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Damals: Auf Reise mit Techno

From Detroit To Berlin

1991 war das Schicksalsjahr für Techno. Nach wichtigen Etappen in Düsseldorf und Detroit entwickelte sich nun Berlin zum neuen Epizentrum einer Revolution
Geschrieben am

Der Kölner DJ, Autor und damalige Spex-Redakteur Hans Nieswandt konnte etliche Schlüsselereignisse dieser Zeit mit eigenen Augen und Ohren erleben. Hier zeichnet er für Intro die Reise von Techno fort – mit Seoul und Kabul als vorerst letzten Stationen.

Der Bass! Wo zur Hölle war all die Zeit der Bass geblieben? Fiebrig und unaufhaltsam peitschte der Beat voran, aber vor jetzt bestimmt schon mindestens 32 Takten – also praktisch einer Ewigkeit – hatte der große, der legendäre DJ Tanith den Bass gekillt und ließ uns seitdem in schwitziger Aufregung zappeln dort unten, vor dringender Sehnsucht zerfließen, im Laserblitzgewitter auf der Tanzfläche. Das schien ihm richtig Spaß zu machen. Lächelnd beugte er sich über seinen Laptop, justierte ein paar Knöpfe an seinem Hardware-Controller und brachte dann mit beherztem, erlösendem Schub den Bass zurück. Daaa! Jaaa! Aaah! Nebel!

Es war wie eine Glücksexplosion. Und genau darum ging es doch! Das nannten wir Techno! Mit einem Male wusste ich wieder ganz genau, was noch mal das Großartige daran war, was Techno zur manchmal besten Musik der Welt machte. Schreiend und tobend, in einem Halbkreis um die DJ-Box gedrängt, machten die kleinen koreanischen Raver Handyfotos voneinander, um diesen entfesselt im Hier und Jetzt ekstatisch vorbeirauschenden Moment, der doch gefesselt war in einer stundenlangen hypnotischen Intensität, irgendwie festhalten und später posten zu können.Unschwer zu erkennen, dass es sich bei der eben beschriebenen Szene um eine aus der nahen Vergangenheit handeln muss, genauer gesagt aus dem Herbst 2010.

Der Berliner DJ Tanith, vielleicht der exemplarischste Protagonist des frühen, des klassischen, des buckelharten Berliner Mauertechnos, war in die südkoreanische Hauptstadt Seoul eingeladen worden, um mit etwas Verspätung zum Anlass des 20-jährigen deutschen Mauerfalljubiläums eine Kostprobe seiner Sichtweise von Techno zu geben. Die sogenannte »Night Of Unity« war vom Goethe-Institut ausgerichtet worden, um deutsche und koreanische Künstler zusammenzubringen in einer symbolhaften Geste, die in diesem immer noch geteilten Land natürlich besonders bedeutsam war.

Ich hatte Tanith seit ebenfalls fast 20 Jahren nicht mehr auflegen gehört und eigentlich etwas eher Düsteres, Oldschool-Industrielles erwartet. Aber er kam, sah und rockte – ohne Schallplatten, ohne Nostalgie-Tracks, stattdessen mit extrem positiv drückendem, taufrischem Jump-up-Bassline-Loop-Techno. Als wäre diese Musik gerade eben erst erfunden worden, als wäre dies nicht die koreanische Hauptstadt in den späten Nullerjahren, sondern ...

Die reine Hexerei

... Berlin, Sommer 1991. Jeff Mills hatte mir gerade ausführlich beschrieben, wie sinnlos und alltäglich das Töten in Detroit geschehe, sich jetzt nach unserem Interview aber verabschiedet. Die Zeit für sein Set war gekommen. Der fast schon zierliche Zauberer begab sich im Tresor, dem Prototyp des Techno-Clubs schlechthin, hinter die Plattenspieler, um zum ersten Mal in Deutschland aufzulegen, dem Sehnsuchtsort zumindest jener schwarzen Amerikaner, die mit Kraftwerk aufgewachsen waren. Zwei Stunden später war nichts mehr wie zuvor.

Um den DJ aus Detroit hatte sich ein Halbkreis gebildet, nur gab es noch auf Jahre hinaus keine Fotohandys, und auch ein Laptop in der DJ-Box war noch weit, weit entfernt. Mills mixte, cuttete und scratchte Platten, und zwar alle 30 Sekunden eine neue, während hinter ihm der Hügel mit denen wuchs, die er schon gespielt und einfach hinter sich geworfen hatte. Dann standen plötzlich sogar beide Plattenspieler still, weil Mills nahtlos auf die Roland 909 Drummachine gewechselt war, furios ließ er sie donnern. Es war atemberaubend. Es war reine Hexerei. Es war von allergrößtem Einfluss auf alle, die damals dort mit mir in diesem Halbkreis standen, Typen wie Bassface Sascha etwa, der bald einer der wichtigsten deutschen Drumbasser werden sollte. Die Revolution hatte gesiegt, und Lenin war in der Stadt.


