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Von Currywürsten und Sozialpolitik

Darkstar im Gespräch

Kann es gut gehen, wenn das sonst eher selbstbezogene Genre Ambient auf Texte über die sozialpolitische Lage im Norden Englands trifft? Im Falle von Darkstar: ja! Das Londoner Duo setzt mit dem Album »Foam Island« seiner ehemaligen Heimat Huddersfield ein Denkmal und bringt ganz nebenbei Songwriting und journalistisches Arbeiten zusammen. Mario Lasar traf James Young und Aiden Whalley im Rahmen der c/o pop in Köln zum Interview.
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Beim Hören von »Foam Island« könnte der Eindruck entstehen, dass es sich bei Darkstar um sehr ernsthafte, vergeistigte Leute handelt, die sich nie über Banalitäten wie Brat- und Currywurst unterhalten. Genau das tun sie jedoch, als ich mich mit meinem Aufnahmegerät und einem Zettel voller tiefschürfender Fragen zu ihnen an den Tisch setze. Aiden Whalley: »Ich habe mir gestern Nacht noch eine Currywurst gegönnt.« James Young: »Echt, wo denn?« Whalley: »Ich wollte mit dem Taxi zurück zum Hotel, bin aber während der Fahrt eingeschlafen. Als ich wieder aufgewacht bin, hatte ich totalen Hunger, der Fahrer hat mir dann den Weg zu dieser Wurstbude erklärt. Nachts betrunken Currywurst mit Pommes zu essen ist das Beste, was ich mir vorstellen kann!« Young leicht neidisch: »Ich werde mir gleich auch noch irgendwo eine Bratwurst holen!«

Darkstar wirken beim Interview übernächtigt und verkatert. Am Abend zuvor hatten sie im Rahmen der c/o pop ein Konzert im Kleinen Sendesaal des WDR gespielt, unter suboptimalen Bedingungen. Besagter Veranstaltungsort zeichnet sich durch eine tendenziell sterile, akademische Atmosphäre aus, die eher auf klassische Musik abgestimmt scheint als auf ein Popkonzert. »Ja, es war ein seltsamer Ort für ein Konzert«, pflichtet James Young mir bei. »Außerdem hatten wir technische Probleme. Nichts hat so funktioniert, wie wir es uns vorgestellt haben. Ich habe einige dumme Fehler mit unserer Software Ableton gemacht. Wir sind noch nicht zurück im Tourmodus, scheint mir. Die Show, die uns vorschwebt, konnten wir gestern nur andeuten.« 
Aiden Whalley führt weiter aus, dass die Schwierigkeiten, die man als Konzertbesucher höchstens durch einen verzögerten Anfang mitbekommen habe, auch damit zusammenhingen, dass Darkstar in letzter Sekunde ihr Set umarrangieren mussten – sie erfuhren erst kurz zuvor, dass es sich um ein bestuhltes Konzert handeln würde. »Deshalb haben wir spontan entschieden, uns mehrheitlich auf instrumentale Ambientstücke zu konzentrieren«, so Aiden Whalley. Eine Mitschuld an dieser Entscheidung dürften auch die Räumlichkeiten tragen: Der WDR-Sendesaal ist in Relation zu anderen Konzertsälen übertrieben hell ausgeleuchtet. Aiden Whalley, zuständig für Gesang, wirkte sichtlich angespannt angesichts der fehlenden Option, im Halbdunkel Schutz zu suchen. »Ich fühlte mich beim Singen völlig entblößt«, gesteht er während des Interviews. So beschränkte sich die Band auf zwei Vokalstücke, beide vom neuen Album.

Intern betrachten Darkstar »Foam Island« als Abkehr von der experimentellen und psychedelischen Ausrichtung ihres letzten Albums »News From Nowhere«. Einer der Gründe dafür ist, dass sie im Vorfeld der Entstehung der LP viel sofort wirksame, Beat-orientierte Musik hörten. Um musikalisch die größtmögliche Unmittelbarkeit zu erreichen, sei man außerdem dazu übergegangen, die ersten Demoaufnahmen der neuen Stücke nicht mehr im Studio zu produzieren, sondern in der Wohnung. Hört man das fertige Album, besteht jedoch kaum die Gefahr, irgendeines der neuen Stücke mit der knalligen Direktheit von, sagen wir mal, Scooter zu verwechseln. Tatsächlich lässt sich auch »Foam Island« immer noch sehr gut mit Brian Enos Ambient-Definition in Einklang bringen: »It must be as ignorable as it is interesting.« Eine weitere musikalische Kontinuität stellt die Affinität zu ungeraden, gebrochenen Beats dar, die sich seit den Anfängen der Band im Dunstkreis der britischen Grime-Szene als markantes Erkennungszeichen etabliert haben.

