×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

People Power

Cornershop

Es ist Winter, es ist kalt, es ist Köln. Der erste richtig kalte Wintertag, noch dazu. Nicht nur in Köln, überall. Auch in Berlin. Aber am Hauptbahnhof in Köln fällt mir mein Frieren plötzlich auf. Ich gehe einfach zu Orsay und kaufe mir einen warmen Wintermantel. Einen mit Nutten-Pelz. Quatsch. Ich
Geschrieben am

Es ist Winter, es ist kalt, es ist Köln. Der erste richtig kalte Wintertag, noch dazu. Nicht nur in Köln, überall. Auch in Berlin. Aber am Hauptbahnhof in Köln fällt mir mein Frieren plötzlich auf. Ich gehe einfach zu Orsay und kaufe mir einen warmen Wintermantel. Einen mit Nutten-Pelz. Quatsch. Ich kaufe mir ein Käsebrötchen und frage den Typ am Info-Schalter, wo das Hotel Cristall ist. Nur zehn Minuten zu Fuß. Er markiert die Straßen und schenkt mir den Stadtplan. Toll. Ich habe neun Jahre in Köln gewohnt und hatte nie einen Stadtplan.

Manchmal muss man zurückkommen, um zu wissen, was einem fehlte. Den Weg vom Hauptbahnhof zum Ursulaplatz finde ich fast alleine. Vorsichtshalber frage ich einen Fußgänger, ach so, andere Richtung. Danke. Nach ein paar hundert Metern ist der Typ immer noch hinter mir. Ich habe eine Ahnung. Geht's hier überhaupt zum Ursulaplatz? Er grinst finster: "Komm mit zu mir." Verdammt. Ich verfluche meine Gutgläubigkeit. Aber egal, wozu hat man schließlich einen Stadtplan. Hoffentlich sind Cornershop noch da. Mein Interview ist das letzte des heutigen Tages.

Handcream For A Generation

Die neue Cornershop-CD heißt "Handcream For A Generation" und klingt etwas verschrobener als das Vorgängeralbum "When I Was Born For The Seventh Time." Mehr als sieben Mal wird wohl keiner geboren. Vier Jahre liegen zwischen den beiden Alben. Vier Jahre, in denen Tjinder Singh und Ben Ayers mit Clinton ein zweites Projekt an den Start brachten. Auf ihrem eigenen Label Meccico veröffentlichten sie die sehr experimentelle elektronische CD "Disco And The Halfway". Etwas von diesem Experimentellen klingt auch auf der neuen Cornershop durch. Sie klingt insgesamt weniger hitlastig, aber stringenter, durchgängiger. Denn die Stücke sind aufeinander bezogen, mit stoischer Gelassenheit werden immer wieder dieselben Slogans wiederholt, in die unterschiedlichen Songs reingesampelt, drübergesungen.

Slogans wie "motion the eleven", "music plus" oder das titelgebende "handcream for a generation"; und das passt gut zu diesem sehr warmen, groovenden Sound, nach dem man wie immer süchtig werden kann. Einer der schönsten Songs heißt "Lessons Learned From Rocky 1 To Rocky 3". Und auch wenn man den Text nicht sofort versteht, die gelassene Wut, mit der Tjinder Singh vom alles überwältigenden "Supershit" singt, macht klar: Cornershop werden wohl niemals aufhören, die Mainstream-Kultur zu attackieren und sie gleichzeitig genau zu studieren. Trotzdem hätte ich nicht erwartet, dass Cornershop noch mal zu einem solchen drastischen Manifest gegen die Mainstream-Kultur, speziell die Musik-Industrie, ausholen würden. Immerhin hatten sie ja mit "Brimful Of Asha" einen Nummer-1-Hit in ihrem Heimatland England. Und Songs gegen die Musik-Industrie machen etablierte Bands meistens nicht so gerne. Komisch eigentlich. Aber "Handcream For A Generation" klingt auch insgesamt sehr zerrissen und erschöpft. Schon "Heavy Soup", der Einstiegssong, in dem die Fäden zusammenlaufen. Ja, heavy soup. Und doch auch sehr viel Licht und Hoffnung. Sehr viel visionärer Geist, so blöd das klingen mag. So blöd das heutzutage leider klingen mag.

