×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Den Fame nicht mehr nötig

Coup im Gespräch

Haftbefehl und Xatar waren jeder für sich respektable Street-Rapper. Zusammen sind sie nun Coup. Christian Schlodder traf die beiden in Berlin – wie sollte es anders sein – in der Präsidentensuite des Berliner Hotel Pullman zum Interview und ließ sich erklären, wo Mainstream anfängt – und wo man Selma Hayek riechen kann.
Geschrieben am
Der Babo und der Baba aller Babas zusammen auf einer Platte. Wer ist denn nun der Größere?
Xatar: Er ist der Größere.
Haftbefehl: Aber er ist der Breitere. Aber ohne Spaß: am Ende ging es nicht mehr um Xatar und Haftbefehl sondern um Coup. Und da zählte nur noch, dass das Produkt baba wird.  

Wieso eigentlich
»Coup«?

Xatar: In Deutschland war’s ja bisher immer üblich, bei Projektalben Adjektive oder irgendwelche Aufzählungen zu verwenden, sowas wie »Carlo Cokxxx Nutten«. Dinger, die schon vom Namen irgendwie beweisen sollen, was man eigentlich sein will. Das, was wir gemacht haben, war künstlerisch so gewaltig, dass es eher ein Coup ist. Dabei sind wir geblieben.
Habt ihr euch deshalb entschieden, noch einen gewaltigen Album-Kurzfilm hinterher zuschieben?
Xatar: Wir wollten ein Statement setzen, was es so vorher noch nicht gab. Das ging halt nur, wenn wir den ganz Miesen mit Hollywood auspacken. In Deutschland war keiner fähig diesen Film zu machen. So sind wir in die Studios, wo auch »300« gedreht wurde. Jetzt sind es die krassesten Rap-Videos geworden, die man je in Europa gesehen hat.
Haftbefehl: Ich sogar hatte die Knarre von Antonio Banderas, Giwar [Xatar] die von Sylvester Stallone und wir haben in dem Trailer gechillt, in dem Selma Hayek eine Woche vor uns gechillt hat.
Xatar: Es hat sogar noch nach ihr gerochen.

Ihr habt auch das Drehbuch geschrieben. Warum wolltet ihr eher eine Gangsterkomödie als einen reinen Actionstreifen?
Haftbefehl: Weil wir wirklich so sind. Wir können manchmal fünf Stunden am Stück lachen.
Xatar: Wir wollten einfach nicht, dass es zu ekelhaft kommt und die Leute denken, wir machen jetzt den Rambo.  

Wäre das für die Street Credibility nicht besser gewesen?

Xatar: Wir brauchen keinen Fame von der Straße. Wir sind schon immer Straße gewesen. Das ist der große Unterschied. Die Autorität ist immer noch da.
Nun ist es ja speziell bei dir, Haftbefehl so, dass deine Musik auf einmal Hörerkreise erschlossen hat, auf die du vielleicht nicht unbedingt abgezielt hast und dafür alte Fans sagen, dass das nicht mehr real sei.
Haftbefehl: Ich bin mir sicher, ein paar alte Fans verloren zu haben. Das sind die, die nur etwas feiern, wenn es klein und frisch ist. Das ist immer so ein Ding des Abgrenzens und dass man den Künstler für sich haben will und ihn fallen lässt, wenn er zu groß wird.
Xatar: So waren wir früher ja auch.
Haftbefehl: Als alle meine Leute früher Tupac gehört haben, bin ich auf Biggie eingestiegen, weil der in unserer Gruppe keine Rolle gespielt hat. Ich wollte mich überhaupt nicht mit Tupac auseinandersetzen. Was meine Musik angeht: die ist ja immer noch rough, aber eben professioneller. Wir beide sind eben nicht in Brooklyn groß geworden. Wir haben uns alles selbst beigebracht und das immer weiter professionalisiert. Da kann keiner mehr erwarten, dass man auf irgendwelche Sample-Beats rappt. Das Ding ist durch.
Xatar: Zu mir kommen auch immer wieder Leute, die sagen: rap mal wieder wie auf »Alles oder nichts«. Aber was soll das? Das geht gar nicht. Ich denke anders, fühle anders, die Zeiten sind einfach andere.  

Muss man als Street- und Gangster-Rapper irgendwann zwangsläufig einen Weg in Richtung in Richtung Mainstream gehen?

