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Neues aus dem Nichts

Darkstar

Wie klingen Selbstsicherheit und Zufriedenheit? Das Londoner Trio Darkstar zog sich für ein Jahr aus der Zivilisation zurück, um genau das herauszufinden. Zurück kam es mit »News From Nowhere«, einem wunderschön verpeilten Album voll positiver Botschaften. Martin Riemann traf die Band in Berlin.
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Als James Young, James Buttery und Aiden Whalley im Juli 2012 das erste Mal zusammen ihr fertiges Album »News From Nowhere« hören, firmiert ihre Band Darkstar im Netz noch als Dubstep-Trio. Aber das, was gerade aus den Boxen kommt, klingt kaum noch nach dem Genre. Die Protagonisten selbst hören darin vor allem die Zukunft. Sie haben die ursprüngliche Idee von Dubstep, nämlich, etwas »Neues und Anderes zu erschaffen«, wie es James Buttery ausdrückt, über das Genre hinaus ernst genommen.

Ursprünglich 2007 von Young und Whalley als Duo gegründet, veröffentlichen die beiden auf dem Label Hyperdub einige atmosphärische, subtil basslastige Singles und EPs. Die Mischung aus epischem Dubstep, UK Garage und Vocoder sorgt für Aufsehen, ist aber noch vollständig im Kanon des Labels eingebettet. Das ändert sich mit der Single »Aidy’s Girl Is A Computer«, die mit gezupfter Bass-Figur, sich langsam ausbreitenden Synthieflächen und einer abgehackt singenden Computerstimme so Eindruck macht, dass sie von der britischen Tageszeitung Guardian zu einer der Singles des Jahres 2009 erklärt wird. Doch das Duo spürt, dass es mit künstlichen Stimmen kein ganzes Album gestalten möchte, und holt sich mit James Buttery ein drittes Mitglied an Bord. Durch Buttery ändert sich der Stil der Band merklich: Aus Tracks werden Songs, in denen sich Stil und Genre auflösen. Das Debütalbum »North« ist so auch mehr einem Gefühl verpflichtet als einem Genre – der Melancholie.

Mantras der Zufriedenheit

Auch bei der Beschreibung des aktuellen zweiten Albums geht James Young zunächst auf die Stimmung ein: »Wir wollten weg von der Melancholie«, klärt er mich mit schläfrigen Augen über die Grundprämisse der Produktion auf. Der Weg dahin, erklärt er ruhig, sei einfach gewesen: »Mehr Rhythmus. Mehr Bewegung. Mehr Raum zum Experimentieren.« Young spricht unglaublich langsam. Vielleicht ist er total breit, vielleicht ist sein zeitlupenartiges Gebaren auch das Ergebnis von langen Meditationsübungen. Letzteres würde zu »Amplified Ease« passen, einer flimmernd ausufernden Soundcollage, die auf »News From Nowhere« zu finden ist. In ihr finden sich selbst bestärkende Parolen wie »I’m fine on my own« oder »Won’t complain« repetitiv wie Mantras eingearbeitet. Die Frage, ob diese fast zwanghafte Selbstaffirmation ironisch gemeint sei, verneint Young trocken. Er fügt hinzu, dass Meditation tatsächlich ein Thema während der Aufnahmen gewesen sei. »Wir haben uns eine Dokumentation über George Harrison angeschaut. Er sprach viel über Mantras. Ich wusste das vorher gar nicht, aber wenn du meditierst, wiederholst du immer denselben Satz, der dich in dein Inneres führt. Vielleicht hat das unbewusst diesen Track beeinflusst. Der Text soll eine angenehme Geisteshaltung widerspiegeln.« Insofern steht »Amplified Ease«, ein Titel, der sich in etwa mit »verstärkte Leichtigkeit« übersetzen lässt, bezeichnend für das ganze Album, dessen träumerisch quirlige Struktur stets unaufdringlichem Optimismus verpflichtet ist. Dieser gipfelt in »A Day’s Pay For A Day’s Work«, dem potenziellen Hit des Albums, dessen anfangs zaghafte Klavierspur in einer Art gewarpten Beach-Boys-Feelgood-Song mündet. Er verdeutlicht endgültig, wie ernst es Darkstar mit ihren »good vibrations« ist. So ernst, dass sie sich länger als ein Jahr in ein altes Steinhaus in West Yorkshire zurückzogen, um an ihrem Material zu arbeiten.

Band allein in freier Wildnis? Klingt nach Grizzly Bear. Tatsächlich sind Darkstar mittlerweile sogar Labelkollegen der Band aus Brooklyn. Allerdings fand der Rückzug in die Einsamkeit angeblich nicht auf Drängen ihres neuen Labels Warp statt, sondern freiwillig. Der Aufenthalt war laut Young teilweise extrem stressig, teilweise extrem langweilig und führte dazu, dass Darkstar fast pausenlos an ihrem merkwürdigen Sound herumdoktorten. Dieser erinnert in seiner liebevollen Verschrobenheit zuweilen an Bands wie High Llamas oder Stereolab, behält aber gleichzeitig Trends wie die momentan beliebte Verschiebung von R’n’B ins Sphärische à la How To Dress Well im Auge. Dabei ist vor allem interessant, wie viel Sorgfalt auf die Nachbearbeitung von Butterys Stimme verwendet wurde. Darkstar mögen keine klassischen Leadvocals, sie betten den Gesang wie ein Instrument in ihren von perkussiven Synthieklängen beherrschten Sound ein. Eine wichtige Rolle spielen hierbei alte Bandmaschinen, die sie mithilfe ihres Produzenten Richard Formby so lange mit Wattestäbchen manipuliert haben, bis das Bandrauschen Teil ihrer Musik wurde. So haben die »News From Nowhere« einen auffällig kohärenten Klang, den Young, Buttery und Whalley gerne in einer imaginären Zukunft verankert wissen wollen. Die sieht bei Darkstar positiv aus, wenn man Buttery zuhört: »Die Songs drehen sich oft darum, dass man mit sich im Reinen ist. Das spiegelt uns selbst wider.«