Asian Underground

Also hier ist das Hotel. Da hätte ich ja nur die Straße am Mercado entlang und dann um die Ecke laufen müssen. Drinnen ist es hell und warm. Schöne Farben. Sven, der Promoter vom Beggars-Banquet-Label, sagt, es dauere noch ein bisschen. Die haben noch ein anderes Interview. Super. Da kann ich ja in Ruhe einen Milchkaffee trinken und aufs Klo gehen. Aus einem Grund, den ich nicht verstehe, lande ich auf der Personal-Toilette. Erst auf dem Weg zurück zur Bar sehe ich die richtigen Toiletten. Wieder zu weit gegangen. Ich bin echt daneben. Oder ich schätze die Entfernungen falsch ein, seit ich in Berlin wohne. Der Kellner kapiert nicht, dass ich auf den Label-Deckel trinken darf, ich werde etwas laut, denn ich habe heute schlechte Nerven. Der Typ vom Label sagt, das gehe schon okay. Der Milchkaffee schmeckt gut im Hotel Cristall. Ob Tjinder Singh in echt so süß ist wie auf Fotos? Wieso muss ich das überhaupt wissen? Ich will mir lieber noch mal meine Notizen über den Asian Underground durchlesen.

Bis vor ein paar Jahren war das ja fast eine Art Bewegung. Immigrantenkinder aus den ehemaligen Commonwealth-Staaten, die in der Politik die Wurzeln ihrer Musik sahen. Und deshalb indische Musik und Instrumente mit westlichen Einflüssen verbunden haben. Eine einheitliche Bewegung war es allerdings nie. Zumal sich die Vertreter des radikaleren Asian Underground bald darauf auch via Presse mit traditionelleren Bhangra-beeinflussten Musikern zerstritten haben. Für mich schienen die Cornershop-Songs da immer drüberzuschweben. Mit dieser seltenen Mischung aus Versöhnlichkeit und Gereiztheit. Denn Tjinder Singhs Songwriting macht immer wieder kehrt. Setzt zum Sprung an, Richtung große Gemeinschafts-Hymne, und verwirft sie wieder. Mischt die Ansätze neu. Nimmt etwas Disco, etwas Punk oder Country und verwirft auch davon das meiste. Ersetzt aber auch die Sitar durch die Gitarre oder synthetisiert traditionelle Tabla-Trommeln mit elektronischen Beats. Bis dann dieser eigene Ausdruck entsteht, der einer komplizierten musikalischen Sozialisation gerecht wird.

People Power

Da kommen endlich Tjinder und Ben. Tjinder sagt, er habe heute nacht nur zwei Stunden geschlafen. Er sieht müde aus. Und fast so süß wie auf Bandfotos, wenn auch etwas echter. Wir jammern gemeinsam über den Kälteeinbruch. Dann stehen sie wieder auf. Es müssen noch Fotos gemacht werden. Später setzen wir uns an den Nebentisch und fangen an zu reden. Ich schreibe mit, denn ich habe kein Geld für ein neues Diktiergerät. Kann ja gar nicht sein. Doch. Vielleicht habe ich auch einfach zu viel für Klamotten ausgegeben. Aber eigentlich wüsste ich das. Er soll was über den Entstehungsprozess des neuen Albums erzählen, und was davor passierte.

Tjinder: "Brimful Of Asha" war ein großer Hit, und wir haben uns nach all dem Rummel etwas zurückgezogen. Um herauszufinden, wo wir stehen, was wir wollen. Dann haben Ben und ich gemeinsam das Clinton-Album aufgenommen.

Der Song "People Power" vom Clinton-Album ist auch auf eurer neuen Platte. Er klingt fast am kommerziellsten, sehr melodiös und powervoll.

Tjinder: Ich denke beim Schreiben nicht in Kriterien wie "Melodie" oder "Erfolg". Wir haben einfach Track für Track aufgenommen, und plötzlich war es ein Konzeptalbum. Die Songs hängen zusammen, es gibt Links von einem zum anderen. Es war uns wichtig, da Verbindungen herzustellen. Trotzdem sind die Tracks sehr unterschiedlich. Wir haben uns ganz bewusst für diese Bandbreite entschieden, wollten einen variationsreicheren Sound.

