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Das bockt in Südafrika

Kwaito, South African House & HipHop

Unser Mann in Südafrika ist aufgeregt, denn Jan Kage hat nicht nur die lokalen HipHop-, Kwaito- und House-Szenen aufgemischt, sondern diese auch ihn.
Geschrieben am

Autor: Jan Kage

Unser Mann in Südafrika ist aufgeregt, denn Jan Kage hat nicht nur die lokalen HipHop-, Kwaito- und House-Szenen aufgemischt, sondern diese auch ihn. Selbst die derzeit hoch gehandelten White-Trash-HipHopper Die Antwoord griff er im derzeitigen WM-Gastgeberland ab.


 

Der lange Weg der Rainbow Nation
 
Das bekannteste südafrikanische Lied bis dato ist Solomon Lindas „Mbube“. In diesem singt der in die Großstadt gezogene Zulu über die Jagd auf Löwen in seiner ländlichen Heimat: „Still! Wenn alle ruhig sind, essen wir heute Abend Löwenfleisch!“ Wie viele andere Landbewohner klopfte sich auch Linda Ende der 1930er auf der Suche nach ein bisschen Wohlstand den Staub der Provinz aus den Kleidern und zog in die schnell wachsenden Townships Johannesburgs. Dort gründete er eine Sängertruppe und trug fortan schicke Anzüge.

Dem westlichen Publikum ist das Lied allerdings erst durch Pete Seegers Coverversion unter dem Titel „The Lion Sleeps Tonight“ untergekommen. So richtig populär wurde es, als später eine junge, von Harry Belafonte protegierte Sängerin namens Miriam Makeba diese englischsprachige Version coverte. In der Folge haben viele Leute mit dem Stück viel Geld verdient, nur der originäre Schöpfer ging bis auf einen Scheck von Pete Seeger so gut wie leer aus.
Vieles hat sich seitdem geändert: Südafrika hat sich vom Faschismus befreit, die Musiker genießen Reisefreiheit, und einige verdienen ordentliches Geld. Die Locals nennen das Land Rainbow Nation – was für den weiten Bogen steht, unter dem sich alle Farben versammeln.

Mit der Vermischung klappt es aber noch nicht so richtig. Man sieht kaum gemischte Paare in der Öffentlichkeit, und auch wenn es eine wachsende schwarze Mittel- und Oberschicht gibt, sind doch die Farbverhältnisse zwischen der vom Bürgertum aufgegebenen Downtown Johannesburgs und den neu erschlossenen Gebieten in Sandton nördlich des alten Zentrums, wo man in Gated Communities seinen Besitz vor den Begehrlichkeiten der Armen mit Elektrozaun und Wachpersonal schützt, eindeutig. In Johannesburgs Innenstadt trifft man bei einem dreistündigen Spaziergang zur Mittagszeit auf höchstens zwei weitere Weiße.
Diese Trennung trifft auch auf die Musikszene zu: auf der einen Seite eine ganze Reihe (Indie-) Rockbands wie Fire Through The Window und ein paar Electro-Produzenten wie Haezer (klingt nach Ed Banger), die sich nicht wesentlich von ihren Kollegen in Westeuropa und Nordamerika unterscheiden; auf der anderen Seite die lebhaften und wirklich originären südafrikanischen Kwaito- und House-Szenen. Und in der Mitte die HipHopper, ein wenig gemischt und wie überall auf der Welt sehr auf das afroamerikanische Vorbild konzentriert.

Auf der nächsten Seite: Die Antwoord: Südafrikas Antwort auf White Trash


Unser Mann in Südafrika ist aufgeregt, denn Jan Kage hat nicht nur die lokalen HipHop-, Kwaito- und House-Szenen aufgemischt, sondern diese auch ihn. Selbst die derzeit hoch gehandelten White-Trash-HipHopper Die Antwoord griff er im derzeitigen WM-Gastgeberland ab.