Die bevorzugten Rhythmen sind nicht der einzige Verweis auf Grime: Songs wie der Titel oder »Pin Secure« verfolgen das Prinzip, auf elektronische Weise Klänge zu imitieren, die eigentlich auf nicht-elektronische Musik verweisen. In den genannten Stücken kommen Sounds vor, die an Bläsersätze oder Geigenpizzicati erinnern. James Young erklärt, dass dieses Vorgehen im engen Zusammenhang stehe mit ihrer festen Verwurzelung in der Grime-Szene: »Wir hören immer noch viel Grime, und die Produzenten innerhalb dieses Genres neigen dazu, Klänge zu benutzen, die Bläser und Streicher elektronisch reproduzieren.«

Das Besondere am neuen Album ist die Tatsache, dass ihm ein übergreifendes Konzept zugrunde liegt, das über die musikalische Ebene hinausgeht. James Young hat im nordenglischen Huddersfield Interviews mit Freunden, Bekannten und Freundesfreunden geführt, die den Blick freigeben auf eine subjektiv aufgeladene Bestandsaufnahme der sozialpolitischen Situation in der Region, aus der auch Young und Whalley stammen. »Wir sind zwar schon 2002 nach London gezogen, aber es bestehen immer noch starke Bindungen nach Huddersfield. Die Interviews sollen zeigen, was die Leute bezüglich ihrer Region fühlen. Dabei wollten wir so unvoreingenommen und unparteiisch wie möglich vorgehen, auch wenn es natürlich schon unser Anliegen ist, gewisse Missstände anzusprechen«, so Young.

Zu diesen Missständen gehören die Kürzungen von Sozialleistungen, die eine Vertreterin der Gemeindeverwaltung in dem Stück »Cuts« auf 69 Millionen Pfund beziffert. Dazu erklärt James Young: »Die Gemeinde steht unter großem Druck, und schlimme Dinge werden passieren in diesem Teil der Welt. Wenn erst einmal die letzten Einschnitte im Sozialwesen vorgenommen werden, wird es großen Ärger geben. Es fängt jetzt schon an: Mitarbeiter der Müllabfuhr werden attackiert, weil einige aufgebrachte Leute glauben, die Müllabfuhr würde unmittelbar für die Regierung arbeiten.« 

Auf dem Album wechseln sich nun poppig orientierte Vokalstücke mit abstrakteren, seriellen Tracks ab, die die anonymen Stimmen der Einwohner Huddersfields integrieren. Dabei fungieren die Aussagen der Befragten auch als Inspiration für die Texte, die James Young für die Stimme Aiden Whalleys geschrieben hat. »Es ist eine gute Art, Texte zu schreiben, glaube ich. Man bekommt das Gefühl, dem, was die Leute sagen, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen«, so Whalley.

Mit dieser spezifischen Vorgehensweise haben Darkstar sich auf soziologisch-journalistisches Terrain begeben, sich gleichzeitig von der ausschließlich im abgeschirmten Studio situierten Arbeit verabschiedet und für die Interaktion mit Menschen entschieden. Dabei umgehen sie die Gefahr, die Konzentration allein auf die Message des Inhalts zu legen. Der Aspekt des Dokumentarischen relativiert sich durch die Konfrontation mit der Musik, wodurch eine »visuelle, filmische Komponente« geschaffen wird, so Aiden Whalley. Das hieße dann also, dass durch das Zusammenwirken von zwei unterschiedlichen Medien – Sprechstimme und Musik – das Verlangen nach einem dritten Medium, Film, ausgelöst wird? Ist das vielleicht gar eine Analogie dazu, dass der Tonfilm nach Farbe verlangt hat? Interessant! 

Mit tiefschürfenden Gedanken dieser Art verlasse ich das Interview wenig später – und kann am Ende doch bestätigen, was ich schon anfangs vermutet hatte: Die Musik der beiden weist weit über den Horizont des anfänglichen Currywurst-Diskurses hinaus.

Darkstar »Foam Island« (Warp / Rough Trade / VÖ 02.10.15)

Darkstar

Foam Island

Release: 02.10.2015

℗ 2015 Warp Records