Natürlich hatte man vorher schon von Techno aus Detroit gehört. Ende der 80er-Jahre war im Schlepptau der in Chicago gezündeten Acid-House-Explosion die legendäre Compilation »Techno – The New Dance Sound Of Detroit« erschienen. Kevin Saundersons Inner City hatte den „Big Fun“ und das „Good Life“ sogar in die Charts getragen. Aber hier im Tresor-Keller war mit Jeff Mills erstmals ein Vertreter der original Underground Resistance in Deutschland, jener Verschwörung quasi-militanter Musik-Aktivisten, die Techno als Soundtrack des urbanen subkulturellen Widerstands definiert hatten. Was Public Enemy für Rap waren, war Underground Resistance (UR) für Techno, und in Mike Banks hatte Mills einen Labelpartner, der die Klaviatur der radikalen schwarzen Agitation meisterhaft beherrschte – Verlautbarungen aus dem Hause UR hatten stets etwas Black-Panther’haftes, als wären sie im Grunde illegal.



So wurde Techno praktisch zu einer anders klingenden Art von Punk, was die Musik vor allem in Deutschland auf eine bisher nie geahnte Weise für völlig neue soziale Kreise öffnete und erschloss. Man konnte nun abends zu einem Grunge-Konzert gehen und hinterher im besetzten Haus zu Techno tanzen, am besten in einem der bald omnipräsenten UR-Logo-T-Shirts. Techno wurde anschlussfähig im alternativen Kosmos. Nicht nur, weil es selbst über alternative Strukturen verfügte, Indie-Labels und -Vertriebe, sondern weil Techno sich nun auch militant politisch inszenierte – der Techno-DJ als radikal-musikalischer Guerilla-Kämpfer, das Techno-Label als revolutionäre Zelle.



Ohne diese Option, ohne diesen linken Flügel hätte Techno wohl nie so abheben können. Einen echten rechten Flügel gab es, wenn überhaupt, nur in äußerst schwacher Ausprägung. Und nur mit einer dicken Mitte hätte Techno unmöglich so hoch fliegen können.

Die ravende Gesellschaft

Abgesehen davon, dass bis dahin ein großes Quantum Tanzmusik auf zwar unabhängigen, wenngleich unpolitischen und erfolgsorientierten Kleinlabels erschienen war, begannen nun auch Majorlabels das Potenzial von Techno zu erkunden. Techno entwickelte eine beachtliche Bandbreite zwischen Bunker- und Deppentechno, kleinen korrekten Clubs und Riesenraves wie Mayday oder der in den Folgejahren ausufernden Love Parade. Einerseits wurde Techno wöchentlich härter und radikaler, andererseits aber auch immer kommerzieller und lächerlicher – wir erinnern uns an Heino-Techno, Schlumpf-Techno und Alm-Öhi-Techno. Holländischer Gabber-Techno schaffte es schließlich sogar, beide Ansätze zu verbinden und Riesenumsätze mit ungeheurem Lärm zu machen.

Das Konzept war einfach zu kraftvoll, zu aufregend, zu revolutionär und auch zu ökonomisch attraktiv, um es nur einer einzigen sozialen Szene zu überlassen. Außerdem war es sehr erfrischend, mitzuerleben, wie sich diese sozialen Szenen zumindest an ihren Rändern neu verrührten, wie man dann eben auch mal zur Mayday ging oder zur Love Parade, wenn auch zunehmend auf bessere Bändchen achtend, sich abgrenzend, damit einem die um sich greifende ravende Gesellschaft von der Pelle blieb.

Ja, »die ravende Gesellschaft«, das war eines der großen Schlagworte dieser Tage, geprägt von Jürgen Laarmann in seinem Frontpage-Magazin und aus heutiger Sicht als Idee zumindest noch nicht komplett ad absurdum geführt. Im Gegenteil: Unbestreitbar hat sich wie auch immer geartetes Raven zu nach wie vor zumindest technoartiger, allerdings mittlerweile viel weicherer Musik tief eingenistet ins urbane und nicht-so-urbane Ausgehprogramm und lässt sich daraus so schnell nicht wieder wegdenken.

Allein schon der unglaubliche Track-Ausstoß in den modernen Zeiten kostenloser Hi-End-Produktionen und Vertriebswege zeigt, wie tief Techno inzwischen in der hochindividualisierten Alltags-Popkultur verwurzelt ist, auch wenn er schon lange keine Rolle mehr in den Pop-Charts spielt, die ihrerseits kaum noch eine Rolle spielen. Weite Teile der Gesellschaft haben heute den damals propagierten Willen zum Chillen, allerdings möglichst in Front eines Flatscreens, mit Surround-Soundsystem und fair gehandelter Mangomilch.