Xatar: Es ist ein künstlerisches Ding. Was wir rappen, ist ein eigener Film und hat mehr Kunst in den Sachen als irgendwelche Milch-Rapper, die dafür gefeiert werden. Die betrachten das oft als Business und als Schiene, die man fahren muss, bis sie nicht mehr funktioniert. Als Künstler gehst du zwangsläufig andere Wege, weil du nicht immer das gleiche machen kannst. Du musst dich entwickeln, sonst kriegst du ’nen miesen Abturn, Mainstream hin oder her.

Haftbefehl: Irgendwann konzentriert man sich halt auf Hits. Das ist überall so. Jay-Z rappt ja auch nicht mehr über Crack.  

In Deutschland wäre das dann Sido, der den Sprung geschafft hat, oder?
Haftbefehl: Sido ist der einzige deutsche Street-Rapper, der den Sprung in den Mainstream geschafft hat. Das ist super schwer. Man muss wissen, wie man Hits macht. Auch wenn viele alte Fans enttäuscht sind, kann man nur sagen: mach erst mal ’nen Song wie »Astronaut«, der einfach nur funktioniert.

Xatar: Sido hat das Ding einfach mal komplett auseinandergenommen. Der muss niemanden mehr den Arschficksong zeigen, wobei er den ja auch schon fast Mainstream gemacht hat.
Kann man als Gangster-Rapper im Mainstream ankommen und weiterhin real bleiben?
Xatar: Aykut [Haftbefehl] ist ein gutes Beispiel. Mitten im Hype von »Russisch Roulette« – während selbst die Hipster am Durchdrehen sind – kickt der das »Unzensiert«-Mixtape, das komplett für Unverständnis sorgt und einfach nur zeigt, dass er ’nen Fick auf den Hype gibt. Und dabei war es das ehrlichste und beste Mixtape der letzten Jahre.  

Zieht ihr für euch Grenzen, wo diese Aufmerksamkeit erwünscht ist und wo nicht?

Xatar: Wir haben zumindest keinen Bock auf irgendwelche Hampelmänner in Fernsehshows, die all das nur lächerlich machen wollen.
Haftbefehl: Sag doch einfach Jan Böhmermann.  

Kann es nicht auch daran liegen, dass man sich immer noch etwas schwer tut mit Gangsterrap in Deutschland, weil der Bezug einfach fehlt? Wenn man z.B. nach England schaut, sind vergleichbare Musikrichtungen wie
»Grime« viel populärer und werden auch in anderen Genres verarbeitet.

Xatar: England hat ’ne Sonderstellung. Das ist komplett was Anderes. Da gibt es so viele Strömungen und Anknüpfpunkte in der Subkultur, die wir hier einfach nicht haben. Bei uns kann ich auf Schlager, Rammstein und Synthie-Sachen der 80er gucken, aber ich kann mir ja schlecht Roy Black als Vorbild fürs Rappen nehmen.
Haftbefehl: Deshalb ist es in Deutschland auch so unheimlich schwer als Street-Rapper etwas komplett Eigenes zu kreieren.
Xatar: Grime ist sogar so krass, dass sich die Kids in England dafür abmessern. Die rasten komplett drauf aus. Aber so ist das eben. HipHop entsteht immer aus dem ganzen Scheiß, der in deiner eigenen Straße passiert.
Mit einigen Songs wie »AFD« habt ihr ja auch aktuelle politische Entwicklungen aufgegriffen.
Xatar: Songs wie »AFD« sind drauf, weil uns die Sachen wichtig sind und die gekickt werden müssen. Wir denken viel über sowas nach, auch wenn man vieles nur oberflächlich ankratzen kann.
Haftbefehl: Ich will auch einfach nicht immer nur primitive Musik machen, wo’s nur darum geht, wie krass man ist. Von den 25 Songs, die wir ursprünglich fürs Album hatten, hat die Hälfte geknallt, die andere war eher deep.  

Xatar, ist deine Bewährung schon rum, wenn ihr auf Tour sein werdet?

Xatar: Nein, man. Aber es sind nicht mal mehr anderthalb Jahre – was für ein Gefühl.
Haftbefehl: Kenn ich, Bruder. Ich hatte ja insgesamt acht Jahre Bewährung, weil die immer wieder verlängert wurde. Dann hab‘ ich mir irgendwann von ’nem Kollegen seinen Ausbildungsvertrag besorgt und meinen Namen drauf gesetzt. Den konnte ich immer vorlegen, um zu sagen, dass ich keine Zeit für die ganzen Auflagen habe. Hat ganz gut geklappt. 

Hier geht's zu einem weiteren Interview mit Haftbefehl.

Coup

Der Holland Job

Release: 12.08.2016

℗ 2016 Four Music Productions GmbH