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Viele Leben später

Danny Brown im Gespräch

Er ist die schönste Zahnlücke nach Vanessa Paradis. Heute trägt Danny Brown goldene Grillz und versucht seine offenkundige Drogenneigung nicht zum Thema unseres Gesprächs werden zu lassen. Es geht schließlich um viel mehr als das. Sermin Usta traf den Rapper aus Detroit zum Release seiner neuen Platte »Atrocity Exhibition« in London und sprach mit ihm über Depressionen, Drogen und Joy Division.
Geschrieben am

Interview:
Sermin Usta

Wir sitzen im fünften Stock eines hippen Hotels mitten im noch hipperen Shoreditch, einem Viertel im Londoner Osten. Danny Brown lehnt nach vorne gebeugt auf der Couch und dreht sich genussvoll einen Joint, der Plattenspieler ist in Reichweite. Im Hintergrund dröhnt das Album eines mir unbekannten Rappers aus Detroit – der Stadt, die einst als florierende Autometropole galt und heute, egal ob im Osten oder Westen, nicht mehr als ein Moloch aus Häuserruinen, geschlossenen Shops und einer verarmten Bevölkerung ohne Sozialleistungen ist. Kurz: der Stadt, in der Danny Brown aufwuchs.

Deine Heimatstadt hat begnadete Künstler wie J Dilla, Eminem und Jack White hervorgebracht. Glaubst du, Detroit hatte Einfluss darauf?
Detroit? Nein. Es gibt dort nur einfach nichts zu tun. Das Leben in New York und L.A. ist viel sozialer. Ich würde ständig ausgehen und meine Zeit verschwenden. In Detroit ist das anders. Ich verbringe die meiste Zeit zu Hause, mit meiner Katze, und mache Musik. Das ist der Vorteil, wenn man nicht viel machen kann.

Wie es das Schicksal will, wird dein viertes Album in dem Jahr fertig, in dem auch Prince starb. Ich muss gestehen, bei näherer Betrachtung fielen mir direkt einige Parallelen auf: Ihr seid beide Eigenbrötler, auf eurem Gebiet Sound-Pioniere und Persönlichkeiten, die schwer zu fassen sind. Wie standest du zu Prince?  
Wenn ich an Prince denke, muss ich an meine Mutter denken. Seine Musik lief, wenn ich von der Schule kam, oder wenn sie das Haus putzte. Ich bin zwar Fan, aber kein so großer wie sie. Ich mochte seine aufgeschlossene Art, nicht nur im Bezug auf seine Musik. Er kannte keine Grenzen – weder in seinen Songs, noch zwischen den Geschlechtern oder Rassen.   

Was war dein erster Gedanke als du hörtest, dass er an einer Überdosis starb?
 
Ich habe an nichts Spezielles gedacht. Es hat mich traurig gemacht, dass er gestorben ist, nicht woran er gestorben ist.  
Vor Jahren sagtest du in einem Interview, dass »Weiße Drogen nehmen, um Party zu machen« und »Schwarze, um aus einer Depression zu fliehen«. Siehst du das heute noch genau so?
Ehrlich? Lass uns nicht über Dinge sprechen, die ich vor Jahren mal irgendeinem Journalisten erzählt habe. Ich sehe das heute nicht mehr so. Die Leute, egal ob Schwarz oder Weiß, haben ihre ganz persönlichen Gründe, weswegen sie Drogen nehmen.  

Welche Gründe sind das?

Es ist doch offensichtlich, dass die meisten der Realität oder ihren Depressionen entfliehen wollen. Die richtigen Drogen helfen dir dabei, in eine Welt abzutauchen, in der du für eine bestimmte Zeit glücklich bist.

Hattest du schon mal mit Depressionen zu kämpfen?

Klar, ich kämpfe damit schon mein Leben lang. Deswegen habe ich immer mehr Drogen genommen, bis es irgendwann zu viel war. Aber ich arbeite an mir. Auch ich werde erwachsen.

Was macht man, um aus einem depressiven Moment herauszukommen?