Klingt, als hättet ihr viel laufen lassen und experimentiert.

Tjinder: Ja, genau. Dabei ist das auf dem Plattenmarkt eigentlich gar nicht mehr erlaubt: experimentieren. Alles muss so glatt klingen. Neue Bands kriegen gar keine Chance mehr zu experimentieren. Auch davon handeln unsere neuen Stücke. Von dieser Risikoarmut der Musikindustrie. Dagegen haben wir diese Platte aufgenommen.

Es geht also weniger um das Immigranten-Thema und mehr um die Plattenindustrie?

Tjinder: Es geht um beides, um alles, es geht um die Welt, in der wir leben. Was wir sehen. Wir bieten ja keine Lösungen an, wir beschreiben eher.

Keine Lösungen? Aber die Songs sind voller Slogans und Parolen, die immer wieder auftauchen.

Tjinder: Ja, stimmt.

Und auch musikalisch bietet ihr Lösungen an, oder?

Tjinder: Ja, das stimmt. Einer unserer Grundsätze lautet: nicht wie andere klingen. Nichts tun, was vor einem schon mal gemacht wurde. Das klingt einfach. Aber wenn man es umzusetzen versucht, kommt man ganz schön in Schwierigkeiten. Die Plattenindustrie will schließlich immer nur Musik veröffentlichen, die alle schon kennen. Insofern ist bei uns eigentlich jeder Ton politisch. Das Ästhetische ist politisch.

Ben: Was ist eigentlich mit Rockmusik passiert? Warum ist sie so schlecht geworden?

[Allgemeines Gelächter. Ja, Rockmusik ist wirklich gestorben dieses Jahr.]

Tjinder: Es ist nicht einfach für neue Bands, die starren Regeln der Plattenindustrie zu durchbrechen. Wir möchten sie gerne ermutigen, es zu tun. Die Industrie promotet diese Boy- und Girl-Groups, und es gibt zu wenige, die sich trauen, anders zu sein. Ich weiß nicht, warum wir uns das Leben so schwer machen. Ich habe mich das oft gefragt. Wir bräuchten ja nicht so widerborstig sein. Wir könnten ja auch gefälligere Sachen machen. Wir könnten es wirklich einfacher haben.

Ich schätze mal, ihr spekuliert damit auch auf langfristigen Erfolg, oder?

Tjinder: Ja, stimmt. Mit unserem politischen Konzept haben wir vielleicht dauerhafteren Erfolg. Wir sind nicht so schnell wieder wegzukriegen. Außerdem verstehen wir uns ja auch nicht als Song-, sondern als Album-Band. Unsere Alben haben sicherlich Bestand. Die Leute können die Entwicklung nachvollziehen, die wir hinter uns haben.

Ist das auch Teil eures Konzepts, diese Art von, sagen wir mal, work in progress?

Tjinder: Ja, absolut. Man kann die Schritte der Entwicklung sehen, die wir gegangen sind. Darauf legen wir Wert. Weil es auch bedeutet, dass wir verständlich bleiben.

Geschichte

Tatsächlich hatten Cornershop immer das Privileg, sich in der Öffentlichkeit zu entwickeln. Sie haben viel gemacht und in den letzten zehn Jahren mit unterschiedlichen Leuten und Verweisen gearbeitet. Gleich die erste EP, "In The Days Of Ford Cortina" 1993), wurde von Ex-Membrane John Robb produziert, von einem Typen also, der eigentlich für good old indie ladism steht. Der Lead-Track ihrer zweiten EP "Lock Stock & Double-Barrel" ist nach Jon Savages Buch "England's Dreaming" benannt. Cornershop verstanden das als Statement über Punk. Es habe sich nicht viel getan seit der Punk-Ära. Konsequenterweise arbeiteten sie danach, auf der "Readers' Wives"-EP, komplett mit Sequenzern und Samples.

