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Wenn Musiker ins Träumen geraten

Contriva / Iso 68 / Barbara Morgenstern

Was alles passieren kann, wenn Musiker ins Träumen geraten. Da ziehen Berliner für einige Zeit aufs Land, um so etwas wie Country ohne Western einzuspielen. Da werden zwischen München und Hamburg so lange Sounds hin- und hergeschickt, bis das Ergebnis geschmeidiger klingt als das Fahrgeräusch eines
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Was alles passieren kann, wenn Musiker ins Träumen geraten. Da ziehen Berliner für einige Zeit aufs Land, um so etwas wie Country ohne Western einzuspielen. Da werden zwischen München und Hamburg so lange Sounds hin- und hergeschickt, bis das Ergebnis geschmeidiger klingt als das Fahrgeräusch eines ICE. Und dann kommt schließlich auch noch der Chanson nach Berlin zurück, von pumpendem Funk schwer durchgerüttelt. Drei Beispiele, die zeigen, dass es sich lohnt, eine Melodie auf die Reise zu schicken.

Auf dem Lande

Es ist kein Rock, wurde aber in Rockbesetzung eingespielt. Pop ist es auch nicht, strahlt aber so leicht über beide Backen wie Frühachtziger-Indiepop. Oder macht es Sinn, Contriva als Clubmusik in klassischem Bandformat zu bezeichnen? Dagegen wehrt sich Masha Qrella auf jeden Fall: "Dieses Club-Act-Ding finde ich persönlich eher langweilig, vor allem live. Ich will sehen, wer hinter den Sachen steckt."

Contriva kommen aus Berlin. So wenig ihr zweites Album "If You Had Stayed" trotz Gitarre, Bass und Schlagzeug nach Rock klingt, so wenig klingt die Musik nach Großstadt. Die CD-Gestaltung deutet es bereits an: sehr viel Landschaft, Wasser, Berge, Himmel. Musik, die zum weitschweifigen Blick in die Ferne einlädt. "Das schönste Kompliment zu einem Song ist, wenn mir jemand sagt, dass er sich wie auf Reisen gefühlt habe", erzählt Rike. "Wir können ja mit Instrumentalmusik nur über die Titel Hinweise geben, welche Bilder uns beim Komponieren vorschwebten. Und schon immer spielten Reisen und Natur - als Ausflug, Suche - eine große Rolle. Gerade als Stadtkinder, wie wir es sind, trägt das eine gewisse Romantik und Melancholie in sich. Man träumt von anderen Orten und besseren Zeiten."

Also hat sich die Band für ihre Aufnahmen aufs Land zurückgezogen, begleitet von Mez und Stefan "Pole" Betke, die für leichte elektronische Tupfer sorgten. Um Hipness oder Anbindung an trendige Sounds ging es dabei allerdings nicht - "If You Had Stayed" klingt eher traditionalistisch, wie eine Art imaginäre, an keinen Ort und kein Datum gebundene Form von Country. Immer wieder weiche, jazzige Akkordverschiebungen, die fast schon an Pat Metheney andocken, zum Glück eben - nur fast. Hinzu kommt eine leicht perlende Akustikgitarre, umspielt von Rock-Akkorden, die es tunlichst vermeiden, nach vorne loszubrechen. Diese Art der Zurückhaltung, also entgegen aller Rock-Härte eingesetzte Rockmusik, wäre vor wenigen Jahren noch mit dem Etikett Postrock versehen worden, aber auch diesen Vergleich sind Contriva müde. Die Einfachheit der Stücke, erzählt Max, "ist uns als Abgrenzung wichtig, da die meisten bedeutenden Instrumentalbands, zum Beispiel Tortoise oder Mogwai, eher Songstrukturen auflösen. Es ist zwar nicht so, dass wir brutale Ohrwürmer fabrizieren, aber Strophe, Refrain und Bridge haben unsere Stücke fast immer. Eigentlich komisch, dass man sich damit von Bands abgrenzen kann."

Es geht also nicht zuletzt um Entspannung, was Titel wie "After Work Club" und "Seaside" bereits andeuten. Aber auch um Entkrampfung. Hier müssen Strukturen nicht mehr dekonstruiert werden, hier trifft eher der etwas unpopulär gewordene Begriff Fusion zu: Dinge fügen sich harmonisch zueinander. Aber was ist es, was sich da fügt? Folk, Country, Surf und britischer Eleganz-Pop - hier sei kurz an das èl-Label erinnert - haben Spuren hinterlassen, doch keines dieser Elemente gewinnt die Oberhand, alles umschlingt einander nahtlos, während draußen - wie auf Track #8 - die Vögel zwitschern. Wer Vergleiche will, sollte nicht bei Postrock suchen, sondern eher bei der lockeren Instrumentalmusik von Pell Mell, einer leider schon wieder vergessenen SST-Band aus den Achtzigern, die Max als häufig übergangenes Vorbild ansieht. "Ich war wahrscheinlich schon Pell-Mell-beeinflusst, bevor ich überhaupt was von denen gehört habe." Was beide miteinander verbindet und was pro Jahrzehnt vielleicht auch nur einmal dermaßen gelungen das Licht der Welt erblickt, bringt Max auf den Punkt: "Dass eine Band in klassischer Rockbesetzung Pop-Instrumentals macht."

