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Der Film: Interstellla 5555

Daft Punk

Das Phänomen Anime (der zum Film gewordene Manga-Comic) geriet ja spätestens in den Siebzigern auch in unseren Breiten zum Voll-Kult - durch Serien wie “Captain Future” oder “Biene Maja”. Wobei jene Animes zwar irgendwie einen Novelty-Effekt besaßen und bestaunt wurden - ob der großen Augen der Akte
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Das Phänomen Anime (der zum Film gewordene Manga-Comic) geriet ja spätestens in den Siebzigern auch in unseren Breiten zum Voll-Kult – durch Serien wie “Captain Future” oder “Biene Maja”. Wobei jene Animes zwar irgendwie einen Novelty-Effekt besaßen und bestaunt wurden – ob der großen Augen der Akteure oder der unüblichen Grellness im Setting –, inhaltlich letztlich aber doch leicht zu goutieren waren. Die Invasion der explodierenden Bilder begann also erst mal light. Höchst lineare kleine Geschichten in Bunt. Japan, das Land, aus dem die meisten Produktionen immer noch stammen, hat aber einiges mehr im Ärmel ...

Denn verglichen mit den Animes, die man in diesem Jahrtausend um die Ohren gehauen bekommt, war “Captain Future” mehr so was wie “Mutter Courage”. Ein sich selbst erklärendes Lehrstück, das sich zudem noch langsam auf ein moralisches Ende hin entfaltet. Bei “Pokemòn” oder “Dragonball” ist solch eine klassische Struktur nicht mehr gegeben. Und diese Titel stellen ja sogar noch die vermeintlich etwas stumpfere – weil populistisch angelegte – Speerspitze dar. Ältere, traditionellere Sehgewohnheiten westlicher Prägung leiden wie Hunde, wenn die Bilder auf RTL2 im Nachmittagsprogramm überschnappen, die Handlungsstränge reißen und sich in einer assoziativen Form wieder zusammensetzen. Ein Exposee sowie Aktionen, die durch eine verbindliche Intension geprägt sind, gibt es mitunter nicht – darauf ist die Nummer gar nicht angelegt. Sie funktioniert nach eigenen Maßstäben und clasht damit herausfordernd gegen zum Beispiel so was wie die – für international und universell gehaltene – US-Blockbuster-Dramaturgie.

Ein Grund mehr für Daft Punk, zu ihrem letzten Album “Discovery” ein unheimlich ambitioniertes Projekt anzugehen: Zu jedem Song ein Anime-Clip, die, hintereinander angeschaut, eine abenteuerliche Geschichte erzählen. Wow, das ist noch unerschütterter Glauben an die kreative Herausforderung der in die Krise geratenen Clip-Culture. Die Tatsache, dass die Gesamtheit in eine abgeschlossene Geschichte mündet, und die Verwendung eines Raumschiff-Science-Fiction-Szenarios erinnern natürlich stark an die genannten Anime-Classics a.k.a. “Captain Future”. So begeisterten sich, als die ersten Videos (immerhin vier wurden auf Rotation genommen) bei den Clip-Kanälen erschienen, nicht nur modernistische Anime-Freakos dafür, sondern auch die breite Masse in die Jahre gekommener Twenty- und Thirty-Somethings. Denn der Bezug zu “Captain Future” schmeckte köstlich nach dem großen Kuchen Retro-Abfeierei und Kult-your-own-Youth e.V.

Umgesetzt wurde das Projekt von Regisseur Kazuhisa Takenouchi (“Dragon Ball”) und der Anime-Heiligkeit Leiji Matsumoto, der ja Mitte der 70er tatsächlich die bunte Serie “Captain Future” entwickelte. Allerdings haben Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo den beiden nicht nur den Auftrag rübergeschoben, sondern sehr intensiv mit ihnen an der Handlung gearbeitet: Die Achse Paris-Tokio wurde über ein Jahr quasi nonstop beflogen. Aber was tut man nicht alles für den Jugendtraum, einmal mit seinen Anime-Helden zusammenzuarbeiten?

Hier nun ein paar hard facts zum Daft-Punk-Opus: Eine vierköpfige Band aus Galaxopolis wird während eines Auftritts gekidnappt. Nachdem das digitale Gedächtnis der Androiden gelöscht und gegen menschliche Erinnerungen ausgetauscht wurde, werden sie auch noch im Erscheinungsbild auf menschlich getrimmt. Oder, um genauer zu sein: Die vier bekommen das menschliche Antlitz eines Popstars fließbandartig aufgespritzt. Fortan spielen sich die Modulierten (passenderweise The Crescent Dolls benannt) bis zum Exzess die Daft-Punk-Seele aus dem Leib. Das Ganze ist natürlich vom personifizierten Bösen, einem geldgeilen, imperialistischen Lumpen von A&R, initiiert, der die Crescent Dolls zwar in purem Luxus baden lässt, aber auch schuld an ihrer emotionalen Erkaltung ist. Das Ganze selbst mal komplett sehen: auf dem Introducing 2003.