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Interview zu »Tell Me How You Really Feel«

Courtney Barnett sitzt und fühlt

Wie kann man als introvertierter Mensch im Jahrzehnt der übersteigerten Selbstdarstellung noch gehört werden? Indem man verdammt gute Songs schreibt! Courtney Barnett hat den Alternative Rock mit ihrem zweiten Album »Tell Me How You Really Feel« verfeinert und feministisch beschwert. Verena Reygers war geduldig genug, um den uneinsehbaren Ecken in Barnetts Werk die verdiente Beachtung zu schenken.

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»He said ›I could eat a bowl of alphabet soup
And spit out better words than you‹
But you didn’t
Man you’re kidding yourself if you think
The world revolves around you«

Für introvertierte Menschen ist es ein Albtraum: Gerade hat man irgendeine Art von Coup gelandet, und schon umschwirren einen auf der nächsten Party alle und nerven mit hirnrissigen Fragen. So muss es Courtney Barnett ergangen sein, als sie von der australischen Singer/Songwriter-Indieszene ins Mainstream-Spotlight der Grammy Awards katapultiert wurde. 2016 als Best New Artist nominiert, musste die Australierin damals den Spießrutenlauf auf dem roten Teppich mitmachen und dem hohlen Schnellsprechergrinsen eines zappeligen YouTubers standhalten. Das tat sie, ganz Barnett, mit unerschütterlicher Ruhe. Schließlich trägt das Album, das ihr die Grammy-Nominierung eingebracht hatte, den entschleunigten Titel »Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit« – ein Zitat des »Pu der Bär«-Schöpfers A.A. Milne, das mindestens so gut auf den gelassenen Bären passt wie auf die stets etwas abwesend wirkende Barnett.

»Your vulnerability is stronger than it seems
You know it’s okay to have a bad day«

So richtig aufgeräumt ist die Musikerin beim Interviewtermin in Berlin auch nicht. Unruhig rutscht sie auf ihrem Stuhl hin und her, sucht konzentriert nach Antworten, kommt aber selten über ein paar Sätze hinaus. Starke Statements gibt es hier kaum zu holen. Ganz anders auf ihrem zweiten Album »Tell Me How You Really Feel« – da zitiert sie statt Milne die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood. »Men are scared that women will laugh at them / Women are scared that men will kill them«, heißt es in »Nameless, Faceless« – einem vermeintlich poppigen Slackersong mit scheppernd verzerrter Hook, den Barnett Mitte Februar als erstes Lebenszeichen des neuen Albums veröffentlichte. »Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet diesen Song als erste Single ausgesucht habe«, sagt Barnett und ergänzt nach einem tonlosen Seufzen: »Es ergibt aber in den gegenwärtigen Debatten auf jeden Fall Sinn.« Unsympathisch wirkt die Musikerin durch ihre Einsilbigkeit nicht, und ihre Songtexte sagen alles, was man wissen muss.

»I’m not your mother,
I’m not your bitch«

Auf »Tell Me How You Really Feel« kratzt Barnett an der Oberflächlichkeit inszenierter Befindlichkeiten und stellt sich der ernsthaften Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen. Nicht dass sie das zuvor nicht auch schon getan hätte. Ein Song wie »Nobody Really Cares If You Don’t Go To The Party« zeugt von Barnetts Talent, ungeschminkte Wahrheiten mit Ironie zu flankieren. »Sarkasmus ist doch nur die bequeme Abwehrreaktion auf etwas, das dich wirklich aufregt«, entzaubert Barnett eins ihrer bevorzugten Stilmittel. »Und obwohl das einen gewissen Humor in sich trägt, habe ich versucht zu gucken, wo ich mit Sarkasmus etwas maskiere, mit dem ich mich eigentlich näher beschäftigen sollte.« Die eigenen Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten gehören genauso dazu wie die Auseinandersetzung mit ihrer Partnerschaft zu Ehefrau und Musikerkollegin Jen Cloher oder mit der Frage, wie sehr eine sexistische und homophobe Welt einen geprägt hat, ohne das so benennen zu können. »Irgendwann wird dir genau das aber doch bewusst, und es ist Zeit, sich dagegen zu positionieren.« Das Atwood-Zitat ist wie gemacht für die hintergründige Schonungslosigkeit von Barnetts Songs. Man muss eine Sekunde lang lachen, und in dem Moment, in dem man den Sinn begreift, bleibt einem genau dieses Lachen im Hals stecken. Barnett nickt: »Dieses Innehalten und Nachdenklich-Machen ist genau das, was ich mit meinen Lyrics versuche. Es steckt mehr dahinter, als auf den ersten Blick offensichtlich ist.«

»It’s vicious in winter, you never say what you mean.
Friends treat you like a stranger and
Strangers treat you like their best friend, oh well.«