Ballast abwerfen

Ein paar Autostunden von Berlin entfernt, allerdings in zwei verschiedene Richtungen, haben Iso 68 zu einem ähnlich entspannten Ergebnis gefunden. Wiederum ganz anders, ohne Gitarren, vorwiegend elektronisch, geradezu in Loops vernarrt. Iso 68, das sind Florian Zimmer aus München - auch von Lali Puna bekannt - und der Hamburger Kante-Mitstreiter Thomas Leboeg. Gibt es da so etwas wie ein neu entstandenes Dreieck zwischen dem Berliner Kreis um Monika Enterprise, Hamburg und der süddeutschen Hausmusik-Connection? Immerhin hat Contriva-Gitarrist Max bereits Notwist auf deren Tour begleitet. Natürlich findet ein Austausch statt, sagt Florian "Flow" Zimmer: "über reden, Platten auflegen, Platten kaufen, gegenseitig Tapes machen", aber das sollte jetzt nicht veranlassen, schon wieder irgendeine neue Schule auszurufen. An verschiedenen Orten entstehen einfach ähnliche Ansätze, wenn auch zum Glück mit je eigenen Mitteln. Entschlackung, fließende Popstrukturen und Fusion spielen auch bei Iso 68 eine wichtige Rolle. Jede Nummer habe einen Ambient-Kern, so Flow, "der erst mal so gut funktionieren muss, dass man ihn stundenlang nebenbei hören könnte." Aus dem Kern geht dann die Frucht hervor, mal Kontrabass, mal Streicher, Klavier oder eine fast mädchenhafte Frauenstimme.

"Unsere Musik ist auf jeden Fall träumerisch", sagt Flow fast mit denselben Worten wie Rike von Contriva, "vielleicht im Sinne von umherschweifend." In beiden Fällen weiche Übergänge, Harmonie, aber keine festen stilistischen Zuweisungen. Diese Offenheit, das schweifend Assoziative, sorgt dafür, dass weder Contriva noch Iso 68 wirklich eskapistische Musik machen, die sich im bloßen Lounge-Aspekt erschöpft. Interessant ist allemal, dass Iso 68 mit "Here There" ihre flächigste Platte aufgenommen haben und zugleich eine gewisse kantige Vergangenheit nicht verleugnen können. Auf Pop-Einflüsse wie New Order angesprochen, entgegnet Thomas: "Generell ging in Sachen Popmusik sehr viel an mir vorbei, da ich mich zu dieser Zeit hauptsächlich für US-Hardcore interessiert habe, SST, Dischord etc. Pop kam da eigentlich nur durch Bands wie die Feelies, Hüsker Dü oder die Wipers vor." Trotzdem suchen Iso 68 für sich nicht mehr nach der konfrontativen Geste von damals. "Große Gesten müssen einem auch liegen", schränkt Thomas ein, "und da bin ich jetzt im Sinne von Konfrontation nicht der Typ, der mit ausladender Geste auftritt und Dinge einfordert." Und Flow ergänzt: "Seit ich vor ein paar Jahren David Toops Buch 'Ocean of Sound' gelesen habe, fühle ich mich von eskapistischen Vorwürfen befreit. Dass Musik als Konfrontation allerdings immer noch funktioniert, konnte man in Hamburg bei den Demos für die Bambule-Erhaltung hören."

Contriva sind nach außen gewandt, locken zur weiten Reise, bei Iso 68 dagegen deuten schon die Kopfhörer auf dem Cover an: die Reise geht nach innen. Bereits der musikalische Entstehungsprozess gestaltete sich wesentlich introvertierter, fast wie eine Art kontinuierliche Entschlackung. Aus einem Berg aus Einflüssen und Ideen ist am Ende eine Platte herausgekommen, die völlig konzentriert und alles andere als zitathaft überfrachtet wirkt. "Wir haben uns im Hausmusik-Laden nach Geschäftsschluss immer wieder jede Menge Platten angehört", erzählt Thomas. "Hörbeispiele im positiven wie negativen Sinne, sei es die millionste Laptop-Krach-Platte, die tausendste freundliche Indiedata-Platte oder Songschreiber wie Bonnie Prince Billie." Am Ende mag das alles inspirierend gewirkt haben, kommt bei Iso 68 jedoch nicht wirklich als Zitat vor. "Here There" klingt eher nach einer Arbeit, die möglichst viel historischen Ballast von sich wirft.

