft«-7"-EP, No Nordstadt, 1981)

Rudimentärer Hannover-Sound mit Sängerin Dussel, von der man keine geschallert bekommen möchte. Textlich vorbildlich offensiv: »Die ganzen Wixer in Hannover / Modepunks, Musterhippies / Discoscheißer und Faschisten / Erst mal eins auf die Fresse / Erst schlagen dann fragen / Die können’s gut vertragen ...«

04 Chaos Z »Zukunft« (»Underground Hits«, AGR, 1982)
Es irritiert einen, Musik von gestern zu hören, die behauptet, es gäbe kein Morgen mehr. Bei Chaos Z klingt es dennoch bis heute glaubhaft. Das liegt neben dem fies-nüchternen Text natürlich auch an der wahnsinnig wuchtigen Aufnahme (produziert wurde im legendären Musiclab). Das Transitvisum der Stuttgarter Band durch die DDR zu dem Berliner Aufnahmeort lautete auf »zwei Erwachsene und ein Kind«, denn der Sänger der Band war erst 15 Jahre alt.

05 Schleimkeim »Scheiß Norm« (als Sau-Kerle auf »DDR von unten«-Split-LP, AGR, 1983)
Es ist nicht nur die DDR-Herkunft, sondern auch das Genie des verstorbenen Otze Ehrlich, welches Schleimkeim so unverwechselbar machte. Verknappte Texte von einer ganz eigenen Poesie, dazu unter widrigsten Umständen aufgenommene ultrabratzige Musik. Die Aufnahmen entstanden illegal und wurden ebenso aus der DDR geschafft – mit Stasi und Haft. Der Titel »Scheiß Norm« über den DDR-Alltag ist vollkommen zeitlos und passt auch wunderbar auf unser System.



06 Hans-A-Plast »Rock’n’Roll Freitag« (»Hans-A-Plast«-LP, Lava, 1979)
Erneut Hannover. Eine der wenigen Bands mit Frauenüberschuss – in Anbetracht der leider immer bubendominierten Punkszene durchaus einer Erwähnung wert.

07 Deutsche Trinkerjugend »Alkoholsteuer« (Split-Tape, Live im Flöz, 007 Tapes, 1982)
Musikalisch bietet die DTJ recht konventionellen humoristischen Punk, der jedoch bei Live-Auftritten durch die Konstitution der Bandmitglieder stark verfremdet wurde. Insbesondere die Live-Aufnahme aus dem Berliner Flöz ist einzigartig. Versuche, ein Konzert der DTJ live zu besuchen, scheiterten. Meist waren sie nicht mehr spielfähig. Ihr höchst konsequentes Konzept trug dann doch etwas Trauriges in sich.


08 Artless »Mein Bruder is’ en Popper« (»Mein Bruder is’ en Popper«-7"-EP, Knoblauch, 1981)
Punkrock mit deutschen Texten aus Duisburg – stets mit einer angenehm melancholischen Note und im hervorragenden Ruhrpott-Idiom vorgetragen.

09 Toxoplasma »Bunkerparty« (»Mutti’s muntere Melodei«-Sampler, Destiny, 1984)
Musikalisch auf überragendem Niveau, textlich der Zeit angemessen dystopisch. Dergleichen kann wohl nur in einer wahrscheinlich frustrierenden Kleinstadt wie Neuwied entstehen.



10 Die Heilpraktiker »Zeit für Coca Cola« (»... machen Scheißmusik«-7"-EP, Karnickel, 1985)
Es war eine sehr gute Idee, diesen Titel, welcher zuvor bereits von den Toten Hosen (in der Version »Eisgekühlter Bommerlunder«) adaptiert wurde, in einer völlig hirnverbrannten Fassung erneut auf Schallplatte zu pressen.

11 Cotzbrocken »Massaker« (»Jedem das Seine«-LP, Rock-O-Rama, 1981)
Die über achtminütige Adaption des Instrumental-Klassikers »Peter Gunn« im Cotzbrocken-Soundgewand ist das größte Rätsel dieses ohnehin rätselhaften, unendlich erstaunlichen und unappetitlichen LP-Klassiker-Kunstwerks.

12 Brutal Verschimmelt »Fette Kinder« (»Brutal verschimmelt«-LP, Rock-O-Rama, 1983)
Furioser Hardcore-Punk vom Feinsten, ebenso auf dem Label des Verbrechers Egoldt erschienen. Eine Doppel-LP inklusive rarer Live- und Demo-Songs wurde soeben von der unermüdlich archäologisch tätigen Schallplattenfirma Hoehnie veröffentlicht.