Und natürlich mit Elementen indischer Volks- und Unterhaltungsmusiken. Eins ihrer reifsten Statements, falls man so was überhaupt sagen kann, war sicherlich die '95er "Woman's Gotta Have It"-CD mit dem glanzvollen 15-Minuten-Mantra "Jullandar Shere". Was für ein Lied. Die britische Presse hatte zu "Woman's Gotta Have It"-Zeiten aber Wichtigeres zu tun, als Cornershop zu lieben. Brit-Pop zum Beispiel. Und vielleicht war "Brimful Of Asha" von der ganz und gar durchhörbaren "When I Was Born ..."-CD auch deshalb ein Hit, weil es darin so überaus deutlich um alte Platten-Labels, also um Vinyl-Fanatismus geht. Auch wenn es zur Abwechslung mal ein asiatisches Mädchen ist, das hier im Plattenrausch taumelt. Das kann jeder verstehen.

Aber natürlich enthält "Brimful Of Asha" auch die wunderschönsten Refrainzeilen aller Zeiten. "She's the one who keeps the dream alive." Wer auch immer damit gemeint ist: die 45er-Single, die asiatischen Girls, Girls überhaupt oder Grrrls. Denn Cornershop haben sich immer der Riot-Grrrl-Bewegung verwandt gefühlt und auch auf Wiija Records veröffentlicht. Davon abgesehen war "Brimful Of Asha" dem indischen Model und Sängerin Asha Bhosle gewidmet. Und manche behaupten, es sei einfach eine moderne Version von Velvet Undergrounds "Sweet Jane". Oder gar eine Mischung aus "Sweet Jane" und "Rock And Roll". In all diesen Songs geht es jedenfalls darum, wie einem Rock'n'Roll und Radio-Hören das Leben retten. Und das reicht ja wohl, um ans Herz zu gehen.

Auch ansonsten war "When I Was Born For The Seventh Time" wieder voller Anspielungen und bekannter Gastmusiker. Das leidenschaftliche Country-Stück "It's Good To Be On The Road Back Home Again" singt beispielsweise Paula Frazer von den leider etwas in Vergessenheit geratenen Tarnation, auf "Candyman" rappte Justin Warfield (Bomb The Bass), und für die Vocals von "When The Light Appears Boy" konnten sie, kurz vor dessen Tod, sogar Alan Ginsberg gewinnen. "Handcream For A Generation" kommt hingegen fast ohne Gastmusiker aus.

Teen Spirit

Ich finde euren Albumtitel "Handcream For A Generation" toll. Auch wenn ich ihn nicht ganz verstehe.

Tjinder: Da gibt es gar nichts zu verstehen. "Handcream For A Generation" kann alles Mögliche bedeuten. Es bezieht sich nicht auf die anderen Songs auf dem Album, sondern richtet sich direkt an das Publikum.

Ist dieses Sprechen zu oder über eine Generation nicht überstrapaziert? Oder ist es gerade euer Versuch, universell zu sprechen?

Tjinder: Es gab schon Leute, die meinten, es würde sie an Nirvana erinnern. Vorhin hat ein Journalist gesagt, "Teen Spirit" sei auch eine Handcreme gewesen. Das wussten wir natürlich nicht.

"Teen Spirit" war ein Deo.

Tjinder: Ja, trotzdem. Handcreme für eine Generation, das ist eine Aussage. Das kann man nicht so einfach erklären.

Es klingt stark.

Tjinder: Ja, genau.

Es ist auch eine Anmaßung. Aber eine witzige, schöne. Als wollten sie es sich nicht nehmen lassen, den Zeitgeist zu repräsentieren. So wie sie sind, so wie sie aussehen, so wie sie klingen. Auch wenn die Briten, siehe Anfangszitat, vielleicht wirklich keine farbigen oder multi-racial Popstars mögen. Und deshalb auch die Generations-Definitionen den hegemonialeren Typen überlassen.

Welche kommerziellen Erwartungen habt ihr?

Tjinder: Ich denke nicht über kommerzielle Erwartungen nach. Wirklich nicht. Ich kann nur soviel sagen: Wir würden uns sicher auflösen, wenn wir gar keinen Erfolg hätten. Das alles macht keinen Sinn, wenn wir nicht gehört werden.

Eure Songs sind voller intellektueller und politischer Verweise und Ideen. Trotzdem macht euch keiner den Vorwurf, "kopflastig" oder "politisch dogmatisch" zu sein. Was ja oft vorkommt, wenn Leute so etwas machen.

Tjinder: Stimmt. Ich bin noch nie blöd angemacht worden, weil ich politische Songs schreibe. Die Leute finden es immer gut und unterstützenswert. Nee, also schlecht hat das noch keiner gefunden.

