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Der erste Tag vom Rest deines Lebens

Darkside

Als Solokünstler wurde Nicolas Jaar 2011 für sein hallverliebtes Elektronik-Debütalbum »Space Is Only Noise« mit jeder Menge Kritikerlob überschüttet. Nun versucht er sich zusammen mit dem Gitarristen Dave Harrington als Darkside an psychedelischer Musik zwischen den Welten. Henje Richter traf die beiden in Berlin, um über die Genese des gemeinsamen Albums »Psychic« und ihre überraschende Bearbeitung des aktuellen Daft-Punk-Albums zu sprechen.
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Ein Hotelzimmer in Berlin war der Ort, an dem 2011 alles begann. Nicolas Jaar, in New York und Chile als Sohn des Künstlers Alfredo Jaar aufgewachsen, gastierte mit der Tour zu seinem Album »Space Is Only Noise ...« in der Stadt. Um die allein produzierten Stücke im Konzert in neue Soundhöhen zu führen, hatte sich Jaar eine Band zusammengestellt, zu der auch Gitarrist Dave Harrington gehörte. »Als wir in Berlin waren, hatten wir schon sechs Monate zusammen gespielt«, erinnert sich dieser. »Wir hatten viel Routine und deshalb überschüssige Energie. Also setzten wir uns im Hotel zusammen und fingen an zu spielen.« Der erste Song war schnell fertig: Ein Riff, ein Beat, mehr brauchte es nicht. Und da es den beiden so leicht gefallen war und Spaß gemacht hatte, war sofort klar, dass dieser Weg weiter verfolgt würde: die Geburtsstunde von Darkside.

Zwei Jahre später und zurück in Berlin ist Darkside für Jaar längst kein Nebenprojekt mehr, sondern seine neue Berufung. »Es ist etwas, das wir den Rest unseres Lebens machen werden«, stellt er gleich zu Beginn des Gesprächs selbstsicher klar. »Wir fangen gemeinsam als Musiker noch mal ganz von vorne an.«

 

 

Das Artefakt zu so viel Aufbruchstimmung hört auf den Namen »Psychic« und wird von den beiden in einem Berliner Hotelzimmer euphorisch repräsentiert. Der 23-jährige Nicolas Jaar versinkt dabei fast in seinem Ledersessel, während sein noch etwas medienunerfahrener Kooperationspartner Dave Harrington auf der riesigen Couch ein wenig verloren aussieht. »Es ist das erste Mal, dass wir zusammen auf einer richtigen Interviewtour sind«, bemerkt Jaar, die Situation erkennend. »Wir absolvierten bislang erst fünf Konzerte als Darkside zusammen – mit denen waren wir aber sehr glücklich, da die Musik live gut funktionierte. Das war uns wichtig, denn wir lernten uns ja beim Livespielen kennen.«

 

 

In die Tourband von Nicolas Jaar war Harrington auf Empfehlung von Jaars Jugendfreund und Toursaxofonist Will Epstein gekommen, der diesen als den besten Musiker, den er kenne, angepriesen hatte. Harrington spielte zu der Zeit Bass in der New Yorker Psychedelic-Rockband El Topo und stieg für Jaar extra auf die Gitarre um. »Inzwischen hat Dave eine eigene Sprache mit der Gitarre gefunden«, erläutert Jaar. »So ähnlich wie ich mit der elektronischen Produktion. Aber das, was wir zusammen sagen können, ist mehr als die Summe unserer einzelnen Sprachen.«

 

 