"Wir waren schon immer an reduzierten Ideen interessiert", sagt Thomas. "Auf der ersten Platte waren jedoch mehr Samples dabei, hauptsächlich von irgendwelchen Flohmarkt-Schallplatten. Ich hatte die Idee, aus Musik, die man überhaupt nicht mag, Musik zu machen, die einem gefällt." Das klingt ein bisschen nach dem Akufen-Prinzip, Berge von akustischem Müll in schillernde Tracks zu verwandeln, scheint aber auf "Here There", der dritten Veröffentlichung, keine große Rolle mehr zu spielen. Konkrete Zitate sind kaum mehr auszumachen oder verschwimmen zumindest. "Ich habe meinen Zugang zur elektronischen Musik weitgehend über Ambient gefunden", erzählt Flow, "über Seefeel und Biosphere." Genau dort sind sie auf ihre Art wieder angekommen - bei jenem Sound, auf den die Floskel organisch irgendwie zutrifft.

Against Niedlichkeit

Barbara Morgenstern ist Labelkollegin von Contriva. "Nichts Muss" wurde von Stefan "Pole" Betke produziert, der auch an der Entstehung der neuen Contriva beteiligt war. Und noch einen Zirkelschluss gibt es: Barbara Morgenstern arbeitet mit Text, genauer gesagt mit sehr assoziativen, bildreichen und deutschsprachigen Texten, die eine gewisse Analogie zu Hamburg aufweisen, auch wenn sich dort natürlich alle wehren, von irgendeiner Schule zu sprechen. Diese durchgängige Verwendung von Text unterscheidet sie wiederum von Contriva und Iso 68, sorgt für eine gewisse Spannung - "Nichts Muss" funktioniert auf mehreren Ebenen. Der freie Fall ins Wolkenkissen ist nur bedingt möglich. "Die Mischung hat mit meinen ganzen Vorlieben zu tun", so Barbara. "Es soll also tanzbar sein, gleichzeitig mag ich aber auch Songs und finde es für eine Platte wichtig, dass man ihr zuhören kann, dass sie nicht nur nebenher läuft. Live ist das wiederum etwas anderes, da ist es mir natürlich lieber, wenn sich die Leute zu meiner Musik bewegen."

Dass bei ihr beides möglich ist und einander durchdringt - wenn auch nicht ohne gewisse Reibungsflächen -, macht vor allem der achtminütige Titeltrack deutlich. Am Anfang dominiert noch die Songstruktur, Gesang steht im Vordergrund, doch langsam schält sich ein Groove raus und erhält mächtiges Eigenleben, peitscht schließlich die zweite, instrumentale Hälfte von "Nichts Muss" durch und gehört zum Funkigsten, was mir seit langer Zeit untergekommen ist. Hier ist selbst zu Hause kein Stillsitzen mehr möglich. Barbara lacht: "Das ist genau aus einer Live-Situation heraus entstanden. Live willst du das Stück nach seinem regulären Aufbau noch nicht beenden, ziehst es also in die Länge. Genau diesen Übergang habe ich auch auf Platte bewahrt. Insofern ist es ganz gut, dass viele Stücke erst einmal live erprobt wurden, bevor sie ihren Weg auf die Platte gefunden haben."

Ähnlich wie die Alben von Contriva und Iso 68 hat auch "Nichts Muss" einen durchgehenden Flow, doch hier geht es nicht um das Landschafts-Spiel, hier bleibt alles im Club, also unter künstlicher Beleuchtung. Trotz allem Groove kehrt Morgenstern das Artifizielle, also Gemachte ihrer Musik hervor. Ein zentrales Anliegen ist es, Gewohntes zu umgehen, Klischees zu vermeiden. Der Auftakter "Aus Heiterem Himmel" basiert auf einer Klaviermelodie, die Barbara schon sehr schnell nicht mehr gefallen hat - sie war ihr "zu bluesig" -, also wurde geschnitten und umarrangiert. Dieser Aspekt ist sehr wichtig, denn bei aller Vorliebe für flächige Sounds und eine gewisse behagliche Grundstimmung vermeidet Barbara Morgenstern, mit Wohlklang oder gar Niedlichkeit in Verbindung gebracht zu werden. "Die Monika-Musiker sind lange Zeit mit diesem putzigen Wohnzimmer-Image versehen worden. Bands wie die Quarks haben daran ja ganz bewusst gearbeitet, aber ich finde nicht, dass es auf meine Musik zutrifft. Ich komme eher aus dem Umfeld von Musikern wie To Rococo Rot und Pole, was mit niedlich eigentlich nichts zu tun hat."

Barbara Morgenstern wechselt gerne die Plattform, will sich alles offen halten. Es kann durchaus sein, dass sie demnächst mal eine reine Songwriter-Platte macht, die elektronische Musik wird sie jedoch nicht aufgeben, "schon alleine deshalb nicht, weil es eine internationale Sache ist, weil man damit nicht im eigenen Land und der eigenen Sprache feststeckt." Nun ist aber erst einmal Zeit, sich an einer Platte abzuarbeiten, die in ihrer Verzahnung von Techno und Chanson so eigenwillig ist, dass sie internationales Format besitzt, nämlich auch dann staunen lässt, wenn man die Sprache nicht versteht.