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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Exklusiv: Das Interview

Cooper Temple Clause

Die Briten The Cooper Temple Clause kommen immer ein wenig spät, zumindest wenn es darum geht, den Windschatten eines laufenden Hypes zu nutzen. Nicht, dass sie das nötig hätten, wie sie im Exklusiv-Interview hinreichend erklären.
Geschrieben am

Die Alternative-Rocker The Cooper Temple Clause aus dem englischen Reading scheinen angesichts der letztjährigen UK-Hypes schon fast ein wenig dated daherzukommen. Andererseits geben sie sich auch nicht annähernd Mühe, mit den Up-And-Comings von der Insel mitzuhalten. Warum auch? Intro-Autor Daniel Koch traf Sänger Ben Gautrey und Biassist/Gitarrist Dan Fisher zum Interview, was sich letztlich als lehrreiche Lektion in Sachen Album-Genese entpuppte...


Es hat ja ziemlich lange gedauert, bis 'Make This Your Own' endlich spruchreif war. Die letzte Platte liegt ja auch schon eine halbe Ewigkeit zurück...
Ben: Stimmt, es hat sehr lange gedauert. Das lag zum Teil daran, dass wir ein paar Monate in den Staaten auf Tour waren. Gemeinsam mit The Cure, was eine tolle Erfahrung war. Danach haben wir uns in unser eigenes Studio, The Bleakhouse, zurückgezogen und langsam angefangen, Demos aufzunehmen. So richtig voran kamen wir da aber auch erst nicht. Wir fühlten uns ein wenig ausgebrannt, also versuchten wir mit den neuen Songs auch einen neuen Sound zu finden, damit wir nicht länger auf der Stelle treten, und als Band gefordert sind. Anfangs haben wir wieder mit Dan Austin gearbeitet, der 'Kick Up The Fire...' produziert hat, aber dann haben wir uns einen neuen Produzenten gesucht. Wir haben uns für Chris Hughes entschieden - er hat früher bei Adam & The Ants gespielt. Das hat vieles geändert. Chris war der erste, der auch mal unser Songwriting konstruktiv kritisiert hat. Er hat wirklich versucht, uns als Musiker und Songwriter herauszufordern. Außerdem hat er einen völlig anderen musikalischen Background, da er einer anderen Generation entstammt. Er stand auf Musik und Bands, mit denen wir uns nie befasst haben. Das war sehr inspirierend. Ich glaube, dieses Album hat dadurch an Tiefe gewonnen. Hinzu kommt noch, das Dan und Tom jetzt auch öfter singen. Es sind Songs drauf, die für uns erstaunlich melodisch und zugänglich klingen, aber es gibt auch das genaue Gegenteil: Massive noise, like a screwdriver to the head. Das Album ist sehr eklektisch geworden. Jeder der uns kennt, weiß, dass das schon immer so war, aber bei der Songauswahl auf diesem Album sind die Wechsel noch extremer.

Das war jetzt also der Werbeblock fürs neue Album...
Dan: (lacht) Yeah, man - das gehört sich doch auch so!

Stimmt schon. Ihr habt mir vor unserem Interview erzählt, dass ihr euch gerade um die Tracklist fürs Album prügelt. Ist `ne schwierige Sache, oder?

Ben: Ehrlich gesagt ist es ein Albtraum.
Dan: Das ist nie leicht und immer ein Reizthema in der Band. Das - und die Setlists für Live-Shows.
Ben zu Dan: Was meinst du, sollte der Opening Track sein?
Dan zu Ben: Der Opening Track auf dem Album?
Ben zu Dan: Yeah.
Dan zu Ben: Das ist schwierig. Ich würde sagen: 'Head'. Oder 'Once More With Feeling'? Keine Ahnung. Mir wäre am liebsten, wir schreiben die Namen auf Zettel, schmeißen sie in einen Topf, machen eine Auslosung - und schon steht unsere Tracklist.
Ben zu Dan: Meinst du das ernst?
Dan zu Ben: Yeah.
Ben zu Dan: Was wäre, wenn man das bei Pink Floyds 'Dark Side Of The Moon' getan hätte?
Dan zu Ben: Es wäre ein besseres Album geworden.
Ben: Das ist doch mal exklusiv. Fisher erzählt uns, er könne 'Dark Side Of The Moon' besser machen.
Dan: Genau so ist es.

Können wir das hier jetzt als historischen Moment verbuchen? Und in den Credits eures Album vermerken: Der Opening Track wurde in einem Interview mit dem Intro-Magazin entschieden?
Dan: Ja, können wir. Der erste Track wird 'Head' sein. Das habe ICH somit entschieden. (lacht)
Ben: Wir werden noch ein paar Monate abwarten müssen, ob das tatsächlich so sein wird...(Anmerkung des Verfassers: War leider nicht so - der Opening Track wurde 'Damage')Ihr hattet bei euren Auftritten damals auf dem "Haldern Geht Zelten"-Festival schon die neue Single 'Damage' verkauft...
Ben: Das ist nicht wirklich eine Single im herkömmlichen Sinne. Es ist einfach der erste Track, den die Fans zu hören bekommen konnten. Wir hatten ihn auch als Gratis-Download auf unserer Homepage. Es gab keine Veröffentlichungskampagne, keine Werbung. Wir haben ihn einfach kommentarlos zur Verfügung gestellt und für die Konzerte ein paar CDs gepresst. Wir haben das in erster Linie für die Leute gemacht, die uns noch auf dem Schirm haben, unsere Website besuchen und zu unseren Gigs kommen. Sie sollten die ersten sein, die unser neues Material zu hören bekommen. Es sollte schon eine Art Geschenk an die Fans sein, auch wenn das jetzt platt klingt.

