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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Damals: Das Hamburger Schule-Spezial

Wappen an der Stirn

Vor 20 Jahren begann man unter dem Begriff "Hamburger Schule" eine Handvoll in Hamburg ansässiger Bands zusammenzufassen, die stilistisch kaum etwas miteinander zu tun hatten.
Geschrieben am

Der Begriff klang zwar interessant, verkam aber schnell zum entleerten Etikett. Denn wer genauer hinschaute, musste sich fragen: Was haben Brüllen außer Wohnort und Anfangsbuchstaben mit Bernd Begemann gemein? Und wie groß ist die musikalische Schnittmenge zwischen Gruppen wie Die Braut Haut Ins Auge und Blumfeld (Foto)? Oder Tocotronic und Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs? Oder Huah! und Cpt. Kirk &.? Doch sutje, Diggi, sutje.


Wo fing es an?

"Eigentlich waren nur zwei Bands gemeint", bemerkt Tobias Levin. Das Zitat stammt aus "Hamburg Calling - Musik aus einer Hafenstadt", ausgestrahlt Mitte Dezember 2010 im NDR-Fernsehen. Oliver Schwabes 90-minütige Collage aus Archiv-Material sowie aktuellen Kommentaren und Anekdoten von Zeitgenossen wie Horst Fascher, Dendemann und Kristof Schreuf erzählt die Geschichte der Popmusik in Hamburg. Neben Superstars wie The Beatles und Udo Lindenberg und legendären Clubs wie Kaiserkeller und Star Club wird hier auch der sogenannten Hamburger Schule viel Platz eingeräumt.

Levins Äußerung bezieht sich auf einen Artikel in der taz, der 1992 anlässlich der Veröffentlichung zweier Alben erschien: Blumfelds "Ich-Maschine" und "Reformhölle" von Cpt. Kirk &. Deren auffälligstes Merkmal lag - neben der spannenden Musik und dem geistreichen Artwork - in dem neuartigen Umgang mit der deutschen Sprache als Basis für Songtexte, dem intensiven Tonfall, mit dem sie vorgetragen wurden, und darin, was in ihnen verhandelt wurde: Psychologie und Wirtschaft, Depression und Inflation, das Politische im Privaten und andersherum - nicht gerade die Lieblingsthemen deutschsprachiger Song-Texter nach 1945. In Anlehnung an die "Frankfurter Schule" um Adorno prägte der Journalist Thomas Groß in seinem taz-Text einen von Volker Backes in dessen Fanzine What's That Noise eingeführten Begriff: "Hamburger Schule". "Ein journalistischer Hit", wie Levin es nennt.

Was ist passiert?
Katerstimmung. Punk ist längst Geschichte, NDW als Ramschware im Schlussverkauf gelandet. In Hamburg treffen Mitte/Ende der Achtziger ein paar von der "Do It Yourself"-Idee beseelte Musikinteressierte nacheinander aufeinander. Leute aus Vororten, anderen Städten, vom platten Land oder aus der Provinz - und ein paar Hamburger. Mit Pascal Fuhlbrügge und Carol von Rautenkranz bildet sich in diesen Jahren ein "power couple", wie es Sänger Kristof Schreuf in den Linernotes zu den Kolossale-Jugend-ReReleases (2005) bezeichnet.
Fuhlbrügge und Rautenkranz organisieren Konzerte für lokale Bands, gründen einen Musikverlag und schließlich ein kleines Label mit dem großspurigen Namen L'Age D'Or (Das goldene Zeitalter), das fortan neben Alfred Hilsbergs ZickZack und What's So Funny About zur wichtigsten Adresse für eigensinnige Bands aus Hamburg avanciert. Vorher, nachher, nebenan und um die Ecke: Die Goldenen Zitronen verabschieden sich vom Fun-Punk. Cpt. Kirk &. veröffentlichen "Stand rotes Madrid" via Hilsberg. Die Antwort debütieren bei RCA / BMG Ariola. Jochen Distelmeyer, Bernadette Hengst, Frank Spilker und Walding alias Knarf Rellöm bringen ihre Bands in Stellung.

