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»Ihr lazy Asses mit eurem Spotify«

Dan Auerbach im Interview

Unsere Autorin Silvia Silko wurde gewarnt, Black-Keys-Sänger Dan Auerbach kein einfacher Interviewpartner. Sie hat sich in die Höhle des Löwen gewagt und trotzdem ein paar spannende Erkenntnisse zu Auerbachs zweitem Solo-Album »Waiting On A Song« bekommen.
Geschrieben am

Interview:
Silvia Silko

Ein Kollege, der das Vergnügen mit Dan Auerbach schon mal hatte, rät mir mit ihm übers Boxen zu reden – eine Leidenschaft des Musikers. Klasse! Wir könnten Gebrüder-Klitschkos Milchschnittewerbung besprechen. Bis exakt dahin geht mein Wissen. Sollte ich mir Sorgen machen? Blödsinn. Wobei die äußeren Gegebenheiten im Soho House in Berlin schon dafür sorgen, dass ich mich so unwohl wie bei einem Vorstellungsgespräch fühle: Das Loft in dem das Interview stattfindet ist riesig, der Weg zu Auerbach lang. Er sitzt an einem Schreibtisch, mein Platz ist ihm gegenüber in einem tiefen Sessel. Ist das Kalkül? Falls hier vom Management eine bestimmte Fassade aufgebaut werden sollte, ist sie überflüssig: Auerbach reißt sie im Gespräch durch konsequente Ehrlichkeit selbst wieder ein. Genau das macht ihn letztendlich zu einem spannenden Gesprächspartner, der ganz offen zugibt, dass er Interviews scheiße findet, fortschrittliche Technik und soziale Medien ablehnt und verdammt noch mal einfach nur seine Musik machen will – wie für sein zweites, großartiges Soloalbum »Waiting On A Song«.

Du sagst über dein neues Solo-Album, dass es um alles geht, was du an Musik liebst.
Damit habe ich mich auf die Leute bezogen, die auf dem Album zu hören sind: Bobby Wood, Duane Eddy und so viele andere. Diese Künstler, die in der Vergangenheit für so großartige Musik verantwortlich waren, haben an dieser Platte mitgearbeitet. An »Waiting On A Song« liebe ich diese unterschiedlichen Referenzen, die dadurch zusammenkommen. 

Dein erstes Soloalbum klingt düster und trocken. Deine aktuelle Platte wird geradewegs von Euphorie überstrahlt. Wie kommt das? Hat sich seit 2009 etwas Markantes in deinem Leben verändert?
Gott, das ist schwer zu beantworten. Klar, man entwickelt sich ja immer. Ich hätte ein solches Album nicht vor drei Jahren machen können. Dazu wäre ich nicht in der Lage gewesen. Ich habe genau die richtige Offenheit zu genau der richtigen Zeit gehabt, um diesen Sound produzieren zu können. Bis es dazu kam, musste Einiges passieren: Ich habe mein Studio gebaut, habe all diese Musiker zu mir eingeladen. Ich war offen, mit ihnen zu arbeiten, sie in meine Welt zu lassen. Und sie waren es auch. Wir haben wirklich Tag für Tag zusammen gearbeitet, an sechs Tagen die Woche, von morgens bis abends. Ich hatte so viel Spaß! 
Das klingt ein bisschen nach Schichtarbeit. Beschneiden so enge Arbeitszeiten nicht die Kreativität eines Musikers?
Bei mir nicht, es passiert eher das Gegenteil. Die Fähigkeit, Musik zu schreiben ist wie ein Muskel. Je mehr du ihn trainierst, desto stärker wird er. Irgendwann wird es ein Selbstläufer: Du schreibst mehr, weil du besser werden willst und je besser du geworden bist, desto mehr schreibst du, weil es dir einfach Spaß macht. 

Demnach war es für dich also am härtesten, einen Song zu schreiben, als du als Musiker angefangen hast?
Damals wusste ich nicht einmal, was ein Song überhaupt ist. Ich wusste nicht, wie man einen Song schreibt. Alles was ich wusste, war das was ich mir angehört habe. Ich hatte auch keinen Lehrer oder so. Ich hatte ehrlich keine Ahnung, was ich eigentlich tue. 

Wie hast du dir damals geholfen? Bist du einfach deiner Intuition gefolgt?
Ja. Genau. Und ich habe alte Klassiker kopiert. 