Habt ihr daraufhin Reaktionen bekommen? Gerade nach so einer langen Pause, wäre das ja auch ein guter Weg, um mal zu testen, ob man die Fans noch mit seiner Musik erreicht.
Dan: Ja, aber wir haben beschlossen, sie zu ignorieren. (lacht) Das ist viel zu spät, Mann! Wir können eh nix mehr ändern.

Klingt nach einer weisen Entscheidung...
Dan: Genau. Es war sowieso schon so, dass wir mit einem neuen Album immer auch ein paar Fans vor den Kopf stoßen, weil wir so oft die Richtung wechseln. Die Reaktionen waren aber überwiegend positiv. Nur ein paar haben gemeckert, sie könnten damit nichts anfangen. Aber das war immer so, wenn wir was Neues machen, also hat es uns nicht überrascht. Wir hoffen, dass unsere Fans einfach akzeptieren, dass wir eine Band sind, die sich weiterentwickeln will, und sich mit jedem Album ein Stück weit neu erfindet.
Ben: Aber wir sind optimistisch. Wir haben schon ein paar Shows auf der Insel gespielt, wo wir teilweise sieben neue Songs in der Setlist hatten - das ist schon ganz schön schwer zu schlucken als Konzertbesucher. Und trotzdem kamen viel nach der Show zu uns und sagten uns, dass sie die neuen Songs mochten, dass sie z.B. 'Damage' mochten. Das war sehr ermutigend, zu sehen, dass die Songs auch in der Live-Umsetzung funktionieren.

Was hat es denn mit dem Titel 'Make This Your Own' auf sich?
Dan: Der Titel ist eine Art Aufforderung an unsere Fans. Ohne ihre Unterstützung in den letzten drei Jahren wäre unser Bandgefüge irgendwann sicher implodiert. Ihre Loyalität und ihre permanente Unterstützung und Motivation auf unserer Website haben uns am Leben gehalten. Ohne die Fans sind wir nichts, deshalb sollen sie das Album als Geschenk von uns sehen. Es gehört ihnen - das soll der Titel ausdrücken.

Mich hat es ehrlich gesagt auch überrascht, dass ihr immer noch die Clubs gut voll bekommt, wenn ihr mal für ein paar Gigs nach Deutschland kommt. Man sieht immer noch Jungs und vor allen Dingen Mädels mit Team Cooper-Shirts von Eurem Fanclub...
Ben: Yeah, Team Cooper is still getting strong!

Ihr wart ja echt lange weg vom Fenster. Und das in einer Zeit, die für UK-Musik in Deutschland nicht besser hätte sein können. Inzwischen scheint man den UK-Hype wieder ein wenig über zu haben - und genau dann kommt ihr zurück. Denkt ihr manchmal, ihr lasst euch mit dem Album zu viel Zeit und seit jetzt zu spät dran?
Ben: Nein, überhaupt nicht. Das geht uns am Arsch vorbei. Teil einer Szene, oder einer Bewegung zu sein - das ist nicht der Grund, warum wir angefangen haben, Musik zu machen. Wir kommen ja aus Reading bei London, eine Art Satellitenstadt für Londoner Angestelle. Leute, die in London arbeiten, haben ihr Häuschen in Reading, um sich vorzumachen, sie wohnten auf dem Land. Kulturell gesehen ist die Stadt komplett tot. Es gibt zum Beispiel nicht eine Venue, in der junge Reading Bands auftreten können - und das obwohl wir mit dem Reading-Festivals. eines der ältesten und größten Rockfestivals in der Stadt haben. Als wir damals anfingen, auf Konzerte zu gehen, und später unsere Band gründeten, mussten wir immer nach London fahren. Man gehörte also nie richtig dazu und musste sich eine eigene Bandidentität schaffen. Als wir unser Debüt veröffentlichten, war gerade dieses New York-Movement aktuell, und eine Menge englischer Bands probierten auf einmal, wie New Yorker zu klingen. Bei unserem zweiten Album war es dann wieder eine andere Szene. Und jetzt haben wir dieses - wie nennt's sich noch gleich?
Dan: Das läuft unter "Post-Punk", oder nicht?
Ben: Im Grunde ist es doch bloß die Wiedergeburt von schlechtem Britpop. Unser Album erscheint für uns genau im richtigen Moment. Wir wollen nichts überstürzen.
Als euer Debüt 'See Through This And Leave' damals rauskam, hatte euch die englische Hype-Presse ja auch ein wenig im Visier. Allerdings hat man da mehr über eure Frisur gelesen, als über eure Musik. Der NME hatte sogar mal Cooper-Styling-Tips zum Ausschneiden...

