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Les Trans Musicales 2005 - Tag 3

Crêpe und Dudelsack

10.12.05, Frankreich, Rennese Trans-Tag drei steht an, und damit auch schon der letzte Tag unserer Frankreich-Mission. Am Samstagabend ist also erst mal eines fällig: ein anständiges Diner in einem Restaurant der Altstadt von Rennes, das mit einer süßen Crêpe beendet sein will. Der kulinarische G
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10.12.05, Frankreich, Rennese

Trans-Tag drei steht an, und damit auch schon der letzte Tag unserer Frankreich-Mission. Am Samstagabend ist also erst mal eines fällig: ein anständiges Diner in einem Restaurant der Altstadt von Rennes, das mit einer süßen Crêpe beendet sein will. Der kulinarische Genuss (und außerdem auch die langsam als lästige Pflicht empfundene Busreise von der Innenstadt hinaus zum Festivalgelände im Parc Expo) nimmt uns dermaßen in Anspruch, dass wir den Auftritt von Jackson & His Computer Band, dem neuen elektronischen Wunderknaben aus Paris, glatt verpassen. Pech gehabt, doch dafür scharren Coldcut bereits in den Startlöchern, die eine Show mit gigantomanischem Aufgebot an GastsängerInnen angekündigt haben. Dieses Versprechen halten die beiden britischen Samplemeister auch ein, aber dass eine Gala mit zahllosen Stars nicht automatisch ein gutes Konzert garantiert - eher im Gegenteil -, beweisen sie quasi in Perfektion. Beats und Gesang rumpeln meist aneinander vorbei, egal ob sich da Robert Owens stimmlich verausgabt oder John Matthias. Die Songs bekommen kaum Platz zur Entfaltung, Matt Blacks Zwischenansagen wirken wie ödeste Lobhudeleien bei der Oscar-Verleihung und zerstören jeden Rest von Atmosphäre. Zum Finale schreien Mike Ladd und Jon Spencer gegeneinander an. Just for the record: Mike Ladd gewinnt.

Richtig ärgerlich wird der lahme Coldcut-Auftritt aber durch die Tatsache, dass die eine Hälfte der Intro-Gesandtschaft seinetwegen den parallel stattfindenden Gig von Clap Your Hands Say Yeah! verpasst. Fragt Kollegin Eismann, wie yeah deren Konzert war! Bis zum nächsten Pflichttermin bleibt etwas Zeit, die wir für einen kleinen Drink und einen Plausch mit Kollegen nutzen, bei dem wir uns natürlich wieder heiße Beats um die Ohren hauen lassen. Und zwar vom französischen Turntableisten-Quartett Birdy Nam Nam, bei dem Skills und Scratch-Virtuosität ganz im Zeichen der musikalischen Struktur stehen - und des Wahnsinns. Das kommt nach einer der Duftzigaretten, die hier an jeder Ecke ihr Aroma verbreiten, bestimmt noch mal so krass. Wir überprüfen das aber nicht weiter, denn die Folge 251 des Reunion-Spektakels zwingt uns in Halle 9.

Gang Of Four geben sich die Ehre. Live wird unmissverständlich klar gemacht, dass den vier Männern aus Leeds das Artifizielle ihres weißen Funk-Entwurfs - sozusagen der Anti-Funk - immer wichtiger war (und nach wie vor ist) als der kantige Groove, auf den sich die heutigen Epigonen allesamt so bedingungslos stürzen. Das Brechen von Rollen und Erwartungen, das Unterlaufen von Rock-Reglements ist Thema ihrer Performance in Rennes. Ein Stück wie "Anthrax", in leere Räume gestellte Feedback-Soli, Mikrowellen-stop-and-go-Rock - all das generiert nicht simple Mitwackeleffekte, sondern entfaltet eine Wirkung, die einen schließlich hintenrum packt. Allein das funkrockende "To Hell With Poverty" als letzter Song passt musikalisch zur aktuellen Gang-Of-Four-Referenzschleuder.

In pflichtschuldiger Aufarbeitung des längst Gewesenen vergessen wir diesmal völlig die Gegenwart, teilen unser Zweiergrüppchen also nicht auf und versäumen so zu großem Ärger das Set von Diplo, der sich spätestens durch seine rumpelnden Beats für das Album von M.I.A. große Aufmerksamkeit erspielte. Irgendwie praktiziert Diplo ja auch eine Art von Anti-Funk, weshalb sein Auftritt gerade im Kontrast zu Gang Of Four spannend gewesen wäre. Doch wir haben unsere Dosis Anti schon konsumiert und gönnen uns als letztes intensives Konzerterlebnis der Trans Musicales 2005 die Platinum Pied Pipers. Die geben uns, wonach wir zu dieser späten Stunde verlangen: Soul, Groove und gute Laune. Und damit wollen wir aus dem Teil der offiziellen Berichterstattung ausblenden.

Und hier nochmal zum ersten Tag, und hier zum zweiten.