Hat ganz gut geklappt, würde ich sagen.
Ja, ich glaube auch.(lacht)

Man könnte meinen, dass du mit zwei Bands und der Arbeit als Produzent ganz gut ausgelastet bist. Woher kam der Wunsch, auch noch ein Solo-Album zu machen? 
Mein Lieblingsort ist im Studio. Als ich aufgehört habe, mit The Black Keys und The Arcs zu touren, hatte ich nichts mehr auf dem Plan. Keine Tour – seit Ewigkeiten das erste Mal. Also habe ich angefangen, Musik zu schreiben. Es wurde zur Routine, das fühlt sich nicht nach Arbeit an. Ich mag es so sehr, ich kann gar nicht abwarten, weiter zu machen. 

Touren ist für dich also der negative Teil deines Jobs?
Ja, unter anderem. Daraus habe ich aber auch niemals ein Geheimnis gemacht. Touren ist für mich harte Arbeit. Spaß habe ich im Studio, nicht auf der Bühne.

Würdest du das Touren lieber mögen, wenn es kleinere Veranstaltungsorte wären mit kleinerem Publikum?
Nein. Das macht keinen Unterschied. Es ist immer noch das ständige Wiederholen von Sachen, die du Jahre zuvor geschrieben hast. Es ist verrückt! (kichern) Es ist total krank so etwas zu tun! Denk mal drüber nach: Jeden Abend gehst du raus und spielst einfach immer wieder dasselbe. Das ist einfach verrückt. Erst recht, wenn du diese Reaktionen und das Gefühl des Publikums nicht brauchst – wie ich. Ich weiß, dass es Leute gibt, die das brauchen. Ich bin einfach keiner von ihnen. 

Ich habe schon einige Bands gefragt – speziell die, die den großen Hit hatten – ob es ihnen nicht auf die Nerven geht, diesen einen Song teilweise jeden Tag spielen zu müssen. Bisher hat keiner zugegeben, dass er es nicht mag. 
Hör mal zu: Die lügen dich an! Sie sind Lügner. Tut mir leid, diese Seifenblase platzen zu lassen. (lacht)

Das ist eine harte Aussage!
Aber sie ist wahr. Vor allem junge Bands glauben immer, allen gefallen zu müssen. Das kommt durch die sozialen Medien. Sie werden überschwemmt von Meinungen, Reaktionen und all dem. Sie glauben, durch Youtube berühmt werden zu können – das ist doch alles wertlos!

Hast du manchmal Angst, dass durch diese neuen Entwicklungen die Qualität auf der Strecke bleibt?
Wir sehen die negativen Folgen doch schon! Es bedeutet nichts mehr, in ein gutes Magazin zu schauen, du kannst dich ja Online ständig updaten lassen. Dasselbe passiert mit Musik. Nichts ist mehr von Bedeutung. Selbst du, als Mensch der sich für Musik interessiert, hörst Musik über Spotify-Playlists! Ihr lazy Asses mit eurem Spotify! Wenn ich ehrlich bin muss ich sagen, dass das nichts Gutes gebracht hat und schotte mich ab. Und wenn etwas wirklich gut ist, wird es dich finden. Dafür brauchst du Ruhe, Offenheit und vielleicht deine Freunde, denen du vertraust, die dir neue Sachen vorspielen. Lass die Welt, die du dir um dich herum aufgebaut hast, dein Filter sein. Mir hat es geholfen, mein Universum ein bisschen kleiner zu machen.  

Du selbst bist allerdings Teil dieser Welt. Meinst du nicht, dass das ein Widerspruch ist, so damit umzugehen?
Nein. Es ist ja meine Entscheidung und ich bin frei sie so zu treffen. Das würde ich auch jeder jungen Band empfehlen: Kommt mal runter, entspannt euch, fokussiert euch auf das Wesentliche. Am Ende geht es darum, Musik zu produzieren, die die Menschen bewegt, die dich selbst bewegt. Scheiß auf Klickzahlen, scheiß auf Pressestimmen – wie ist das Gefühl? Auch das habe ich von den ganzen älteren Herren gelernt, mit denen ich einen Sommer lang Musik gemacht habe und was soll ich sagen: Die haben es einfach verstanden!

Dan Auerbach

Waiting on a Song

Release: 05.05.2017

℗ 2017 Easy Eye Sound under exclusive license to Nonesuch Records Inc.

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