Wenn die Gedanken zu stark werden, muss man sie direkt bekämpfen, in dem man die Dinge ausspricht. So mache ich das. Ich gehe nicht zu einem Therapeuten oder so, aber ich rede ständig davon, was mich beschäftigt. Oder ich mache Musik. Das wäre dann der nächste Schritt.
Geboren in Detroits kleinkriminellen Linwood, wächst Danny Brown alias Daniel Dewan Sewell als Kind zweier Teenager auf. Vater Charles ist von Beruf House-DJ und erst 16 Jahre alt, als sein Sohn zur Welt kommt. Die Mutter ist Hausfrau, bis sie sich von ihrem Mann scheiden lässt. Verhältnisse, die von der weißen Mittelschicht diskriminierend als »broken family« bezeichnet würden. Mit 16 fängt Danny an, regelmäßig Drogen zu nehmen und sie zu verticken. Sein ganzes Umfeld, so der Rapper, habe ihn darauf vorbereitet. Es habe niemanden gegeben, der nichts mit Drogen zu tun hatte. Kein Wunder also, dass Brown bald darauf für viele Monate im Knast landete. Genug Stoff, um ein ganzes Lebenswerk damit zu füllen. Und genau damit hat Danny Brown spätestens 2010 mit »Hybrid« begonnen. Mit dem Nachfolger »XXX« und der millionenfach geklickten Single »Grown Up« schrieb und produzierte Danny im Alleingang sein bis dahin erfolgreichstes Album. Zwei Jahre später folgt »Old«, Browns bis dato drittes Album. Mit »Atrocity Exhibition«, dem zweifellos reifsten und gleichzeitig experimentierfreudigsten Danny-Brown-Album, möchte der heute 35-Jährige seinen Erfolg auf die nächste Stufe hieven. 

Mal ganz unschuldig gefragt: Wann hast du entschieden, Rapper zu werden?
 
Das war schon im Kindergarten. Ich habe später auch vor meiner Klasse gerappt, wenn wir etwas aufführen sollten. Meine Lehrerin mochte es, die anderen Kinder auch. Später habe ich es meinem Cousin gezeigt. An seiner Reaktion habe ich gemerkt, dass es gar nicht so schlecht war, also habe ich weitergemacht.


Du sagtest mal, dass deine Zwanziger die schlimmste Zeit deines Lebens waren. Wieso? 
Ich war dauernd pleite und versuchte damals im Musikgeschäft Fuß zu fassen. Die meisten Leute würden sagen, dass sie in ihren Zwanzigern dauernd Party gemacht haben und die beste Zeit ihres Lebens hatten. Bei mir war das anders. Ich musste um alles kämpfen. Detroit ist da anders als New York. Du musst nicht nur Talent, sondern auch Glück haben, damit sich etwas an deiner Situation ändert.   

Lässt es sich leicht mit dir arbeiten?
 
Auf keinen Fall. Ich brauche viel zu lange für einen Song. Das ist der Grund, weshalb ich keine Studios mag. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die ins Studio gehen und sagen: »Yo, lass uns eine Platte machen«. Ich schreibe nachts, und am Tag nehme ich auf – das geht am besten zu Hause.

Nach drei Jahren Auszeit erscheint nun dein viertes Album »Atrocity Exhibition« erstmalig bei Warp Records. Trägt die Platte eigentlich nur zufällig den Namen eines bekannten Joy-Divison-Songs? 
Ich hatte mehrere Titel im Sinn. Dann dachte ich an »Atrocity Exhibition« und erinnerte mich an die Freakshow, die im Song beschrieben wird. Es geht darum, den Menschen beim Versagen zuzusehen oder auch zu gaffen, wie bei einem Autounfall. Viele fühlen sich von solchen Situationen unterhalten, darum geht es auch auf meiner Platte. Eigentlich wollen sie wegschauen, aber sie können nicht, weil es sie so sehr fasziniert. Das ist zumindest bei uns in Amerika so.

Danny Brown

Atrocity Exhibition

Release: 30.09.2016

℗ 2016 Warp Records