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alte eisen rosten nicht

Corrosion Of Conformity

Man muß schon ganz schön weit zurückblicken, bis ins Jahr 1982 nämlich, wenn man die Bandgeschichte von C.O.C., wie sie schelmisch abgekürzt werden, aufbereiten will. Damals traten Woody Weatherman (git), Mike Dean (bass) und Reed Mullin (drums) mit wechselnden Frontbrüllern erstmals in Erscheinung
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Autor: intro.de

Man muß schon ganz schön weit zurückblicken, bis ins Jahr 1982 nämlich, wenn man die Bandgeschichte von C.O.C., wie sie schelmisch abgekürzt werden, aufbereiten will. Damals traten Woody Weatherman (git), Mike Dean (bass) und Reed Mullin (drums) mit wechselnden Frontbrüllern erstmals in Erscheinung und im Vorprogramm von amerikanischen Punkheroen wie MINOR THREAT, D.O.A. und den DEAD KENNEDYS auf. Ihr Tonträgerdebüt gaben sie auf verschiedenen Compilations und mit einer ersten, inzwischen raren EP. 1983 dann war es Zeit für die erste vollständige LP, den 21 Songs umfassenden Knaller "Eye For An Eye", 1985 und '87 folgten die beiden "Metal Blade"-Alben "Animosity" und "Technocracy" und eine Tour mit SLAYER. Immer wieder mußten sich die Musiker mit Unverständnis und Ablehnung seitens der Presse rumschlagen - der Metalpresse waren sie zu Punk-lastig, der Punkpresse zu metallisch. Drei Jahre lang war es sehr ruhig um C.O.C., bis sich schließlich 1990 die Nachricht verbreitete, sie würden wieder touren, was dann auch, im Vorprogramm von SOUNDGARDEN, DANZIG und den BAD BRAINS, geschah. Die live getesteten neuen Songs erschienen ein Jahr später auf dem Album "Blind", das gleichzeitig auch den neuen Gitarrero Pepper Keenan und den neuen Stil vorstellte - weg vom Knüppelmetalcore früherer Tage hin zu BLACK SABBATH-70er-Riffing und rockigen Anleihen. Der Veröffentlichung folgten weitere Auftritte mit PRONG, der ROLLINS BAND sowie IRON MAIDEN. Die Single, die den weitläufigen Durchbruch brachte, war dann "Vote With A Bullet", auf der Pepper sein Gesangsdebüt gab, mit dem er den eigentlichen Sänger Karl ganz schön alt aussehen ließ.
Und nun ist es endlich passiert: CORROSION bringen ihr neues Album "Deliverance" auf den Alternative-getränkten Markt, und es würde mich absolut nicht verwundern, wenn sie, die heute unter diesem Begriff geführt werden und doch eigentlich dessen Urväter sind, aber nie großartig davon profitiert haben, ganz weit nach vorne gepusht werden. Dieses Album führt den geneigten Hörer zurück in die Siebziger, passend dazu wurde im legendären Elektric Lady Studio aufgenommen, wo ein Sound entwickelt werden konnte, der teilweise an alte THIN LIZZY erinnert, durch die Baßlastigkeit auch ein wenig KYUSS aufkommen läßt. (Letzteres kann aber auch an der Qualität meines Vorabtapes liegen, das weiß man bei den Dingern ja nie so genau.)

