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Ein freches Gefühl

Damien Rice live in Köln

Heute sind alle Sieger: Damien Rice spielt für ein kleines Publikum aus Ticket-Gewinnern in Köln. Auch die Klasse des Auftritts muss niemandem das Gefühl geben, seine Zeit vielleicht doch vertan zu haben.
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So sieht es also aus, das 1Live-Radiokonzert-Publikum von Damien Rice: Jung, aber nicht einfältig, viele Pärchen, ernste, aber gefühlvolle Gesichter. Eben Leute, die Späße á la »Dennis aus Hürth« nur bedingt lustig finden, und die Musik nicht nur für die Party oder gegen die Langeweile hören. Ganz so euphorisiert, wie man eigentlich erwarten könnte, sind sie aber nicht davon, zu den gut 200 Ticket-Gewinnern dieses exklusiven Konzertes zu gehören. Oder liegt das nur an der puren Anspannung ob der hohen Erwartungen?
Manch ein Fan wird möglicherweise schon ganz zu Beginn enttäuscht, nachdem 1Live-Moderator Beeck nach Erklärungen des Verhaltenscodex’ die Schalte freigegeben und Rice auf die kleine Bühne gebeten hat: Der Ire kommt allein, kein Pianist, auch keine Background-Sängerin, die Songs wie »9 Crimes« oder »Older Chests« ganz wie auf Platte veredeln könnte. Nach gut sieben Jahren Bühnenabstinenz in der Stadt weiß halt niemand mehr so genau, wie es um die Live-Qualitäten Rices bestellt ist. Der gegenüber Presse und Öffentlichkeit so wortkarge Songwriter macht aber ziemlich schnell klar, dass er nicht nur in punkto Verkaufszahlen zur vordersten Riege seines Genres gehört. Er mischt sehr früh im Set Hits mit neuen Stücken, so dass schon beim zweiten Lied die ersten Fans anfangen mitzusummen. 
Auch danach überrascht der kleine Sänger mit seiner halbakustischen Gitarre durch Vielseitigkeit und Unterhaltungswert. Seine ausufernden Erläuterungen kommen pointiert und geschliffen, er bricht die gefühlte Distanz, nachdem ihm die größten Fans auch schon rein räumlich in dem kleinen, an ein Amphitheater erinnernden Alten Pfandhaus fast auf den Füßen sitzen. Er beschreibt Beziehungssituationen, die zu Songs führten, ist ein bisschen frech (»Did you pay for the concert?« nach nicht enden wollenden Zugabewünschen) und trotz aller Gefühlsduseligkeit nie eindimensional. Auch nicht musikalisch, wenn er vereinzelt die Effektgeräte anwirft und zu Stroboskop-Flackern ein verzerrtes Rock-Solo einstreut. Kern den Ganzen bleibt aber die Substanz seiner Stücke, die nur sehr selten pathetisch verhärmt rüberkommen, meistens aber eine gekonnte Komplexität beweisen, zu der Sheeran, Passenger & Co. nun wirklich nicht fähig sind.
Das Publikum liegt ihm da schon längst zu Füßen. Kein Wunder, schließlich hätte es sich seinen exklusiven Kartengewinn kaum durch ein mieses Konzert madig machen lassen wollen. Zu so einer Wertung gibt Rice aber nie wirklich Anlass. Als die einstündige Radioausstrahlung beendet ist, spielt er noch mal fast dieselbe Spielzeit weiter, animiert die Fans zu Wechselgesängen, erzählt und erzählt und erfüllt alten Fans mit den frühen Hits »Cannonball« und »Blower’s Daughter« am Ende auch die allerletzten Wünsche. Alle anderen Hits sind da schon längst gespielt. Aber auch wenn das Saallicht danach schnell erbarmungslos brennt: Für die meisten hätte der Abend noch lange nicht enden müssen.

Damien Rice

My Favourite Faded Fantasy

Release: 31.10.2014

℗ 2014 Damien Rice under exclusive licence to Atlantic Records UK, a Warner Music Group company.