Er sagt es so, als würde ihn das wundern, aber auch beruhigen. Und vielleicht liegt es auch daran, dass Cornershop wirklich undogmatisch sind. Was immer das sein mag, und soweit das möglich ist, wenn eine Band starke Meinungen vertritt. Und außerdem klingen sie ja auch viel zu groovy, um über den Kopf zu laufen.

Wir reden jetzt über die Gorillaz. Denn ich habe Tjinder gefragt, was er von ihnen halte. Die Gorillaz behaupten ja von sich, sie seien "Gegenkultur". "Bullshit", sagt Tjinder. Das Thema scheint ihm trotzdem gute Laune zu machen. Um nicht zu sagen: das hat schon etwas Dogmatisches, wie wir jetzt über die Gorillaz herziehen. Dogmatismus als Trostspender. "Die sind doch keine Gegenkultur. Die machen genau das, was die Plattenindustrie von ihnen verlangt", behauptet Tjinder. Da ist ihm R'n'B dann auch lieber.

Themenwechsel. Er äußert sich etwas besorgt darüber, dass sie bei Channel 4 einen von den neuen Songs gebannt haben. Kam einfach zu oft das Wort "Shit" drin vor. Im guten wie im schlechten Sinne, wie ich zu verstehen meine. "Wenn das schon so losgeht mit der neuen CD", sagt Ben etwas sarkastisch, und Tjinder muss wieder lachen. Dann schenkt er mir noch die erste CD der Toes. Sie heißt "Garden Of The Toes", enthält die ersten beiden EPs, und Tjinder hat sie mitproduziert. Sie klingt sehr schön und weird. Ich bedanke mich, und wir verabreden uns für später. Es ist eben doch ein Vorteil, das letzte Interview des Tages zu machen. Denn Nacht und Club sind schon so nah.

Sixpack

Es ist halb zwei, und wir sitzen in einer gemütlichen Ecke im Kölner Sixpack. Tjinder ist noch müder als schon zuvor, will aber trotzdem noch ins Studio und tanzen gehen. Im Gegensatz zur britischen Presse, die bei Cornershop immer eher auf den race-Aspekt abhebt, interessiere ich mich für sein Privatleben. Um zwei Uhr nachts redet man ja auch nicht mehr so hingebungsvoll über die Gorillaz. Er ist Vater eines kürzlich geborenen Kindes und hat eine Frau oder Freundin. Er wohnt in einer familienfreundlichen Gegend in London und erzählt mir, ich würde ihn an die eine Frau von Mambo Taxi erinnern. Ich hoffe, er meint nicht die Sängerin, die ist nämlich fett. Die kann er eigentlich nicht meinen.

Ich trinke noch ein Glas Sekt. Tjinder raucht einen Joint. Ich sage, dass ich das okay finde, den Vergleich mit der Mambo-Taxi-Frau, denn irgendwie bin ich ja auch Riot Grrrl. Das hat er sich, wie gesagt, schon gedacht, denn er sagt jetzt: "Was ist nur passiert mit Riot Grrrl? Es gibt gar keine musikalischen Bewegungen mehr, an die wir uns ankoppeln können. Ich fühle mich sehr alleine. Uns fehlen die Mitstreiter." Hm. Ich weiß auch nicht.

Dann reden wir über Literatur. Er mag Kurt Vonnegut, weil der so lustig über Hitler schreiben kann. Und Günther Grass. Wie bitte? "Ja, 'die Blechtrommel'. Mein Lieblingsbuch." Er kann wohl nicht ganz nachvollziehen, warum ich abwehrend schaue. Er findet es jedenfalls total logisch, "die Blechtrommel" gut zu finden. Ich frage ihn nach Hanif Kureishi, da schaut er nun etwas abwehrend. Er erzählt, dass er gerne irgendwas mit Comics machen würde. Ein Kinderbuch vielleicht, weil Comics so eine tolle Kunstform seien. Am besten mit Comics von Freunden. Und deshalb seien ja auch die Gorillaz so schlimm. Wie die diese Comic-Sache ausverkaufen. Ja, klar. Wir trinken noch einen. Es ist Winter, es ist Köln, es ist warm.