Die Antwoord: Südafrikas Antwort auf White Trash
 
Aus ebendieser Mitte kommt auch das derzeit interessanteste Projekt des Landes: die in Kapstadt beheimatete White-Trash-HipHop-Gruppe Die Antwoord. Sie mischt eurotrashige Rave-Elemente mit Booty Bass und Synthiepop und liegt damit im globalen Post-HipHop-Vergleich voll im Trend. Der Erfolg der Band ist deswegen vor allem im Ausland begründet. Simone Harris, leitende Redakteurin des HipHop-Magazins Hype, das im gesamten südlichen Afrika – also auch in Nachbarstaaten wie Namibia, Botswana und Mosambik – vertrieben wird und somit großen Einfluss hat, spricht von Vorbehalten innerhalb der HipHop-Szene: Im auf Realness und Ernsthaftigkeit ausgerichteten Milieu gönnt man Die Antwoord den Durchbruch nicht so recht, zumal die Band eine inhaltliche Uneindeutigkeit pflegt, die vielen unheimlich ist.

Die Antwoord sind dabei – nicht zuletzt wegen ihrer Widersprüchlichkeit – ein echtes YouTube-Phänomen: „Die Kids lieben uns, aber wir werden auch als ‘national embarrassment’ bezeichnet“, erzählt der ausgemergelte, barbrüstige und mit selbst gestochenen Knast-Tattoos übersäte Rapper Ninja, der die Band gemeinsam mit der mädchenhaften Yo-Landi Vi$$er und dem wohlbeleibten DJ Hi-Tek bildet, in einem Interview. Es ist schwer auszumachen, was bei Die Antwoord ironisch und was ernst gemeint ist; sicher ist nur, dass die Kapstädter sehr genau wissen, was sie wollen und woher es sich speist. Nämlich aus der sozialen Dysfunktionalität der Bandmitglieder, erzählt Yo-Landi. Den Leuten gefiele, dass sie als Künstler keinen Filter im Kopf hätten, sondern, wie es der Volksmund sagt, wie Kinder und Besoffene die Wahrheit sagten. „Das teilen wir mit vielen anderen, und deswegen nutzen sie unsere Musik gerne als Ventil.“

Der Hype um Die Antwoord hat sich im letzten Winter trotz der zum Teil in der Burensprache Afrikaans gerappten Texte bis nach Amerika rumgesprochen, wohin die Band im März von Interscope eingeladen wurde und wo sie einen weltweiten Deal unterschrieb. Sehr zu ihrer Zufriedenheit, wie mir Ninja am Telefon versichert. Zumal die kritische Distanz zur Band in ihrer Heimat peu à peu bröckelt und sich Stolz breitmacht, dass eine südafrikanische Band international abgeht. Der Erfolg hat eine lange Geschichte. Ninja bringt das sehr schön auf den Punkt: „We are an overnight succes – twenty years in the making!“

Auf der nächsten Seite: Von HipHop zu Kwaito, House und zurück


Unser Mann in Südafrika ist aufgeregt, denn Jan Kage hat nicht nur die lokalen HipHop-, Kwaito- und House-Szenen aufgemischt, sondern diese auch ihn. Selbst die derzeit hoch gehandelten White-Trash-HipHopper Die Antwoord griff er im derzeitigen WM-Gastgeberland ab.

Von HipHop zu Kwaito, House und zurück
 
Gehen wir noch mal kurz zurück ins Jahr 2009. Damals hostete Simone Harris zum zweiten Mal das „Back To The City“-Festival in Johannesburgs Innenstadt, mit dem die Downtown-Gegend wieder belebt werden soll und bei dem Rapgruppen aus ganz Südafrika auftreten, flankiert von Graffitikünstlern, die die Pfeiler der Autobahn, unter der die Konzerte stattfinden, besprühen. Bereits 2008 organisierte Harris mit einer Freundin als Reaktion auf den xenophoben Mob im Township Alexandra, der mehr als 80 illegale Immigranten totgeschlagen hatte, ein Charity-Festival.
Harris arbeitet neben ihrer journalistischen Tätigkeit auch als Managerin für den erfolgreichen Rapper Pro Verb, der einen deepen, getragenen HipHop macht. Der derzeit angesagteste Rapper im Land ist HHP (Double H P). Mit seinem Track „Show Dem“, der ihn von seiner Kwaito-Seite zeigt, ist er dieses Jahr für die South African Music Awards (SAMA) nominiert. Auf seinem aktuellen Album „Acceptance Speech“ präsentiert sich HHP facettenreich: Von poppig-mainstreamig über real bis housig ist für jeden etwas dabei. Eine Strategie, die sich auch bei vielen Kwaito-Alben findet.