13 Knochenfabrik »Ameisenstaat« (»Ameisenstaat«-LP, Vitaminepillen, 1997)
Die mit Abstand wichtigste und beste deutsche Punk-LP der 90er kam aus Köln. Unerreicht von ihren Adepten – ein Meisterwerk in Ton und Text. 14 Honkas »Gewalt« (»Lied für Fritz«-7"-EP, Pogar, 1982)
»Mit 13 fängt das Leben an, und mit 20 ist es dann zu Ende, und 30, 40, 50 werden nur Idioten.« Die Band spielt voller Hast und Zorn in Gewissheit der wenigen Zeit, die ihr zu bleiben scheint. Schön, dass dann doch alles ganz anders kam, und trotzdem weise Worte des jungen Max Müller (später Campingsex und Mutter), der schon damals genau wusste, was er wollte.

15 Schweine Im Weltall »Wuselhaar« (»Varel Hitz«-Tape-Sampler, Trümmer Products, 1983)
Wundersamerweise gab es in der norddeutschen Ortschaft Varel eine Flut von Punk- und Avantgarde-Bands. Stücke gegen Langhaarigkeit waren in jenen Tagen wenig originell; sich einen Titel wie »Wuselhaar« zu erdenken entspricht jedoch genau der Varel’schen Eigenständigkeit jener Tage.

16 A&P »Vögel« (»A&P«-LP, Jupiter, 1981)
Das fast Schönste am Punk ist sein Mut zur Infantilität. Vielleicht waren daher auch die ganz jungen Bands oft die besten. Unter ihnen A&P, deren erste LP absurderweise bei Ralph Siegels Label Jupiter Records erschien. Der dumme Hit »Dachau« wurde bei der zweiten Auflage zensiert, zu Recht. Wir möchten den Fokus in dieser Liste auf das Stück »Vögel« lenken.

17 Phosphor »Granola« (»Phosphor«-7"-EP, Spargel Schallplatten, 1980)
Ungestüme Musik mit undurchschaubar arhythmischen Vocals trifft auf frische Texte, welche Meisterschaft der kleinen Form beweisen.

18 Cretins »Walter« (»Cretins«-7"-EP, No Fun, 1980)
Wie kommt der Sänger der Hannoveraner zu dieser Stimme? Helium? Unverfrorenes Hochpitchen? Minderjährigkeit? Behender Frühpunk, die Gitarren unverzerrt, die Texte respektlos.



19 OHL »Der Osten« (»Die Deutschen kommen«-LP-Sampler, Rock-O-Rama, 1982)
Noch ein Jahr zuvor schuf die Band mit dem Titel »Deutschland« auf ihrer ersten LP die antideutsche Hymne schlechthin. Was sie nun plötzlich in paranoide Aggression gegen den Ostblock verfallen ließ, ist unbekannt. War es vielleicht sogar der Einfluss des Rock-O-Rama-Inhabers Egoldt, dieses Knut Hamsuns des Deutschpunk? Wir werden es kaum erfahren. Zumindest produzierte Egoldt, der spätere Rechtsrock-Bandzüchter, hier eine der besten Aufnahmen seines unerreicht krachigen Sounds.

20 Bluttat »I’m Feeling Down« (»Nkululeko«-LP, Ausschuß, 1984)
Eine der durchschlagendsten Anarcho-Punk-Bands mit einer freundlichen Absage ans Militär.



21 Male-Schrinz (»No Future In 1977«-EP, Teenage Rebel, 1977/1990)

22 Dreckmüll »Dreckmüll rechnet ab« (»Wir schlagen das Imperium«-Tape-Sampler, Chainsaw/Fastlife Tapes, 1984)
Dreckmüll waren Mitte der Achtziger selbst im radikalen Klangbrei der Tape-Sampler-Szene Außenseiter. Atonalität gepaart mit Rohheit und Düsternis lässt sie auch heute noch als bemerkenswert erscheinen.

23 Donalds Horden »Pattex« (»Jenseits vom Bundestag«-Tape-Sampler, Hacropobe, 1985)
Eine Band, die sich zunächst einen Namen aus dem Entenhausen-Kosmos (Zündelländer) gibt und sich dann auch noch in »Donalds Horden« umbenennt, hat sofort unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.

24 Der Durstige Mann – alles
Wohl die außergewöhnlichste deutsche Punkgruppe aller Zeiten – von wüstem HC-Gekloppe (»Hop-Sing lebt«) über Rumpelpunk zu eloquenten Elogen aufs Zechwesen (»Ich sauf mich tot«, »Alkohol auf Krankenschein«) bis hin zu metaphysischen Lo-Fi-Schlagern (»Keinen Zugang zu den Geistern«, »Mit den Augen der Welt«) schufen die Masterminds Eric Hysteric und Markus Monoton ein überaus eigenartiges Gesamtwerk.

25 Blumen Am Arsch Der Hölle »1976« (»Blumen am Arsch der Hölle«-LP, Buback, 1992)
Eine nostalgische Absage an die Nostalgie. Blumen Am Arsch Der Hölle, toll wie alle Bands um Jens Rachut, einem der wenigen, dem es gelang, sich immer wieder zu erneuern, ohne das musikalische Terrain des Punk komplett zu verlassen.