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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Alles Neu, Hähä

DAF

Was haben wir nicht alles über DAF gelesen, gehört und diskutiert. Vor allem gelesen, natürlich. Jeder hatte so seine Favoriten, auf dem "Verschwende Deine Jugend"-Trip. DAF waren meine - auch wenn mich das nicht unbedingt sympathisch macht. Aber das will man dann ja auch: Mal nicht zu den Guten hal
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Was haben wir nicht alles über DAF gelesen, gehört und diskutiert. Vor allem gelesen, natürlich. Jeder hatte so seine Favoriten, auf dem "Verschwende Deine Jugend"-Trip. DAF waren meine - auch wenn mich das nicht unbedingt sympathisch macht. Aber das will man dann ja auch: Mal nicht zu den Guten halten. Und dafür bieten sich DAF natürlich toll an. Man fühlt, wie sie durch die Hölle der Kälte gegangen sind für ihren innovativen Electro-Arschtritt.

Sex

Und das so sah aus: Die Maschinen zum Schwitzen bringen. Die kalte Londoner Kellerwohnung. Die draufgängerischsten Drogen und der verrückteste Sex. Die ganze ernsthafte Reinvention der eigenen Identität. Und das viele schadenfrohe Gekichere: hähähähä. Bei aller Survival-of-the-fittest-Grundhaltung doch mal die Wohnzimmertür abgeschlossen und ein neues Leben jenseits von Normalität begonnen.

So weit unten und so weit oben muss man erst mal gewesen sein. Also Glamour pur, diese DAF-Geschichte. Vor allem auch durch die unbedingte Popstar-Einstellung. Ihr Ansatz lautete: Popstar werden, indem man etwas Neues erfindet. Ganz schön outer space. Aber so sieht es ein sehr reflektierter Gabi Delgado noch heute: "Am ehesten kommt man in die Charts, wenn man gar nicht an die Charts denkt. Denn Musiker, die alle dieselben Recycling-Platten machen, gibt es ja schon genug."

Bestimmt kein Zufall, dass Gabi in dem Buch am häufigsten abgebildet ist, seine hüpfigen Schuhe sind sogar auf dem Umschlagcover. Und toll natürlich auch, wie die Geschichte ausgegangen ist: Gabi, der Koksdealer, Robert, der Mönch. Dazwischen geschlossene Anstalt und beinahe den Arm verloren. Aber nach dem Buch geht's weiter. Sie sind wieder da.

Wahrheit

Als Kind war ich natürlich kein Fan von ihnen. Auf den Platten sahen sie aber auch zu gefährlich aus. Und auch das neue Album "15 Neue DAF-Lieder" hat wieder diese Tendenzen. Man darf mal wieder zum Bösen halten. Denn die Wahrheit - wir haben es längst geahnt - "ist eine Lüge." Und von dieser Lüge, die die Wahrheit ist, handelt eins von den neuen DAF-Liedern. Es scheint fast, als handelten alle neuen DAF-Lieder von Wahrheit und Lüge, von Krieg und Frieden, von gestern und morgen. Irgendwie wird auch immer noch der Mussolini getanzt, auch immer noch mit der selben Ästhetik. Das kann man natürlich einfältig finden. Ich finde es gut, denn ich glaube, dass man sich der Macht als Künstler immer von einer ähnlichen oder gleichen Seite annähert. Und wer kann schon über seinen Tellerrand schauen? (Auch wenn man es natürlich erwarten sollte.)

Ich habe den Eindruck, Gabi Delgado nimmt gerne die Position des Stärksten ein, um von dort aus, hähä, das Schwache herauszufordern. Ich höre aus den minimalistischen DAF-Liedern heraus, dass die Wahrheit im Besitz der Macht ist. Die Macht kommt an: "Pulp Fiction" für den Dancefloor. Und dass die Wahrheit eine Lüge ist. Oder so ähnlich. "Mehr Geld für die erste Welt" wird da skandiert. Und es ist ja auch nicht falsch, die Klischees mal umzudrehen. Auf den Song über die Wahrheit angesprochen, wird Gabi später im Interview kurz den Kopf senken und behaupten: "Auch Bücher sind eine Lüge." Denn er zumindest scheint die Kunstfigur Gabi Delgado, die ich schon ins Herz geschlossen hatte, gar nicht so gern zu mögen. Dann kichert er wieder sein hähä. Dieses Kichern, das hähä, war ja das Fieseste im ganzen Buch, es klang so schadenfroh. Wenn man den beiden Typen aber gegenübersitzt, klingt das hähä ganz anders. Ein herzliches, warmes, frohes hähä ist es. Sehr frei auch. So lacht man, wenn man sich über sich selbst freut, dass man bei sich geblieben ist, irgendwie, bei der eigenen Wahrheit. Ich hatte jedenfalls auch mal eine Phase, da hab' ich so, oder so ähnlich, gekichert.