Aber nicht alle setzen auf Kompromisse: Die in Kapstadt beheimateten Driemanskap glauben, dass man der Subkultur HipHop auch treu bleiben kann, ohne die Musik allzu sehr zu verwässern. Ihre beeindruckenden Songs sind geprägt von energetischem Rap auf Englisch, Xhosa und Ghettoafrikaans, ein Debütalbum ist noch in Arbeit.

Ebenfalls für die SAMA nominiert sind Big Nuzz aus der Hafenstadt Durban, die inoffiziellen Stars der Kwaito-Szene. Ihr Sound, ein Bastard aus House, Rap und perkussiven afrikanischen Elementen, ist auch in Deutschland schon ein paar Jahre geläufig. Den bislang größten internationalen Erfolg der Szene feierte DJ Mujava mit seinem „Township Funk“, einem schon 2005 produzierten, aber erst 2009 dank der Veröffentlichung auf Warp so richtig durchgestarteten Dancebrett, dessen euphorisch treibende Keyboardline sich in fast alle DJ-Sets des letzten Jahres gemischt hat.
South African (SA) House ist die Musik der Townships, zu der auf Partys, in Downtown-Clubs und in den Shebeens, den ehemals illegalen Bars Sowetos, getanzt wird. Es ist die Musik, die stylishe Jungs so laut es geht auf ihren Handys spielen. Einen guten Einblick gibt die gerade auf dem Münchner Label Outhere Records veröffentlichte Compilation „Ayobanes!“.
Wobei die Unterschiede zwischen Kwaito und SA House minimal sind: Kwaito hat fünf bpm weniger (120), dafür aber mehr Textanteil als die lokale House-Spielart. Ansonsten ist das Feeling der Beats sehr ähnlich: Synkopierende Snaredrums über straighte Kicks, ein treibender Bassgroove und eine Preset-artige Obertonreihe für den Kopf prägen den Sound beider Stile – oder anders gesagt: Der Kwaito bedient sich aller für ihn interessanten Elemente und verbrät sie zu etwas Eigenem, aber eben Losgelöstem.
 
Auf der nächsten Seite: Und die WM?


Unser Mann in Südafrika ist aufgeregt, denn Jan Kage hat nicht nur die lokalen HipHop-, Kwaito- und House-Szenen aufgemischt, sondern diese auch ihn. Selbst die derzeit hoch gehandelten White-Trash-HipHopper Die Antwoord griff er im derzeitigen WM-Gastgeberland ab.

Und die WM?
 
Ob die WM diesen originär lokalen Sounds einen großen globalen Push geben wird, gilt es abzuwarten. Es hat sicherlich viel damit zu tun, wie harmonisch die Spiele verlaufen werden. Und auf welcher Seite der Stadt der Besucher tanzen geht. Denn klar ist nicht nur, dass Fußball in Afrika groß ist und alle voll Vorfreude auf die WM warten – nicht zuletzt, um ökonomisch ihren Schnitt zu machen –, sondern auch, dass nicht wenige Angst haben, dass es zu Zwischenfällen kommt. Nicht nur die Reichen Südafrikas sind ängstlich, was die Gesellschaft abseits der bewachten Quartiere angeht – aber eben genau dort findet das Leben statt, wie es von Sounds wie Kwaito und SA House verkörpert wird.