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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Honestly I Love You – Cough

Daniel Cirera

Alter Schwede, dafür hätte Vicious ihm mit Sicherheit gerne in den Arsch getreten. Daniel Cirera? Noch nie gehört. Das Cover schreckt auch erst mal ab, wobei ich ja nichts gegen Menschen habe, die Glatze und Trainingsjacke tragen und durch ‘ne Palmenstraße joggen. Aber das Auge isst schließlich mit.
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Alter Schwede, dafür hätte Vicious ihm mit Sicherheit gerne in den Arsch getreten. Daniel Cirera? Noch nie gehört. Das Cover schreckt auch erst mal ab, wobei ich ja nichts gegen Menschen habe, die Glatze und Trainingsjacke tragen und durch ‘ne Palmenstraße joggen. Aber das Auge isst schließlich mit. Der Titel des Debüts „Honestly I Love You – Cough“ lässt einen auch alles andere als Schmunzeln. Und warum überhaupt schickt man mir ‘ne HipHop-Platte? Ah, nach dem ersten Song wird die Vorurteilsschublade schnell geschlossen. Außer der Tatsache, dass Daniel Cirera auf dem Label Tommy Boy gesignt wurde und nicht gerade auf den Mund gefallen ist, hat er musikalisch nix mit Sprechgesang gemein. Der junge Schwede mit spanischer Verwandtschaft schreibt Folkpop-Melodien, die manchmal ein wenig rocken oder gefühlsdramatisch vor sich hin schrammeln. „Motherfucker – Fake Vegetarian Ex-Girlfriend“ ist der etwas andere Liebessong und sticht mir sofort ins Herz, obwohl der junge Mann hier böses Vokabular an jener Ex-Freundin auslässt. Die ist aber selbst schuld, denn schließlich betrügt man seinen Liebsten nicht. Und dass viele Pseudo-Pflanzenfresser herumlaufen, die meinen, sie wären Tierschützer, wenn sie ganz nebenbei die Weltmeere leer fressen, ist mir auch schon aufgefallen. Das ist mal wieder ein Sommerhit, der derzeit nicht umsonst ungeniert bei Radio Hamburg rotiert. Man hört, dass der Mann häufiger den Königen der Alleinunterhalter (Evan Dando, Ben Lee, Ben Kweller) auf den Mund und die Finger schaut. Cireras spanisches Blut lässt er durch die Gitarre sprechen (Castle Of Sand, 24) und verknüpft diese mit tüchtigen Orchester-Arrangements, die manchmal ein wenig zu aufgedonnert wirken. Inhaltlich dringt er in die Tiefe und winkt amüsant mit dem Ironie-Fähnchen. Für ihn sind Wörter wie Gewürze, die benutzt man schließlich auch, um den Geschmack zu verstärken. Bloß müsste der eine oder andere Song für meinen Gusto noch etwas nachgesalzen werden. „Sorry Sorry Sorry“ plätschert etwas verloren vor sich hin, na, wird aber durch die Mundharmonika sonnig unterstützt. Und immer wieder taucht das freundliche Piano auf. Manchmal erinnert mich Daniel an ein verirrtes Boygroup-Member, das versucht, mit seinem Niedlichkeitsbonus in die Singer/Songwriter-Liga aufgenommen zu werden. Dennoch, seine Stimme klingt in jedem Rhythmus gut. „She Rules The School“ ist ein kühler Tanztrip durch die bunte Diskowelt, wo sich Madonna und Kylie locker und sexy zu bewegen könnten. Neben Pop und Folk-Geklage wagt sich Daniel auch mal an die Punkrockkiste ran und covert „Anarchy In The U.K.“ von den Sex Pistols. Hier schmust er sich mutig durch die englische Gesetzlosigkeit. Alter Schwede, dafür hätte Vicious ihm wie schon gesagt mit Sicherheit gerne in den Arsch getreten. Meist ist Cirera alleine mit Gitarre unterwegs und organisiert gerne mal spontane Gigs und sorgt für allgemeines Aufsehen. Mit Pauken und Trompeten stellte die Emi vor kurzem im Rahmen eines Showcases die „schwedische Antwort auf Jack Johnson“ vor. Der Lärm lohnt sich, wenn der junge Mann weiterhin so ungeniert aus sich rausgeht und schockierende Hymnen über die Ex schreibt und über Männer, die sich einen Hund besorgen, nachdem man sie verlässt: „Life just sucks / I lost a girl / It’s all messed up / It really hurts and where’s my dog / I need you more than ever“ („Dog“).