Doch von Flatscreens und digitalen Netzwerken war in den großen Aufbruchs- und Reisetagen von Techno noch keine Rede. Die ersten Handys tauchten gerade mal auf, erste Homepages gingen online, und man konnte seit Neuestem Faxe vom Computer aus schicken. Die Blütezeit regional diversifizierter, aber zunehmend global vernetzter Techno-Ausprägungen begann. In Deutschland hatte bald jede Metropole ihren ganz eigenen Technosound und ihre Helden, die jenen dann etwa bei der Love Parade bundes- und weltweit repräsentierten.

Ganz vorne dabei und als Antagonist zu Berlin immer von besonderem Selbstbewusstsein getragen: die Hedonisten-Hauptstadt Frankfurt mit ihrem Ober-Guru Sven Väth und seinen Fahrensmännern wie Marc Spoon oder DJ Dag. Immerhin hatte der Frankfurter DJ Talla 2XLC schon mit dem Techno-Begriff gearbeitet, als der Rest des Landes noch nie von Detroit gehört hatte.


Am Main war maximaler Genuss angesagt, sehr hessisch. Hier waren die feinsten Clubs wie Dorian Gray oder das Omen und auch die schmerzfreiesten und erfolgreichsten Plattenfirmen, allen voran Logic und Väths Harthouse/Eye-Q-Unternehmen. Der Labelmacher Achim Szepanski hielt mit Force Inc und Mille Plateaux, inspiriert durch französische Philosophen wie Gilles Deleuze, intellektuell und ästhetisch dagegen und damit die andere, die poplinke Frankfurter Schule aufrecht, ohne sich dabei ganz aus dem Spannungsfeld des in gewisser Weise volkstümlich feiernden Frankfurts zu verabschieden, klassenübergreifend Kontakt haltend.

In Köln gab es mit dem Warehouse den zum Frankfurter Omen korrespondierenden Club des Wahnsinns und durch das Franchising des Frankfurter Delirium-Plattenladens zunächst noch weitere enge Verbindungen an den Main. Mit der Umbenennung dieser Filiale entstand ein eigenes Selbstverständnis, ein ganz eigener und in der Folge weltweit stilprägender Kölner Entwurf: Kompakt war geboren – und damit der Sound Of Cologne, jenes immer minimaler werdende, einem Optimum, einer Ultimativität entgegenstrebende Projekt, das unter der geistigen Führerschaft von Wolfgang Voigt alias Mike Ink den Pop-Gedanken, das Pop-Denken nie ganz aus dem Kopf ließ.

Im Kompakt-Sinne drückte sich dies als eine gewisse formale, möglicherweise deutsche Strenge aus, die sich auch im Design und allgemeinen Markenauftritt niederschlug und die vielleicht den Weltruhm dieser Marke ausmachte – Techno als Qualitätsdesign made in Germany, wie Braun, Benz oder Bauhaus.
In den großen Zeiten von Techno waren dies die wesentlichen Zentren, wenn man mal von Städten wie Wiesbaden, Rotterdam oder Brooklyn absieht. Analog zu Berlin gab es natürlich auch in Leipzig und Dresden, ganz zu schweigen von Pasewalk und Bautzen alle Arten von zwischengenutzten Locations und ausgedienten Sowjet-Panzerhallen, in denen sich Techno manifestierte – vorzugsweise der knochentrockene und knüppelharte Kämpfer-Techno Marke Jeff Mills oder Tanith.

Seitdem ist Techno einen weiten Weg gegangen. Die letzte Station seiner Reise war Kunduz, wo Paul Kalkbrenner für die deutschen Soldaten spielte. Man kann dazu sagen, was man will. Aber diese jungen Kämpfer sahen alle genauso aus wie Paul Kalkbrenner, sie schienen mir authentische Technofans, die wirklich ersichtlich froh ihre Knicklichter schwenkten, weil endlich mal einer von ihnen zu Besuch gekommen war und ihre Musik spielte. Es war nicht ganz dasselbe wie Jeff Mills’ Visite damals in Berlin, in den Tagen der Revolution, aber in gewisser Weise war es doch auch ein ziemlich bedeutsames Ereignis in der noch lange nicht beendeten Geschichte von Techno, der vielleicht besten Musik der Welt. Jedenfalls manchmal.

Der Autor war zwischen 1990 und 1993 Redakteur des Musikmagazins Spex, ist Teil der Formation Whirlpool Productions und einer der bedeutendsten House- und Disco-DJs des Landes

Weitere Beiträge zum Techno-Spezial findet ihr unter intro.de/spezial/techno