Ben: Ja, ja, ja... Kannst - du - bitte - aufhören - uns - daran - zu - erinnern?

Geht klar. Aber habt ihr nicht Angst, dass das wieder losgeht? Dass wieder keiner auf die Musik achtet? Euer Name ist in der Presse ja auch erst wieder aufgetaucht, seit eurer Ex-Basser Didz bei den Dirty Pretty Things klampft.
Dan: Ach nein, da haben wir keinen Schiss vor. Wenn irgendjemand wieder anfängt, mehr über unsere Frisuren zu schreiben - das ist doch einfach schlechter Musikjournalismus, oder nicht? Is' nicht persönlich gemeint! (lacht) Ich hoffe, diese Zeiten sind vorbei. Die Songs sind definitiv stark genug, um für ausreichend Gesprächsstoff zu sorgen.

Wenn man euch live sieht, fällt schnell auf, dass bei euch irgendwie jeder alles zu spielen scheint. Ihr schiebt immer die Instrumente von einem zum anderen, jeder darf mal singen...
Dan: Stimmt, und das ist noch schlimmer geworden, seit dem Didz weg ist, und wir nur noch zu fünft sind. Zurzeit ist es hektischer auf der Bühne als je zuvor.

Funktioniert ihr im Studio denn ähnlich? Ich stelle es mir ziemlich schwierig vor, so einen halbwegs strukturierten Song zu bauen.
Dan: Das ist unterschiedlich. Wir jammen gerne, aber oft ist es auch so, dass einer mit einem fertigen Song ankommt und jedes Bandmitglied fügt noch etwas hinzu, wenn wir ihn ausarbeiten. Bei diesem Album hat sich das ein wenig geändert. Wir sind mit einem Haufen Demos ins Studio. Wir hatten wieder diese riesigen, lauten Songs, die man von uns erwartet. Und dann kam Chris Hughes und schlug vor, sie mal ganz reduziert, nur mit Vocals und Akustik-Gitarre, zu spielen, um zu sehen, ob sie als Song überhaupt funktionieren. Das war sehr spannend, weil wir das noch nie gemacht hatten. Vor allen Dingen hat es uns geholfen, unser Songwriting kritisch zu betrachten, und zu verbessern. Ein paar der Songs haben wir dann auch so reduziert belassen. Deshalb vielleicht die extreme Sound-Spannbreite der Platte.

Schreibst du die Texte denn immer noch alleine, Dan?
Dan: Diesmal haben Tom und ich fifty-fifty gemacht. Und Ben hat auch einen Text geschrieben. Thematisch hat sich einiges geändert. Das erste Album war jung und wütend. Das zweite war dann eine weitaus düstere Angelegenheit. Wir waren jahrelang - zu lange - auf Tour gewesen und dadurch ging es vielen von uns privat ziemlich beschissen. Wir alle hatten Schwierigkeiten wieder mit unseren Freundinnen oder mit unseren alten Freunden klar zu kommen. Das dritte Album ist nun ein sehr erwachsenes, reflektierendes. Wir haben viel mehr erlebt als Band, und stehen dadurch enger zusammen als je zuvor. Es handelt davon, alte Scherben aus dem Weg zu räumen und einfach weiter zu machen, klar zu kommen. Das Album ist also ein wenig positiver ausgefallen.

Im Februar kommt ihr dann ja wieder auf Deutschland-Tour...
Ben: Definitiv. Deutschland ist sozusagen unser zweites Zuhause, wenn nicht sogar das erste.
Dan: Yeah, wir sind in Deutschland größer als auf der Insel... (lacht)
Ben: Die Gigs in Deutschland sind immer klasse. Und die Partys danach erst...

Ihr hängt dann oft noch DJ-Sets von euch dran, oder?
Ben: Ja, manchmal. Wenn ein guter Club in der Nähe ist, wo man so was machen kann. Wir werden das beibehalten. Aber die guten DJs sind Tom und John. Kieran, ich und Fisher sind...
Dan: ...beschissene DJs.
Ben zu Dan: Hey, nicht wirklich beschissen, Mann. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein und lass dich nicht so auf der Bank hängen, Rücken gerade, Kopf hoch!
Dan: Ach, komm...
Ben: Nein, wirklich. Dieser Mann hier hat immerhin letztens Weezer aufgelegt und die Leute sind komplett durchgedreht...
Dan: Ja, ich gönne mir manchmal meine Gastauftritte...
Ben: Er ist unser Auswechselspieler.
Dan: Yeah, ich bin unser Aaron Lennon. Ich werde eingewechselt, reiß das Publikum mit - und verschwinde wieder, ohne dass es wirklich was gebracht hat. (lacht)
Ben zu Dan: Die Leute reden immer noch darüber, wie du Muse und Radiohead hintereinander bespielt hast...
Dan: Yeah! 'National Anthem' nach 'Newborn' - what a mix!
Ben: That mix went down in history.