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Gott ist ein Robot

Daft Punk live

Licht und Schatten. Dreiecke und Pyramiden. Neonröhren in rot, grün und blau. Bänder und Wände aus Leuchtdioden.
Geschrieben am
30.06. - Berlin, Velodrom

Licht und Schatten. Dreiecke und Pyramiden. Neonröhren in rot, grün und blau. Bänder und Wände aus Leuchtdioden. Derart elementare Elektrizität und derart simple Formen und Farben reichen Daft Punk nach neunjähriger Bühnenabstinenz für die wohl einzig denkbare Inszenierung ihrer Schlüsselreiz-Musik: für eine laute, grelle und poppig-bunte Diashow der Superhits.

Die Saalbeleuchtung in der großen Arena des Berliner Velodroms geht aus, die LEDs gehen an. Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo besteigen in ihren corporate Kostümen unter Roboterhelmen eine von Neonröhrengittern umrahmte Pyramide: ihre Kommandozentrale, die sie nicht mehr verlassen werden. Klar, Daft Punk sind Gott. Das macht nicht nur die offensichtliche Symbolik sofort klar, sondern auch die Donnergewalt, mit der ihr Basshammer das Velodrom erzittern lässt. Was zuvor die Einheiz-DJs Kavinsky und SebastiAn als eifrige Schüler auseinander dividierten und in einzelnen Electro-, Techno-, Rock- und Bratz-HipHop-Tracks vorspielten, das geht bei ihren Lehrmeistern eine einzige große Fusion ein und wird an diesem Abend quasi ohne Unterbrechung und perfekt durchkomponiert aneinander gereiht und ineinander verschachtelt. Gleich das erste Stück gibt das passende Stichwort: "Robot Rock". Danach folgt Hit auf Hit. Nach jedem abgefeuerten Höhepunkt kommt immer noch ein nächster, und immer wieder sind neue elementare Überraschungen zu bestaunen: Oh, Botschaften auf der riesigen LED-Wand! Oh, ein dreieckiger Regenbogen! Oh, die Pyramide leuchtet! Am besten wird eine Show wie diese komplett frontal genossen, genau in der Mitte unter der riesigen Stahldachkonstruktion des Velodroms stehend und immer wieder das Handy für Schnappschüsse und kurze Filmchen zückend. Eigentlich müsste man das Konzert in voller Länge mitfilmen - oder sich einfach gleich zu Hause auf einem drei Meter breiten Plasmabildschirm vorführen lassen. Wie sang doch der Vocoder ziemlich zu Anfang des Sets so schön? "Television rules the nation."Mitten drin in diesem Hit-Festival, nach einer dramatischen Pause, dröhnen plötzlich Glockenschläge. Was bei AC/DC noch einen Gang in die Hölle einläutete, kündigt bei Daft Punk schlicht "One More Time" an: noch ein Break, noch ein dramatisches Filter-Kreischen, noch ein weiterer Superhit. Daft Punk führen vor, wie das im Grunde als gescheitert geltende Konzept Computer-Konzert doch funktionieren kann. Entweder ist den Hörenden und Tanzenden sowieso schnurz, wer wie wo die Musik macht, oder es passiert eben so viel drumherum, bis ganz egal wird, dass die da oben in ihrer Gottpyramide eigentlich überhaupt nichts machen. Daft Punk erheben ihr maschinenhaftes Funktionieren, ihre übermenschliche Perfektion, ihre Entsubjektivierung zum Spektakel. Gerade angesichts der Präzision, mit der Musik und Lichtshow hier aufeinander passen, stellt sich die Frage, ob nicht von Anfang bis Ende, bis hinein in den letzten Beatschlag und noch das schwächste LED-Glimmen einstudiert ist und beinahe ohne Eingriffe abgespielt wird. Gerade deshalb ist das aber auch vollkommen egal. Daft Punk feiern sich selbst als Roboter, sie zelebrieren die Künstlichkeit ihrer Musik. Alles muss nach Plastik klingen - am Computer emulierte Gitarrensoli ebenso wie Vocoder-Gesänge oder digital entstellte Gesangslinien -, alles ist offensichtlich und bestens ausgeleuchtet. Das einzige Geheimnis liegt darin, warum die Pop-Roboter trotzdem darauf bestehen, "human after all" zu sein. Zur finalen Zugabe flimmern Naturbilder und Menschengesichter als Projektionen über die Pyramide, während Daft Punk sich doch durch einen Kostümwechsel gerade selbst in völlig zu Licht gewordene Stromwesen verwandelt haben. Aus der Pyramide strecken sich - eine von gezählten drei Interaktionsgesten in Richtung Publikum - Hände gegen die Masse. Roboterhände natürlich, die mechanisch klatschen und sich kurz danach bis zum nächsten Konzert in vielleicht nochmals neun Jahren verabschieden.
Nirgendwo sonst ist die Sehnsucht nach Authentizität so gut aufgehoben wie im komplett Artifiziellen. Ein perfekter Abend. Ein großartiges Konzert aus der Retorte von der wohl künstlichsten Rock'n'Roll-Band, die es je gegeben hat.