Was wenige Jahre später zur Keimzelle einer Schule verkittet wird, ist zu dieser Zeit ein loser Haufen von kreativen Musik-Akteuren mit ungewöhnlichen Ideen. Man kennt und mag sich oder auch nicht, singt in der gleichen Sprache und begegnet sich zufällig oder absichtlich in Kneipen zwischen einer noch nicht gentrifizierten Sternschanze und dem als Ausgehviertel wieder erwachenden St. Pauli. Ansonsten: Wat dem eenen sin Elvis und die SPD, sind dem annern sin Blixa und die schwarze Fahne.

"Wir teilten uns Proberäume, liehen Verstärker hin und her", erzählt Bernadette Hengst heute. "Aber es gab große inhaltliche und musikalische Unterschiede zwischen den Bands." Einige davon liegen auf der Hand: Während Künstler und Gruppen wie Rocko Schamoni, Huah! und Die Braut Haut Ins Auge mit einiger Ironie Rock'n'Roll, Sixties-Pop oder Schlager zitieren und dabei Krieg oder ein stinkendes Bett besingen (Stichwort: Subversion), greifen Kolossale Jugend und Cpt. Kirk &. per Wort und Ton komplex, aber direkt durchs Ohr ins Hirn. Derweil zwischen Spaß und Ernst vermittelnd: kampferprobte Post-Punks wie die Zitronen und geniale Nerds wie die Suppenwürfel.

1989/90 erscheinen mit "Dies ist Hamburg (nicht Boston)" und "Geräusche für die 90er" die jeweiligen Bestandsaufnahmen von L'Age D'Or und den Hilsberg-Labels. Dass unter den fast 50 Bands nur eine Handvoll in der immer noch exotisch anmutenden Pop-Sprache "Deutsch" textet, fällt nicht erst auf den zweiten Blick auf. Ein Jahr danach, Auftritt Blumfeld: Die Ausgewogenheit zwischen Wohlklang und Disharmonie, vertrauten Worten und verwirrenden Formulierungen, eine treibende Band und dieser charismatische Front-Typ da - das alles öffnet neue Räume, Augen und Ohren. Mit der landesweit fast ruckartig einsetzenden medialen Aufmerksamkeit, die sich auf diese Band konzentriert, beginnt Hamburg seine vorübergehende Karriere als Musikhauptstadt der Republik. 

Zwischen Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger ereignen sich noch ganz andere Dinge, die ihre Spuren im Schaffen einiger Hamburger Musiker hinterlassen: Als Antwort auf die BILD-Schlagzeile zum Tag der Maueröffnung ("Guten Morgen, Deutschland!") geben Kolossale Jugend am Tag darauf T-Shirts mit der Aufschrift "Halt's Maul, Deutschland!" in Auftrag. Angewidert von den Mob-Attacken in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda und anderswo, bringen Die Goldenen Zitronen zusammen mit den Hamburger HipHoppern Easy Business und Eric IQ Gray die Single "80.000.000 Hooligans" heraus.

Dem allgemein aufkeimenden neuen deutschen Nationalismus entgegnen kritische Journalisten, Aktivisten und Musiker (u. a. Die Goldenen Zitronen, Blumfeld, Absolute Beginner) in Hamburg, Köln und anderen Großstädten mit Initiativen wie "Etwas Besseres als die Nation" und den "Wohlfahrtsausschüssen", die Anfang 93 mit einem Musik-, Vortrags- und Diskussionsprogramm in Rostock, Leipzig und Dresden gastieren.