So wie in dem wunderbar doppeldeutigen »Hopefulessness«, mit dem Barnett die Platte eröffnet und für das die deutsche Übersetzung natürlich nur »nicht verhandelbare Hoffnungslosigkeit« bietet. Pointierte, wie zufällig angeschlagene Gitarrenakkorde, ein bisschen Geplänkel, bevor sich der Sound zu Barnetts abschätzend taktierendem Gesang bis ins Noisige steigert, ganz so, als zerre man ein wildes Tier aus der Tiefe. Aus dem Ärmel geschüttelt hat die Musikerin die zehn neuen Songs jedenfalls nicht. Zwischendurch machten gar Gerüchte von Schreibblockade und Kreativtief die Runde. Auch weil statt einer neuen Soloplatte im vergangenen Jahr ein gemeinsames Album mit Kurt Vile erschien – »Lotta Sea Lice« als vernuschelt-gemächliches Zwiegespräch zweier Songwriter-Kauze an einem relaxten Sonntagmorgen. Auf die Frage, ob es tatsächlich so gewesen sei, dass sie sich lieber auf die Arbeit anderer Leute als die eigene Songschreibpraxis konzentriert habe, winkt Barnett ab: »Es tut mir einfach gut, an verschiedenen Dingen zu arbeiten. Das hält mein Gehirn auf Trab.« Mit unterschiedlichen Musikern zu arbeiten sei auch immer ein Lernprozess, erklärt sie. Und es bewahrt vor lähmender Routine. Denn auch wenn keine direkte Verzweiflung den Weg für »Tell Me How You Really Feel« geebnet hat, gab es durchaus eine gewisse Orientierungslosigkeit: »Ich war ziemlich unschlüssig, in welche Richtung das neue Album gehen sollte«, räumt Barnett ein. »Es gab kein Konzept, also habe ich einfach geschrieben, geschrieben und geschrieben. Ganz anders beim Sound. Da wusste ich von Anfang an, was ich wollte: mehr Gitarre. Außerdem sollte die Platte schwerer und dunkler werden.«

»You don’t have to pretend you’re not scared
Everyone else is just as terrified as you
Medication just makes you more upset
I bet you got a lot to prove I know you’re still the same«

Düsterer ist das Album nur bedingt. Tatsächlich hat Barnett ihren von Garage- und Alternative-Folk geprägten Grunge weiterentwickelt, hin zu einem nuancierten Rock’n’Roll, der – statt den Verstärker bis zum Anschlag aufzudrehen – den eigenen Dämonen mit Wachsamkeit entgegentritt. Dass »Tell Me How You Really Feel« auf den ersten Durchlauf hin geschmeidiger klingt, liegt auch an den Produktionsmöglichkeiten: »Meine früheren EPs sind an einem Tag mit wenig Zeit und Geld entstanden«, erzählt Barnett, während ihre Band für die neuen Aufnahmen etwas mehr Muße hatte. Das sollte sich allerdings nicht negativ auf die Spontaneität auswirken: »Wir wollten diese Atmosphäre auf der Platte haben, in der man spürt, dass ein paar Menschen in einem Raum gemeinsam Musik machen.« Die Songs hat Barnett erstmals nicht nur an der Gitarre, sondern auch an anderen Instrumenten geschrieben. Klavier, Schlagzeug und ein bisschen Bass hat sie sich selbst beigebracht. Die Kombination aus schweren Gitarrenläufen und lässigen Klavier- und Bassakkorden perfektioniert die Musikerin einmal mehr und macht dies zu ihrer individuellen Stärke: rough, aber melodisch; lärmend, aber harmonisch. Die Songs auf »Tell Me How You Really Feel« beherrschen den Wechsel zwischen konzentrierter Energie und durchatmender Weite, vor allem, wenn sich die Anspannung des Openers im finalen Song »Sunday Rost« in versöhnliche Unbeschwertheit entlädt. Barnett nickt und nennt den Rahmen, den die beiden Songs für die Platte bilden, einen glücklichen Zufall. »Es ist gut, die Unsicherheit, Unruhe und Orientierungslosigkeit, die den Beginn des Albums prägen, am Ende in dieses positive Gefühl münden zu lassen.«

»Just bring yourself
You know your presence is
Present enough«

Auf »Tell Me How You Really Feel« klingt die 30-Jährige nicht so, als habe sie sich gefunden und wisse nun, wo es zuverlässig langgehe im Leben, aber sie bewegt sich sicherer in dieser Suche. Einen Moment lang lässt Barnett diese Einschätzung auf sich wirken, bevor sie hervormurmelt: »Es geht wohl darum, sich mit der Unsicherheit wohler zu fühlen«, und dann – entschiedener – ergänzt: »Ich bin weit davon entfernt, mich gefunden zu haben oder gar angekommen zu sein. Dafür braucht man wohl das ganze Leben. Aber den damit einhergehenden Stress loszulassen hilft ganz gut.«

»You got a lot on your mind
You know that half the time
It’s only half as true
Don’t let it swallow you«

Dass der Erfolg vieles für sie verändert hat, verneint Barnett. Es habe eher die Beurteilung ihrer Musik durch andere verändert als ihre Eigenwahrnehmung. Da ist sie wieder, diese Uneitelkeit, die mit wenigen Worten nüchterne Wahrheiten auf den Punkt bringt. So wie in der Begegnung auf dem roten Teppich der Grammys. Barnett lacht und verdreht nicht mal die Augen, als sie zugibt, dass es eine interessante Erfahrung gewesen sei, aber nichts für jemanden wie sie: eine introvertierte Person in einer extrovertierten Welt.

Courtney Barnett

Tell Me How You Really Feel

Release: 18.05.2018

℗ 2018 Marathon Artists

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