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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Damals: Retrotrends der Nullerjahre

Wer hat an der Uhr gedreht?

Im Jahr 2010 spielten auf dem Primavera Sound Festival in Barcelona The Pixies und Pavement als Headliner. Zwei Bands, die sich bereits vor Jahren offiziell aufgelöst haben. In diesem Jahr traten dort Pulp auf, die seit über zehn Jahren nicht mehr live zu sehen waren – und wohl auch nie wieder gemeinsam ins Studio gehen werden. Während das boomende Live-Geschäft zur unverhofften Einnahmequelle für in Rente gegangene Bands geworden ist, sprießen um sie herum Armeen von Epigonen aus dem Boden, denen nichts Besseres einfällt, als die Ideen der alten Hasen in ihren Songs zu kopieren. Moment mal, ist das so?
Geschrieben am
Junge Hüpfer, alte Hasen

Seit The Strokes im Jahr 2001 mit ihrem ersten Album »Is This It?« einerseits als neues heißes Ding ein junges Publikum begeisterten und andererseits nostalgische Gefühle bei den älteren Hörern auslösten, die noch schrammelige Garagenrock-Platten aus den 1960er- und nervöse Postpunk-Alben aus den 70er-Jahren im Schrank hatten und sich außerdem an den Look der Swell Maps erinnern konnten, denen Julian Casablancas und Co. echt nicht unähnlich sahen, scheinen die Uhren in der Popkultur endgültig anders, wenn nicht gar rückwärts zu ticken. Zwar gab es auch vorher schon Retromoden und ästhetische Revivals, doch in den Nullerjahren wurde das Spiel mit den Referenzen aus der Pophistorie so weit getrieben, dass der britische Musikjournalist und Publizist Simon Reynolds kürzlich in einem Zeitungsartikel vermutete, man werde im Nachhinein Probleme haben, das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts an einem spezifischen Sound wiederzuerkennen. Schließlich hätten so viele Künstler Rückgriffe auf die Geschichte getätigt, dass letztlich alles verstaubt klinge.


Dieses Urteil können aber wohl am ehesten mehr oder weniger nostalgische Kritiker aus dem Dunstkreis seiner Generation bestätigen – Reynolds ist Jahrgang 1963 -, während Spätgeborene geflissentlich darüber hinweghören dürften. Nicht jeden Enkel interessiert es, wenn die Großeltern vom Krieg erzählen. Und wer sich schon mal auf einem bunt gemischten Festival wie dem Primavera Sound auf mehreren Bühnen umgeschaut hat, wird festgestellt haben, dass die alten Recken durchaus altmodischer klingen als jene Bands, die laut dem Urteil der Popkritik deren Sound kopieren.

Erfahrungsschätze, Überraschungserfolge

Simon Reynolds selbst ist ebenfalls aufgefallen, dass es für die Kritik darum gehen muss, die Retrotrends der letzten Jahre als Phänomen umfassend zu beschreiben – und in den Kontext ihrer Zeit einzuordnen. Im Sommer erschien sein Buch »Retromania«, worin er sich mit den vielen Spielarten von Retro beschäftigt, die über kurze musikalische Moden hinausweisen. Deshalb bat Christian Werthschulte ihn für dieses Heftspezial auch zum Gespräch.

Um den personellen Zusammenhang zwischen dem Phänomen der vielen Indie-Retrobands und den alten Zeiten zu beleuchten, sprach Christian Steinbrink darüber hinaus mit Laurence Bell, einem der Macher von Domino Records. Dieses aus dem Geist des Postpunk und DIY entstandene britische Label zauberte zu seinem 10-jährigen Bestehen im Jahr 2004 mit dem Erfolg des Debütalbums von Franz Ferdinand ein ganz besonders fettes Retro-Kaninchen aus dem Zylinder. Heute hat sich Domino auch die Pflege eines umfassenden Reissue-Katalogs zur Aufgabe gemacht. Bei so viel Geschichtsbewusstsein sei die Frage erlaubt: Was hat der Erfahrungsschatz der Labelbetreiber mit dem Erfolg Franz Ferdinands zu tun, einer Band, die – wie zumindest Simon Reynolds erklärt – im Gegensatz zu den Postpunk-Veteranen »die harte Arbeit, all das Reifen und die Kämpfe, die nötig waren, um etwas völlig Neues zu erschaffen, einfach übersprungen« hat? War früher alles besser – und wer hat an der Uhr gedreht?



Post-irgendwas-Skriptum: Alte Gewohnheiten

Da Simon Reynolds betont, wie sehr Journalisten, die jede neue Band bereits kennen, bevor es sie gibt, an der Retroschraube drehen, lassen wir uns in Sachen Zeitreisen durch den Zitathimmel nicht lumpen - und veranschaulichen unsere Timeline anhand der referenzreichsten Intro-Reviews der letzten zehn Jahre. Und obwohl wir wissen, dass Künstler nicht gern in Schubladen gesteckt werden, tun wir es nach alter Tradition doch und präsentieren eine Liste von mit allen Wassern sämtlicher Pop-Quellen gewaschenen deutschen Acts - von Robocop Kraus bis 1000 Robota.

Das Retro-Spezial findet ihr unter www.intro.de/spezial/retro.