Auf meine Eingangsfrage, ob Sänger Karl denn von selbst gegangen sei oder gegangen wurde, antwortet Drummer Reed eher zurückhaltend: "Es wäre nicht fair, hier, wo Karl nicht die Möglichkeit hat, sich zu wehren, über ihn herzuziehen. Laß mich einfach nur sagen, daß es nicht mehr hingehauen hat. Karl hat jetzt seine eigene Band, und ich wünsche ihm alles Gute." Daraus läßt sich ja auch einiges schließen. Jedenfalls hat Pepper das Singen inzwischen endgültig übernommen, die Texte sind allerdings von ihm, Mike und Reed. Letzterer hat beispielsweise "Albatross" geschrieben, einen Song, der von "religiösen Aspekten und deren Einfluß in der heutigen Gesellschaft" handelt. Diese Gesellschaft "versucht, uns faul zu machen. Die Maschinisierung, die dazu benutzt wird, entmenschlicht uns." Ein weiterer Song, "Pearls Before Swine", handelt von einem jüdischen Journalisten in den dreißiger Jahren, Stefan Lux. "Dieser mutige Mann schrieb immer wieder Berichte, Kommentare und Stories über Adolf Hitler, er versuchte, die Gesellschaft vor diesem Mann zu warnen, doch sein Bemühen war nicht von Erfolg gekrönt. 1936 wurde er eingeladen, auf einem Kongreß in Genua eine Rede zu halten, und er tat, worum er gebeten wurde. Nachdem er lange, ergreifend und aufrüttelnd gesprochen hatte, zog er plötzlich eine Waffe und erschoß sich vor den Augen der Zuhörer." Womit auch der Titel erklärt ist, denn gebracht hat diese Aktion letztendlich nichts. Perlen vor die Säue...
Wir haben es bei CORROSION OF CONFORMITY also immer noch mit dem Anspruch zu tun, intelligente, hardcorementalitätsnahe Texte zu verfassen. "Seht ihr euch eigentlich noch als HC-Band?" will ich wissen. "No. Die Hardcoreszene war ein temporäres Phänomen, Anfang bis Mitte der 80er. Alles, was danach kam, hatte mit Hardcore nur die Musik, nicht aber die Einstellung gemein. Was heute unter dem Begriff HC läuft, zum Beispiel BIOHAZARD, hat nichts damit zu tun. HC-Bands waren BLACK FLAG, CRO-MAGS, MINOR THREAT und die BAD BRAINS. Man kann eine natürlich entwickelte Szene nicht wiederholen oder revitalisieren. Vorbei ist vorbei. Außerdem haben viele dieser Bands heute einen Majordeal, wir eingeschlossen." Das ist doch mal ehrlich! "Wie würdet ihr selbst denn euren Stil beschreiben?" - "Das ist schwer. Man kann wohl am ehesten mit unseren Einflüssen erklären, aus welcher Ecke wir kommen. BLACK FLAG und BLACK SABBATH sind wohl unsere Haupteinflüsse, weiterhin DISCHARGE, ZZ TOP, THIN LIZZY, PINK FLOYD und die STOOGES, aber auch alte Country-Sachen." - "Echt?" - "Sicher. Wir sind schließlich aus dem Süden. Höhö."
Dann kommen wir auf die Tour zu sprechen, ob es denn schon konkretere Pläne gäbe. "Klar: Wir werden im Dezember in Europa auf Euroheadlinertour kommen." - "Ist denn schon 'ne Vorband geplant?" - "Wen würdest du denn empfehlen?" Als ich daraufhin KYUSS vorschlage, ertönt am anderen Ende begeistertes Grunzen: "Das wär' der pure Hammer. Oder EYE HATE GOD! Wir werden übrigens auch die ganz alten Sachen wieder spielen." Den Wandel, den C.O.C. von "damals" bis heute vollzogen haben, wird auch an ihrer Covergestaltung zu erkennen sein. Während das "Blind"-Cover von Bill Sienkiewicz, einem amerikanischen Künstler, gestaltet wurde, "haben wir dieses Mal alles selbst gemacht. Laß dich mal überraschen."
Zum Schluß möchte ich noch von ihren Nebenprojekte erfahren. "Pepper macht mit Phil von PANTERA, EYE HATE GOD- und CROWBAR-Leuten ein Projekt namens DOWN, das eine Reminiszenz an BLACK SABBATH darstellt und wirklich toll ist. Wir anderen haben aber keine Zeit für so was." Die Debütscheibe von DOWN dürfte Ende '94 / Anfang '95 erscheinen. Man darf also gespannt sein. Zu C.O.C. bleibt noch zu sagen, daß sie sich weiterhin keinem Einfluß verschließen werden und ihren Sound immer den gerade dominanten Stimmungen in der Band anpassen. Außerdem wird demnächst auf dem Soundtrack zu "Clerks" ihr Titel "Big Problems" erscheinen, der sich an alten Punkrock/HC-Sachen orientiert. Die einzige Devise wird lauten: "Heavy, good, surprising. Expect the unexpected." Machen wir.