Apropos Diskussion: Mit dem "Hamburger Schule"-Begriff wird fast zeitgleich eine weitere journalistische Wortschöpfung namens "Diskurs-Pop" ins Rennen geworfen. Beide meinen für einen Moment lang das Gleiche, aber Letzterer benennt etwas genauer, worum es geht. Um Musiker nämlich, die nicht (nur) beim Bier am Tresen diskutieren, sondern diese Diskurse auch unmittelbar in ihre Kunst einarbeiten und dort für andere erkennbar machen. Als Beispiele für diese Politisierung und Diskursividingsbums mögen Songs wie Kolossale Jugends "Osten war rot" und "Scheiß auf deutsche Texte" von Die Sterne herhalten sowie "Selber Schuld" von Cpt. Kirk &., der mit den Zeilen "What's so funny about L'Age Polyd'Or, was ist komisch an viel besserem Gold" auf die damalige Kooperation der beiden Labels anspielt.

Was hat dich bloß so ruiniert?
Die ersten Platten von Blumfeld und Die Sterne sorgen dafür, dass das Wort von der "Hamburger Schule" seine Runden zu drehen beginnt. Mit jeder Runde tritt sich ein Missverständnis weiter fest: Wer ab jetzt auf Deutsch singt, eine oppositionelle Haltung andeutet (gegen was auch immer) und Kumpels in Hamburg hat, darf eingeschult werden. "Im Laufe der 90er ging es immer mehr um kommerziellen Erfolg", beschreibt es La Hengst, "da wurde das Etikett 'Hamburger Schule' schnell zu einem inhaltlosen Verkaufsargument." Mit Tocotronic bricht 1994 die vermeintliche Paradeband der "Hamburger Schule" durch. Von da an gibt es kein Halten mehr. Weder bei Nachahmern, Trittbrettfahrern und deren Fans, noch bei Presse, Musikindustrie und sonstigen Verwurstungsmaschinen. Der Rest - also die massive unsachgemäße Überstrapazierung dieses Etiketts - ist Geschichte.
"Kaum eine dieser Bands hatte es auf große Professionalität angelegt. Woraufhin vor allem die Schrammelgitarren nicht nur von den Meistern Jochen Distelmeyer und Dirk von Lowtzow an ihre tollsten Grenzen geführt und daraufhin oft und gern kopiert wurden", erinnert sich Tobias Levin. "Aber in den Werken entstand auch eine neuartige Verbindung von Pop-affinem Eigensinn und linkem Gemeinsinn.

An Letzterem haben sich die Nachahmer dann wiederum die Zähne ausgebissen, falls es überhaupt Interesse daran gab." Heute gilt die Gleichung: viel Privates, Offenes, geheimnisvoll Versponnenes mit einer homöopathischen Prise Politik plus ordentlich Schrammelgitarren = Hamburger Schule. Nichts gegen Privatkram und Schrammelgitarren. Aber deswegen muss man sich ja kein Wappen an die Stirn kleben - oder kleben lassen.

Will man am Ende dieses Lieds unbedingt die müßige Frage stellen, was von "Diskurs-Pop" und "Hamburger Schule" jenseits des Missverständnisses 2011 noch übrig ist, wäre da das Schwabinggrad Ballett zu nennen, ein aus Christine Schulz (Parole Trixie), Ted Gaier (Zitronen) und etlichen mehr bestehendes Performance-Kommando, das auf Anti-Gentrifizierungs-Pranks und -Demos zum Einsatz kommt.

Kristof Schreuf hat kürzlich mit "Bourgeois With Guitar" ein bemerkenswertes Soloalbum auf Buback-Tonträger herausgebracht, produziert wurde es von Tobias Levin in dessen Electric Avenue Studio. Goldis, Tocos, Sterne, Stella, Knarf, Distelmeyer, Hengst, Pudel-Imperium und Hilsberg-Konzern sind alle noch am Start - L'Age D'Or nicht mehr. Ob 1000 Robota sich in der "Hamburger Schule" wohlfühlen, wissen wir nicht. Nennen wir's künftig doch einfach anders.

Und damit zurück an die geistes- und kulturwissenschaftlichen Fakultäten der Unis Bremen, Münster und Leipzig.