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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Es muss nicht allen gefallen«

Cro

Ein Treffen der Generationen, das wir da in die Wege geleitet haben: Falk Schacht, Jahrgang 1974, Ex-Intro- und -Juice-Kolumnist, Moderator und HipHop-Experte alter Schule, sprach für uns mit Deutschlands bekanntestem Panda Cro, Jahrgang 1990, der am 6. Juni den »Raop«-Nachfolger »Melodie« veröffentlicht und trotz all der Hater an den Hacken todsicher die Charts regieren wird.
Geschrieben am

 

Cro: Falk, bevor wir anfangen: Wie findest du mein Album »Melodie«? Mir haben schon viele Leute ihre Meinung dazu gesagt, viele auch, bei denen mir das scheißegal ist. Aber deine Einschätzung ist mir wichtig.

 

Falk Schacht: Ich finde es rund. Mir gefällt es, weil ich immer mag, wenn eine klare Entwicklung erkennbar ist. Wenn einer von A nach B geht. Es wird natürlich wieder Leute geben, die sagen: »Das ist zu wenig Entwicklung«, andere werden monieren, das sei nicht mehr der Cro von früher.

Die gibt es immer.



Ich finde, es ist ein gutes Album, es funktioniert. Du hast noch deine Fanbase im Blick, lieferst gute Radio-Singles, aber ich erkenne auch eine neue Attitüde, so ein »Leck mich, ich mach jetzt mal ein wenig rauer, schmutziger, und ich hab jetzt Bock auf 90er!«.

Ja, stimmt, das ist voll 90er! Das ist meine HipHop-Kindheit, die Musik, die das ganze Leben lang in den Playlisten überlebt hat. Die musste jetzt mal wieder her.

 

Was mir aufgefallen ist: Du wirkst insgesamt reflektierter. In deinem Intro verteilst du gleich ein paar Ansagen. Das wirkt trotzig und angepisst in Richtung anderer Rapper. Du hast zwar keine namentlich genannt, aber dich scheint etwas beschäftigt zu haben. Was war da los?

Damit meine ich gar nicht die großen Rapper, die ihren Namen schon haben. Eher die kleinen, die mich bei der ECHO-Verleihung auf der Toilette anquatschen und gleich losbattlen: »Ey, ich hab Lines über dich«, und der Freund lacht schon blöde, und dann fängt er an zu battlen. Ich hör mir das zwei Minuten an, dreh mich dann einfach um, und der merkt nicht mal, dass er sich gerade mega lächerlich gemacht hat. Das sind so die kleinen realen HipHop-Urgesteine mit Baggy Pants, die es noch gibt, die sich die Tickets nicht kaufen, sondern am Bühnenrand stehen und Bierflaschen auf die Bühne werfen – dann aber doch nur das Schlagzeug treffen. So welche meine ich damit. Die dann von der Security gecasht werden und sagen: „Er ist kein Rapper, ich bin Rapper!“ Das ist mir alles passiert. Es gibt verzweifelte kleine Rapper, die alles von mir kommentieren und Internetseiten erstellen mit ihren Hasstiraden. Eigentlich ist mir das scheißegal. Andererseits frage ich mich aber, warum diese Idioten das machen. Das kann doch nicht sein.

 

Was sagt das über die und was über dich aus?

Ich stehe ein wenig über ihnen, weil ich das nie gemacht habe. So verzweifelt bin ich nicht. Mit so einer Einstellung an jemanden heranzutreten hätte ich mich nie getraut, als ich noch der kleine Rap-Vogel war. Wäre ich Samy Deluxe auf der ECHO-Toilette begegnet, ich hätte ihm tausendmal Props gegeben, mich verpisst und die Fresse gehalten. Ich hätte ihn nicht doof angemacht.

 

Glaubst du, dass diese Leute bloß Neid empfinden auf deinen Erfolg, oder gibt es noch andere Gründe?

Na klar. Die gibt es auch. Das kann ich auch verstehen. Ich weiß selbst nicht, ob ich als Außenstehender meine Musik feiern würde. Das kann ich heute überhaupt nicht mehr neutral einschätzen. Aber klar, es muss ja nicht allen gefallen. Völlig selbstverständlich. 

 

Auf dem »Hipster Hass«-Cover von Fler wirst du geköpft. Wie reagierst du, wenn du so etwas siehst?

Da schmunzle ich. Das ist ein verzweifelter Schrei nach Liebe. Der will einfach noch mal mitmischen im Game. Weiß auch nicht, warum das gerade jetzt kommt. Fler scheint die letzten zwei Jahre verpennt zu haben.