Trotzdem weht durch die Lieder, die Gabi und Robert in ihrem Berliner Studio vorspielen, der Wind der Bösen. Und ich höre genau hin, um alles mitzukriegen. Wenn ich mich nicht gerade in dem dunklen Zimmer mit den hellen Bravo-Postern umschaue (No Angels, Britney Spears, Sarah Connor). Ein Sheriff verhaftet ein paar Eierdiebe und lässt sie am nächsten schönen Morgen auch gleich hängen. Nach dem Banküberfall ist Sex am geilsten. Und die RAF war schon eine Kindheitssensation. Und alles natürlich laut, minimalistisch, rausgeballert. Gabis Stimme immer noch mitleidslos provokant, ein Fürsprecher der starken Zeichen.

Schönheit

Ich denke, während ich die neuen Lieder höre und mir den agilen Gabi so anschaue: Wie schön, dass DAF immer noch so schön aussehen. Und immer noch so viel Energie verbreiten. Wo doch Männer im Pop neuerdings schon mit 50 an Herzinfarkt sterben, während Frauen dann immer noch so aussehen müssen wie 23. Oder anders gesagt: Auch DAF nehmen sich nicht das Recht zu altern heraus. Und warum auch? Sie sind die Antithese zu Fehlfarben, eben genau das Andere von: "Ich und meine Kumpels wir lassen uns das Saufen nicht verbieten und erhalten uns dadurch unsere Sensibilität." Das Motto von DAF scheint zu lauten: "Nee, Leben ist hart, tut uns ja Leid. Aber schön sind wir sowieso. So schön, dass wir's den jungen Electro-Stummen noch mal zeigen können." Denn vor allem darum scheint es DAF 2003 zu gehen: Electro plus Message.

Lieder

Gabi Delgado: "Klar haben wir was zu sagen. DAF soll eine Gegenbewegung sein, eine richtige Schubkraft, die den gesellschaftlichen Körper trifft. Gerade in der elektronischen Musik gibt es ja so viel eskapistische Texte, wo die dann singen: 'I wanna fly in the sky.' Das bedeutet mir nichts. Wenn man aber tanzt und hört: 'Ulrike Meinhof war für mich als Kind ein echter Superstar', dann ist das doch viel schöner."

Also, kurz gesagt: DAF sind immer noch sexy. Und Robert sieht sogar noch jünger aus als Gabi. Er überlässt mir seinen Stuhl am Mischpult und verzieht sich in die hinterste Ecke des Raums. Denn er ist wohl auch ganz schön froh, nicht von sieben Journalisten gleichzeitig angestarrt zu werden, während das neue DAF-Album Premiere hat. Gabi wackelt währenddessen so auf seinem Stuhl herum, als würde sein Körper direkt vom Mischpult aus mit Energie versorgt. Einer muss den Journalisten ja die neuen Lieder erklären. Und Lieder sollen es auch wirklich sein. Daran ändert auch die nach wie vor loophafte Songstruktur nichts. "Das nächste ist ein Heldenlied", sagt er lächelnd. Oder: "Das nächste ist ein Liebeslied." Alles ist ein Lied. Ein Sex-Lied. Das anti-amerikanische Lied wurde "Der Sheriff" genannt.

Die Lieder des Bösen

Später dann, während des Interviews, brennen ein paar Kerzen. Die Stimmung bekommt so etwas Dark-Waviges.

Gabi: Wir sehen uns in einer Liedertradition. Mir gefällt daran, dass ein Lied einen Text bezeichnet, wie auch Musik, wie auch Text und Musik.

Und was ist daran jetzt so wichtig?

Gabi: Wir kämpfen gegen die anglo-amerikanische Mono-Kultur, gegen den Pop-Imperialismus. Deshalb sind deutsche Texte wichtig.

