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Discovery

Daft Punk

Pro: Daft Punk ist mit dem neuen Album draußen. Und nach dem großen Debüt “Homework” und dem überbordenden Brimborium, das zweifelsfrei nun um “Discovery” gemacht worden ist, melden sich also schon kritische Stimmen. Wer hätte es gedacht? Na, ich nicht. Hielt ich doch diese Platte für etwas, was es
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Pro:
Daft Punk ist mit dem neuen Album draußen. Und nach dem großen Debüt “Homework” und dem überbordenden Brimborium, das zweifelsfrei nun um “Discovery” gemacht worden ist, melden sich also schon kritische Stimmen. Wer hätte es gedacht? Na, ich nicht. Hielt ich doch diese Platte für etwas, was es schon längst nicht mehr in dieser Breite gab: den größtmöglichen Konsens. Denn Daft Punk machen, wollte man ihnen überhaupt etwas vorwerfen, einfach alles richtig. Sie verweigern sich der Hipster-Vereinnahmung durch die ausgedehnten Vocoder-Ausritte hin zu Cher und Eiffel 65 und bleiben aber genauso weiterhin unberechenbar in dem Ausleben ihrer Spleens - und die Rede sei hier nicht von einem Gitarren-Solo als Quasi-Refrain einer Elektro-Pop-Platte, sondern eher von zum Beispiel Menuett-esken kurzen Anflügen, die das Vereinnahmungs-Potential der Platte für niedere, dem Hit verpflichtete Instinkte drastisch senken. Diese Platte ist nicht mehr und nicht weniger die neue Mitte des Pop. Und genau das macht sie so begehrenswert. Sie weiß sich in Szene zu setzen und muss sich nichts mehr beweisen, sondern kann sich das leisten, wozu sie imstande ist. Pop ohne Komplexe und fünf Prozent-Hürden. Und dass sie dabei noch das klassische Prinzip der gesichtslosen Band, des Mysteriums pflegt, kann ihr in dem Moment auch nicht verübelt werden. Der Mythos der Residents war doch immer belegt mit hochkultureller Exaltiertheit - ein eitel genialer Überbau mit massenhaft zu entschlüsselndem Sub-Text. Guy-Manuels und Thomas’ Buck-Rogers-Gedenk-Roboter-Kostüme dagegen sind nicht mehr als ein clownesker Rückgriff in die Pop-Historie, genau wie der “Say You, Say Me”-Anklang in “One More Time”. Remember Lionel Richie. Das Ganze aber seiner Schwere enthoben. Ohne dass es sich schuldig fühlt, und ohne dass es letztlich dumm klänge. Diese Platte macht Frieden mit dem Reizbegriff Postmoderne. Weil sie Coolness darin einrichtet, ohne Angst und Absicherung, und ohne Schaden zu nehmen. Diese Platte ist am nächsten dort dran, wo Pop überhaupt noch stehen kann.

Contra:
Schwierig, sich dieser Platte einigermaßen unbefangen zu nähern. Mein Gott, die März-Ausgabe vom Mixmag bezeichnet “Discovery” auf dem Titel als “best record ever”. Kaum eine Titelseite kommt im März ohne Daft Punk aus (Intro natürlich ausgenommen - obwohl: hier schmückte man sich schon im Februar damit). Eigens für dieses Album haben sich Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homen Christo nach karnevalistischen Ausflügen in die Welt der Tiermasken eine neue Identität verschafft, mit schicken Anzügen und Schriftband-Disco-Helmen, von deren Displays in Interviews ihre Antworten abzulesen sind. Was von allen als revolutionäres Konzept gefeiert wird, ist beleibe nicht neu. Seit 1972 zelebrieren die Residents die Anonymität, das Verschwinden des Künstler-Ichs hinter Masken. Für die Residents ist das Eyeball-Outfit mit Gehrock und Spazierstock seit ihrem “Eskimo”-Album von 1979 zur Trademark geworden. Und die beiden übernehmen dieses Konzept recht uninspiriert. Auch musikalisch ist “Discovery” - das war nicht anders zu erwarten - purer Eklektizimus. Das war “Homework” zwar auch, aber Daft Punk haben es beim Debüt geschafft, etwas völlig Neues zu formen. “Homework” hat eine Rock- und Glam-Attitüde auf House übertragen. House konnte plötzlich schmutzig klingen und nach Bier riechen. Daft Punk konterkarierten die Androgynität von House, indem sie ihn augenzwinkernd mit maskulinen Symbolen belegten: Der Aufnäher auf dem Cover, der Blick ins Jungs-Zimmer mit Playboy auf dem Schreibtisch und Kiss-Poster an der Wand. Die Rüpelhaftigkeit auf “Discovery” beschränkt sich auf nervig dudelnde, simulierte Van-Halen-Gitarrensoli und bis zum Erbrechen durchgenudelte Loops, die am Ende einfach nur noch nerven. Einzig die Tracks mit Vocals fallen angenehm auf. Die featuring Romanthony-Nummern “One More Time” und “Too Long”, das tolle “Face To Face” mit Todd Edwards und der vocodernde Gute-Laune-Stomper “Digital Love”. Der Rest ist so belanglos wie uncharmant. Um ein von Daft Punk verwendetes 10CC-Sample zu zitieren: “I’m Not In Love” ... Jedenfalls nicht mit diesem Album!