 

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Du bist ein Politikum für Straßenrapper, aber auch für die  traditionellen Backpacker, die immer noch am 90er-HipHop-Sound hängen. Ich würde dich allerdings auch zu den Backpackern zählen. 

Weil ich heute einen Rucksack dabeihabe?

 

... weil du einen Rucksack dabeihast und weil du viele 1990er-mäßige Beats benutzt. Also genau das, was die Backpacker tun.

Das stimmt. Das neue Album klingt auch so.

 

Du sitzt etwas zwischen den Stühlen. Was glaubst du, woran das liegt? 

Die meisten Leute bekommen immer nur die Radio-Tracks mit. Das ist wie bei dem Katy-Perry-Album. Da kennt jeder die zwei Nummern, die im Radio laufen ...

 

... also, ich höre das Katy-Perry-Album auch nicht. Du?

Nein, eben nicht. Das meine ich ja. Was wäre denn, wenn da noch drei Songs drauf wären, die überkrass sind? Wenn man gar nicht wüsste, dass Katy Perry eigentlich Indie-Rock macht und das nur keiner mitbekommen hat? Das meine ich damit. Wenn die mithaten, dann sollten sie doch wenigstens mal reinhören.

 

Im Umkehrschluss könnte man denken, du seist für die Backpack-Rapper so etwas wie die Katy Perry des Rap.

Könnte sein.

 

In zwei oder drei Tracks höre ich bei dir zum ersten Mal in den Texten auch kritische Töne, auch wenn sie nur ganz dezent durchschimmern. Woher kommt das?

Für mich stellte sich die Frage: Mach ich jetzt »Raop 2« und sag wieder: »Mir geht’s gut, und ich hab Superlaune«? Oder beginne ich damit, die Menschen an mich heranzulassen und auch mal zu sagen, was ich denke? »Raop« war nur ein Gute-Laune-Party-Begleitungsalbum. Das neue ist ein bisschen mehr. Ich habe mehr Inhalt reingeblasen, die Texte sind eher Storytelling.

 

Du hast letztes Jahr gesagt, dass du nicht mehr weißt, was du sagen willst. Dabei gibt es da draußen doch Millionen Themen.

Ja, aber ich habe auch keinen Bock, so weit hergeholtes Zeug herunterzubeten. Warum sollte ich das tun?

 

Oder interessiert dich einfach nicht so viel? Auf deinem Album sind zum Beispiel extrem viele Texte über Frauen. Also scheinen Frauen DAS Thema für dich zu sein.

Frauen sind echt klasse ...

 

Aber über Frauen hinaus?

Ich versuche natürlich schon auch immer, Themen zu finden, die die Menschen catchen. Ich will, dass die Musik nicht nur bei mir funktioniert. Ich denke immer, wenn ich zu verkopft bin und man nach jeder Strophe Stopp drücken muss, dann ist das zu viel.

 

Hörst du denn selbst Rap, der verkopft ist?

Nein, das ist mir zu schwer.

 

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Ich möchte auch ein wenig über deine Familie sprechen. Du wohnst ja noch zu Hause und bastelst das Grundgerüst deiner Musik tatsächlich in deinem Zimmer. Ich hörte, deine Familie war anfangs nicht so begeistert von deiner Karriere?

Mein Dad war nicht begeistert. Der fand, ich solle lieber eine Ausbildung machen. Dann meinte er: »Mach mal was mit Zukunftsperspektive, was mit Digital oder so.« Irgendwann dachte ich: »Okay, jetzt hab ich genug für euch gemacht, jetzt mach ich mal was für mich.«

 

Bist du das schwarze Schaf der Familie?

Am Anfang war ich das. Meine Geschwister haben alle solide Jobs, haben studiert. Eine Schwester wurde Lehrerin, die andere studiert an der Royal Society in London. Die macht da ihr Modeding. Mein Bruder hat Umweltmanagement studiert. Ich war der ohne Bock auf die Schule, der gerade noch so den Abschluss ganz gut geschafft hat, aber trotzdem anfangs eher der Frechdachs war. Ansonsten sind wir eine ganz normale Familie. Meine Eltern haben ein Haus gebaut, das noch nicht ganz abbezahlt ist. Doch plötzlich bin ich der, der Mama mal die Waschmaschinen-Rechnung und die Heizung im Winter bezahlt oder ihr ein Auto kauft.

 

Du bist einige Deals eingegangen, die andere Rapper noch nicht auf dem Tisch hatten. Du hattest eine H&M-Kollektion, warst in diesem Mc-Donald’s-Spot und jetzt auch noch bei Axe. Wie fühlt es sich an, plötzlich in deren Werbung zu sein?

