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Kinder der Revolution

Cut Copy

In Australien scheint die Sonne meistens. Die ideale Voraussetzung für eine Band wie Cut Copy, deren Schaffen gerne mit Begriffen wie Helligkeit, Wärme und Lebensfreude beschrieben wird. Mit ihrem vierten Album »Free Your Mind« will sie nun endgültig unser Bewusstsein verändern. Glücklicherweise muss man dafür niemanden anbeten, wie Martin Riemann im Interview mit Mitchell Scott erfuhr.
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Irgendwo am Ende der Welt steht eine riesige Werbetafel. Sie ist so hoch wie ein Mehrfamilienhaus und nur mittels GPS-Daten auffindbar. Drei Worte sind darauf zu lesen: »Free Your Mind«. Die billige Gestaltung des Schildes lässt den Aufruf sehr zurückhaltend, fast hilflos wirken. Diese Werbung versucht niemanden zu erreichen, sie hat sich versteckt, man muss sie buchstäblich suchen. Ein Rätsel mitten im Nichts.

 


Aufgestellt wurde es von Cut Copy, dem australischen Electro-Quartett, das in seiner Heimat schon für außergewöhnliche Promo-Aktionen bekannt ist. Zur Veröffentlichung der neuen Single »Free Your Mind« ließ die Band an fünf entlegenen Winkeln dieser Welt solche Werbetafeln aufstellen. Unter anderem in Chile, Mexiko und in der australischen Wüste. Eine seltsame Idee auch deswegen, weil die vier Australier durchaus erfolgreich genug sind, um sich eine ähnliche Werbung in dicht besiedelten Gebieten leisten zu können.

 


In ihrer Heimat gehören Cut Copy zu den führenden Electro-Acts und ziehen regelmäßig Zigtausende Fans auf Festivals und zu Konzerten. 2001 gegründet, zählten sie zu den ersten Bands, die in den Nullerjahren Indierock und Post-Punk mit der Herangehensweise von Dance-Music neu interpretierten. Mit ihren letzten beiden Alben »In Ghost Colours« und »Zonoscope« schossen sie nicht nur in den australischen Charts jeweils bis auf Platz 1, sondern auch in den US-Charts auf einen respektablen 147. beziehungsweise 46. Platz. Ihr Erfolgsrezept sind sorgfältig durchdachte Alben, die man dank ihrer emotionalen und tonalen Bandbreite allesamt zu jeder distinguierten Feier durchlaufen lassen kann. Dazu ein Gespür für träumerisch-sonniges Songwriting, das in Stil und Klang und vor allem durch das sehnsuchtsvolle Timbre des Bandgründers und Sängers Dan Whitford Erinnerungen an den Synthie-Pop der 80er hervorruft.

 

Sekte ohne Gott

 

»Free Your Mind« empfängt den Hörer mit dem leicht verstörenden Mantra des Albumtitels. Es erweckt damit den Eindruck, Cut Copy wären in Wirklichkeit eine verrückte Sekte auf Seelenfang. Der Schlagzeuger von Cut Copy, Mitchell Scott, findet diesen Vergleich komischerweise überhaupt nicht abwegig. Während sein Hund im Hintergrund unablässig bellt, erklärt er mir via Skype, dass sich »der Anfang des Albums tatsächlich auf religiöse Zeremonien bezieht. Allerdings ohne Anbetung einer göttlichen Kraft.« Ihm gefällt die Idee, dass der Hörer so in einen seltsamen Bewusstseinszustand versetzt wird. »Sinn des Intros und Outros ist, darauf hinzuweisen, dass es eine einzigartige Erfahrung bedeuten kann, sich das Album ganz entspannt und mit leicht verschobenem Bewusstsein anzuhören.«

 


Es wird deutlich: Cut Copy haben hohe Ambitionen. Ihr Ziel ist, den Hörer in einen hypnotischen Sog zu ziehen und über die Länge eines ganzen Albums in Schwebezustand zu versetzen. Der Maßstab »stimmiges Album« ist bei ihnen ausnahmsweise kein leeres Versprechen. »Wir lieben es, Alben aufzunehmen, und unsere Musik ist darauf ausgerichtet, dass man ihr sehr genau zuhört«, erläutert Scott die Arbeitsweise seiner Band. »Das ist etwas, auf das wir tatsächlich achten, wenn wir die Songabfolge eines Albums festlegen. Zum Beispiel, wenn wir einige Songs durch kurze Intermezzi miteinander verbinden. Es soll sich lohnen, wenn man das Album in einem durchhört.« Cut Copy begreifen das Medium Album als Kunstform, das in seiner Gesamtheit an zusätzlicher Bedeutung gewinnt.

 

Haight-Ashbury House

 

Für »Free Your Mind« konnten Cut Copy auf eine für sie ungewöhnlich hohe Zahl an Songs zurückgreifen. Zustande gekommen ist das umfangreiche Portfolio durch einen Trick: An jedem Song durfte erstmals strikt nur einen Tag lang gearbeitet werden. Die Auswahl wurde dann gemeinsam mit Dave Fridmann getroffen, wobei im Anschluss alle Songs noch einmal sorgfältig überarbeitet wurden, sodass sie sich nahtlos in den Dienst des Albums stellen ließen. Auffällig ist hierbei vor allem, dass Cut Copy mittlerweile auf Gitarren, bisher eines ihrer maßgeblichen Elemente, fast vollständig verzichtet haben. Ein klarer Fortschritt. Der Sound auf »Free Your Mind« ist inspiriert von den beiden »Sommern der Liebe«. Cut Copy versuchen, auf dem Album die psychedelische Musik der 60er mit dem Acid House und Rave der späten 80er zu verbinden. Vor allem dank verspulter Interludes und eines abwechslungsreichen Klangspektrums gelingt das ziemlich gut. Natürlich erinnern die Australier dabei zuweilen an Bands wie Tame Impala oder auch The Rapture. Cut Copy sind aber mittlerweile versiert genug, um solchen Vergleichen durch raffinierte Hakenschläge und Wendungen in ihren Songs zu entkommen. Ohnehin überrascht immer wieder der klangliche Ideenreichtum, mit dem Cut Copy ihr Ziel des durchhörbaren Albums konsequent verfolgen.

 


Da bleibt bei aller Perfektion nur noch die Frage, warum die Werbetafeln eigentlich so hässlich aussehen. Auch dahinter steckt Methode, wie Scott verrät: »Wir haben uns an Werbefirmen gewandt und sie gebeten, uns ihre schlechtesten Entwürfe zu schicken, weil wir glaubten, die wären genau das Richtige für uns.« Freiheit ist eben keine Frage des Layouts.

 

 

Intro empfiehlt: Cut Copy »Free Your Mind« (Modular / Rough Trade / VÖ 01.10.13)