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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Point

Cornelius

Japaner lieben es, zu verwirren. Ihr gebrochener Blick auf Phänomene wie westlichen Pop und ihre Versionen dessen hebeln gerne europäische oder US-amerikanische Ansätze entstellend aus - und schaffen Wahnwitziges, auf das wir voll Zoo-esker Lust am Exotischen, aber auch ehrlicher Verwunderung glotze
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Japaner lieben es, zu verwirren. Ihr gebrochener Blick auf Phänomene wie westlichen Pop und ihre Versionen dessen hebeln gerne europäische oder US-amerikanische Ansätze entstellend aus - und schaffen Wahnwitziges, auf das wir voll Zoo-esker Lust am Exotischen, aber auch ehrlicher Verwunderung glotzen können (man denke auch an Martin Büssers Artikel über Japan in der Intro-Kulturaustausch-Sonderstrecke in Intro #81). So wird Fernost in Pop gern wahrgenommen, und dementsprechend inszeniert sich auch der eine oder andere asiatische Künstler. Voller Freude daran, Dinge auf den Kopf zu stellen, Extreme auszuloten, zusammenzufügen, was scheinbar beim besten Willen nicht zusammenpasst. Siehe Melt Banana oder Shu Lea Cheang. Dass derart ambitionierte Kunst aber durchaus auch eingängig, beschwingt, unverkrampft, also leicht und sogar nebenbei im Hintergrund konsumierbar daherkommen kann, anstatt anstrengend nach Aufmerksamkeit und Konzentration zu heischen, beweist Keigo Oyamada a.k.a. Cornelius. Sein Spleen wirkt auch diesmal wieder wie Konzept oder zumindest wie konzeptioneller Wahn. Es treffen sonniger Pop, ungewöhnliche Geräuschsamples, funky Latinorhythmen und vertrackte Breakbeats, Akustikgitarren und Synthesizer zusammen und koexistieren friedlich nebeneinander, bis sie plötzlich von marodierenden Slayer-Riff-Attacken brutal zermörsert werden. Dieses ganze schräge Schauspiel - sein erstes Lebenszeichen seit dem vor vier Jahren erschienenen “Fantasma” - hat der Soundtüftler schließlich mit einer erstklassigen, sehr vielschichtigen und detailverliebten Produktion glänzend in Szene gesetzt. Das trägt neben den Zügen von Kalkulation - also dem Einbeziehen der Rezeptionsästhetik ins Werk - immer noch soviel extended Irrsinns-Power, dass man gar nicht anders kann, als dieses Album am Stück wieder und wieder hören zu wollen. Jeder Song, jede Bewegung wirkt, als wäre sie kurz davor, abzugleiten, Neues aufzureißen oder ähnliches. Zeitgemäßer kann postmodernes Style-Crushing eigentlich nicht gedacht werden als in diesem Kopf, als auf dieser Platte.