Krass. Aber wenn sich so eine Möglichkeit ergibt, dann feiere ich das.

 

Warst du dir denn sofort sicher, was für Mc Donald’s machen zu wollen?

Nein. Ich habe kurz überlegt, ob das cool ist. Dann hat mich das Konzept überzeugt. Da haben nur Leute mitgemacht, die ich megacool finde: Jürgen Vogel, Palina, Moritz Bleibtreu. Dann dachte ich, das kann nicht schiefgehen. 

 

Moritz Bleibtreu bekam danach einen heftigen Shitstorm ab. Auf deiner Facebook-Seite hingegen war so gut wie nichts.

Stimmt, das hat da keinen so richtig aufgeregt. Aber die Kids heute, die gehen eben zu Mc Donald’s. Die feiern das.

 

Glaubst du, dich hätte auch ein Shitstorm getroffen, wenn deine Fans älter wären?

Ja. Das merke ich auch bei den Interviews, die Frage danach kommt ständig. Je älter der Mensch ist, desto mehr belächelt er mich. Vorhin erst: Der Interviewer war ein ganz alter Mann und fragte irgendetwas wegen schwedischem Essen oder so. Ich meinte dann, dass es wenig gebe, das ich nicht esse. Da sagte er am Ende mit so einem süffisanten Grinsen: „Ja, du gehst ja auch zu Mc Donald’s.“

 

Es ist dir zuletzt vorgeworfen worden, dass vieles von dir einer Art Strategie folge. Magst du zum Beispiel Taktlo$$?

Geht so. Ich finde es irgendwie krass, was er macht, irgendwie aber auch nicht. Ich finde die Art lustig und ein paar Lines von ihm.

 

Es wurde kürzlich eine Line von Taktlo$$ auf deiner Twitter-Seite gepostet. Das haben die Leute so interpretiert, als würdest du das machen, um dich bei älteren HipHop-Hörern anzubiedern. Ist das überinterpretiert?

Ja. Ich mache einfach, was ich will. Ich bin der, der ich bin, und wenn ich will, poste ich auch noch ‘ne alte Savas-Line oder gar nix.

 

Du hast schon eine Reihe von Medien boykottiert. Zum Beispiel die Bravo. Ist das noch aktuell? 

Die wollen einen nur in die Pfanne hauen. Permanent. Es gab nicht ein einziges Lob, es gab nicht eine einzige coole Seite in der Bravo. Vor allem fand ich permanent drin statt, und es gab nie ein offizielles Interview oder Ähnliches. Alles war geklaut, gezogen, gemacht, immer mit diesem Tonfall: »Hahaha, wir haben wieder was!« Das finde ich mega beschissen von denen. Deshalb habe ich mir vorgenommen: Die mache ich kaputt – und wenn ich sie abbrenne. Scherz.

 

Wenn man so viel Erfolg hat wie du und dabei eine Maske trägt: Hast du manchmal Schwierigkeiten einzuschätzen, warum sich Menschen mit dir beschäftigen? Wollen die Menschen etwas von Carlo Waibel oder von Cro?

Das ist schwer einzuschätzen. Ich stelle Menschen inzwischen immer länger auf den Prüfstand, bis ich das herausfinde. Ich bin auch schon mal in die Falle getappt. Manchmal fliegt man auf die Fresse, wenn man zu nett ist, zu viel gibt. Aber ansonsten kann ich das mittlerweile gut unterscheiden. Wer mich kennt, wer echt ist und wer bloß berufsnett zu mir ist.

 

Zum Abschluss: eine Perspektive von dir. Du hast ja schon einen Schritt gemacht von »Raop« zu »Melodie« und bist erkennbar erwachsener und ein wenig ernster geworden. Glaubst du, dass das so weitergeht, oder werden die nächsten Sachen dann wieder total Regenbogen-mäßig?

Ich glaube, ich probiere mal ein wenig aus und produziere in den nächsten zehn Jahren nur junge Talente.

 

What?

Hab ich zu viel verraten? 

 

Das jetzt heißt, du wirst Musikproduzent und baust nur noch Sachen für andere Rapper?

Vielleicht.

 

Und du entdeckst junge Rapper?

Vielleicht. Oder ich werde der neue Dieter Bohlen und mache eine Underground-HipHop-Casting-Show für die realen Rapper auf dem ECHO-Klo.

 

Cro »Melodie« (Chimperator / Groove Attack / VÖ 06.06.14)