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Catch A Cold Auf Hawaii (mit MP3)

Cornelius

Ein japanischer Musiker, der Cornelius heißt? Nichts Ungewöhnliches, wenn man weiß, dass die Japaner Science-fiction-Fans sind und dass Cornelius der Name des Protagonisten aus dem Sci-fi-Klassiker "Planet der Affen" ist. Darin geht es um Menschen und Affen, den Unterschied bzw. Nicht-Unterschied zw
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Ein japanischer Musiker, der Cornelius heißt? Nichts Ungewöhnliches, wenn man weiß, dass die Japaner Science-fiction-Fans sind und dass Cornelius der Name des Protagonisten aus dem Sci-fi-Klassiker "Planet der Affen" ist. Darin geht es um Menschen und Affen, den Unterschied bzw. Nicht-Unterschied zwischen beiden und vor allem um Macht. Der Hype um die Neuverfilmung von "Planet der Affen" ist Cornelius dagegen eher egal. Im Frühjahr erscheint sein neues Album "Point", und im Sommer kommt er auf Europatour.

Point Of No Return

"Point" ist wie ein Hörspiel. Man begibt sich auf eine Reise, die verschiedene Stationen durchläuft. Die einzelnen Tracks sind wie Kapitel einer zusammenhängenden Geschichte. Das Album beginnt und endet mit einem Piano-Ton. Das Geräusch "Point" taucht im Laufe des Albums immer wieder auf. "Point" hat für Cornelius verschiedenste Bedeutungen: Es kann ein Muttermal sein, ein einzelner Bildpunkt oder der Punkt am Ende eines Satzes.

"Point" symbolisiert sowohl den Anfang, den Ursprung von allem, als auch das Ende der Welt, den point of no return. Was er damit sagen will: Das Album ist eine eigene, in sich geschlossene Welt, die man während des Hörens peu à peu kennenlernt. Wie auf einer Reise ändert sich dabei stetig die Perspektive. Change your point of view. Es ist wie ein Spaziergang in der Natur. Die Geräusche, die den Hörer umgeben, verändern sich langsam, bis dieser sich ganz treiben lässt von den Sounds.

Point Of View

Cornelius will mit seiner Musik einen nicht alltäglichen "point of view" vermitteln, die Sinne des Hörers für die magischen leisen und lauten Geräusche des Alltags schärfen. Auch in seinem Leben außerhalb des Produktionsstudios ist er fasziniert davon, die gewohnte Perspektive zu wechseln. Früher erreichte er diesen Zustand auch gerne mal mit Hilfe von diversen bewusstseinserweiternden Substanzen, heute genügt es, wenn er mal erkältet ist und einen dicken Kopf hat. Wenn er dann auch noch an seinem Lieblings-locker-mach-Ort Hawaii ist und sich der Sound der Wellen mit den Klängen der hawaiischen Instrumente vermischt, ist er vollends weggeschossen: natural high auf Hawaii. Deswegen besucht er die Insel auch gerne, obwohl oder gerade weil er dort immer krank wird und Fieber bekommt.

Dann legt er sich auf die Terrasse und genießt es, dass sich die Grenzen von Realität und Fantasie zwischen Himmel und Erde vermischen. Er mag diesen Zwischen-Zustand, wenn er nicht mehr so genau weiß, ob er tot oder lebendig ist. "When you're so sick and feel so bad that you get over that point and feel like flying." High-Sein durch Erkältung: eigentlich eine recht gute Handlungsalternative, um den harten Drogengesetzen zu entkommen, denn in Japan kann man schon mal für ein paar Tage im Kittchen landen, wenn man mit einem Joint erwischt wird.

Aber nicht alles in seiner Soundwelt ist gespeist durch andere Erfahrungswelten. Cornelius verarbeitet Sounds der Umwelt und Natur. Alltagsgeräusche wie Vogelgezwitscher und Wassertropfen werden zu Rhythmus.

Bei Konzerten hingegen setzt er auf die Schnittmenge aller Dimensionen. Cornelius mag das Gefühl, in einer Art Zwischendimension zu sein. Seine Konzerte sind wie ein LSD-Trip auf japanisch. Die Live-Auftritte sind bis ins Detail durchgeplante Performances mit Light- und Videoshow und krachenden Gitarren. Hinter der Bühne flimmern Bild-Schnipsel aus Mangas, Animés oder japanischen Fernsehsendungen, die exakt auf jeden einzelnen Ton der Musik abgestimmt sind. Der Beat läuft synchron mit dem Video-Beamer.

Farbenlehre, Roboter und Bocklosigkeit

Früher war seine Musik - z. B. die letzte CD "Smoke" - für Cornelius orange; die Farbe, die man sieht, wenn man die Augen schließt und die Sonne durch die Lider scheint - wie ein psychedelischer Kindheits-Traum. Sein neues Album "Point" empfindet Cornelius dagegen als Blau. So blau wie die Erde, wenn man sie aus dem Weltraum betrachtet. So blau wie Wasser. Selbiges spielt im Track "Drops" die Hauptrolle: Scheinbar zufällige Wassertropfen bilden zunächst unmerklich und dann immer deutlicher einen Grundrhythmus.

Das letzte Stück ist ein Remix des berühmten Samba-Klassikers "Brazil", das auch im gleichnamigen Science-fiction-Film von Terry Gilliam vorkommt. Im Auftrag der japanischen Auto-Firma Honda produziert, wurde der Remix zunächst für einen Werbespot verwendet, in dem ein High-Tech-Roboter Sehnsucht nach alten Zeiten hat. Ein Sinnbild für Cornelius' eigene Musik.

Ein Jahr dauerte die Arbeit an "Point", allerdings mit Pausen: Urlaub, Heirat, Cornelius wurde Vater, und manchmal verließ er sein Studio wieder, einfach, weil er keine Motivation hatte. Auch japanische Musiker kämpfen zuweilen mit Bocklosigkeit.

Die Autoren betreiben das in Frankfurt ansässige Label Shibuyahot, das auf japanische Pop-Produktionen spezialisiert ist.

Von Cornelius gibt es bei intro.de auch ein MP3.