Eure Sprechposition scheint sich nicht geändert zu haben. Es ist immer noch dieses Dem-Stärkeren-aufs-Maul-Schauen.

Gabi: Wir wollen gar nicht so viel dazu sagen. Nur so viel: Es geht uns um eine Beschreibung der Realität, nicht um eine Wertung. Stärke ist doch auch wichtig. Wie willst du im Leben weiterkommen, wenn du nicht stark bist? Es ist halt nun mal scheiße, sich an das anzupassen, was andere von einem verlangen. Und wenn du etwas willst, dann gibt es immer erst mal jemanden, der sagt: Nein, das darfst du nicht. Aber woher soll irgendein anderer besser wissen, was gut für einen ist? Man muss immer gegen Widerstände angehen, immer.

Inwiefern hat sich das auch auf euer musikalisches Konzept ausgewirkt?

Robert: Wir machen immer noch dasselbe wie damals: energetischen Minimalismus. Wir haben noch die gleiche Arbeitsweise und das gleiche Equipment, weil wir das so wollen. Wir lassen uns von niemandem reinreden.

Gabi: In den letzten 15, 20 Jahren hatte wir sehr viele lukrative Angebote, einen "Mussolini"-Remix zu machen. Die haben wir natürlich abgelehnt. Als wir wieder mit DAF anfangen wollten, hieß es sofort wieder: "Super, dann macht Scooter erst mal einen 'Mussolini'-Remix, und dann schauen wir mal" - hähä. Echt wahr. Aber so ist das halt im Geschäft. Viele Händler glauben, sie könnten einem reinreden. Und das ist komisch, denn der Künstler weiß doch am besten, was gut für die Kunst ist.

Ich fasse zusammen: Ihr habt nichts an eurer Arbeitsweise geändert, behauptet aber trotzdem, innovativ zu sein.

Robert: Wir haben uns noch nie um Modernismen gekümmert. Wir arbeiten losgelöst von Moden, Trends. DAF war immer nur: ich und Gabi. Wir haben schon damals viele Sachen in die Welt gesetzt, die uns andere dann nachgemacht haben. Deshalb vergleichen die Leute unser neues Album auch mit unseren frühen Sachen. Wir knüpfen da bewusst an, weil wir gar keinen anderen Vergleich für uns selber haben.

Gabi: Neu ist, dass wir den Texten wieder eine Bedeutung geben, die sie in der elektronischen Musik so nicht haben. Auch wenn sich das gerade ändert. Es wird wieder mehr mit deutscher Sprache gemacht. Das ist eine erfreuliche Entwicklung.

Ein langer Kuss

Alles wird wie neu sein? Leider habe ich es nicht geschafft, meine Begeisterung für das neue DAF-Album auch meinen Freunden zu vermitteln. Immer, wenn ich erzähle, was gut daran ist und wie sehr das alles kickt und wie toll es ist, heißt es: "Na und? Aber was soll daran neu sein?" Ich mag einfach die Radikalität. Die Lieder stehen wirklich im Raum und vermitteln Atmosphäre und Gefühl. Und verbreiten vor allem eins: Hektik. Unruhe. Das Leben ist jetzt. "Vor dem Leben war nichts, nach dem Leben ist nichts. Das Leben ist ein langer Kuss." Es ist die Mischung aus Radikalität und Romantik, die ich an DAF mag. Das Bonnie&Clyde-Paar-Romantische daran. Denn darum geht es natürlich auch in dem DAF-RAF-Lied.

Mag ja sein, dass z. B. Chumbawamba das Thema RAF eleganter umgesetzt haben. Mit ihren engelsgleichen Pop-Chören. Aber warum soll man es elegant umsetzen? Lieber doch so doof und brutal, wie es ist. Und ich mag auch die Unbedingtheit, mit der DAF klar machen, dass man sich nehmen muss, was man braucht. Und das hört ja nie auf. Da ist es mir dann egal, ob man bestimmte Ästhetiken heute nicht mehr umcodieren kann oder darf. Ob vielleicht ein anti-amerikanisches Lied wie "Der Sheriff" sogar antiquiert wirkt, oder falsch, in seiner Mussolini-Nachahmungs-Strategie. Oder ob Rammstein diesen Sound in der Zwischenzeit salonfähig gemacht haben. Na und? Ich tanze jedenfalls lieber zu DAF als zu eskapistischen englischen Texten. Solange ich noch jung bin.