Darkside ist zuallererst eine Idee. Wovon, das ist den beiden so noch nicht ganz klar. Es fühlt sich eher wie eine neue Dimension an, geben sie zu verstehen. »Die Band ist eine dritte Person, die dort drüben sitzt«, versucht Jaar es zu erklären, während er auf einen freien Sessel deutet. Sein Partner Harrington springt ein: »Es ist ein leerer Raum, der aber nicht mit etwas Konkretem gefüllt wird, sondern vielmehr ein Gefühl ist, ein physisches Erlebnis.« Der Name wurde dementsprechend aus dem Bauch heraus geboren, führt Harrington weiter aus: »Er fühlte sich sofort richtig an. Er ist keine Referenz zu irgendwas, sondern hat eine grundsätzlichere Bedeutung.« Emotionalität prägt die Ausführungen der beiden, das Vokabular hingegen ist noch nicht wirklich gefunden. Jaar macht einen letzten Versuch: »Wenn etwas angestrahlt wird, dann hat es auch immer eine dunkle Seite. Darkside ist etwas, hinter dem ich mich verbergen kann.«

 

 



Nicolas Jaar, der bislang alle seine Produktionen unter seinem eigenen Namen herausgebracht hat, genießt es offensichtlich, in der Vagheit des Bandprojekts ein bisschen abzutauchen. Die Texte des Albums speisen diese Auslegung: Sie handeln von Abwesenheit und Sehnsucht. »Ein Nebenprodukt des Tourens«, erklärt Jaar. »Du vermisst auf den Reisen deine Familie, deine Freundin und Freunde – nur die Musik ist für dich da.«

Alle Songs auf »Psychic« entstanden in der Tat unterwegs, zwischen Berlin und Amsterdam, zwischen Los Angeles und Belgrad. »Die Idee des Gebrauchten ist uns sehr wichtig geworden«, führt Harrington leicht unverständlich aus. Gemeint ist damit das Gefühl der beiden, dass ihre Songs durch das Reisen mit vielem in Kontakt gekommen sind, bevor sie final im Studio aufgenommen wurden. Sie sprechen dabei vom Akt der Reproduktion. »Alle Klänge wurden im Studio von einer ganzen Reihe von Geräten berührt und verarbeitet, manche litten dabei geradezu«, so Jaar weiter. »Sie gingen in die Geräte und kamen verändert wieder heraus. Der Prozess war entscheidend.«

 

 

Für beide Musiker war es das erste Mal, dass sie ein komplettes Album im Studio eingespielt haben: Harrington hatte vorher überhaupt keine Veröffentlichungen, Jaar produzierte seine Musik bis dato immer am Laptop. »Es fühlte sich an wie eine Band«, schwärmt Jaar. »Das war neu und überraschend für mich. Wenn Dave spielte, dann nahm ich es als Anregung auf – und umgekehrt.« Nachdem das Album fertig war, blieben allerdings noch eine Menge Ideen und viel Energie übrig, die anschließend in ein ungewöhnliches Remixprojekt gesteckt wurden. »Wir kauften uns das neue Daft-Punk-Album online und spielten damit herum«, berichtet Jaar. »Weil das mit ›Get Lucky‹ so gut funktionierte, machten wir immer weiter, bis wir das ganze Album überarbeitet hatten. Es machte Spaß, eines der am hochwertigsten produzierten Alben aller Zeiten zu nehmen und daran herumzubasteln, damit zu kämpfen.« Zu finden ist das Ergebnis unter dem Namen Daftside »Random Access Memories Memories« auf Soundcloud.

 

 

Ihre überschüssige Energie werden Darkside nun wieder auf Tour bringen – und sie dringend brauchen. Die beiden haben sich hohe Ambitionen gesteckt und wollen das Material des Albums auf der Bühne zu zweit umsetzen. Nicolas Jaar wird Wurlitzer-Orgel und Synthesizer bedienen und natürlich singen. Dave Harrington spielt verschiedene Synthesizer und eine Gitarre mit Loop-Pedalen. »Wir werden mindestens ein Jahr damit auf Tour sein«, erzählt Nicolas Jaar. Um das neu gegründete Label Other People, das auf dem Prinzip des »Serial-Label« beruht, muss sich eben von unterwegs gekümmert werden. Aber das sollte sich im digitalen Zeitalter leicht ausgehen. Der Fokus läge aber auf Darkside, betont Jaar am Ende unseres Gesprächs. »Wir spüren beide gerade, dass es der Beginn von etwas Wirklichem ist, von einer richtigen Band.«