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Consolidated

Tausende von jungen Amerikanern wurden wahrscheinlich nach dem Erwerb der folgenden vier CONSOLIDATED-Informationsprojekte (profaner auch als LP oder CD zu bezeichnen) und ganz besonders nach dem Besuch eines ihrer Konzerte in tiefe Verwirrung über ihr gewohntes idyllisches Weltbild vom "Home of the
Geschrieben am

Autor: intro.de

Tausende von jungen Amerikanern wurden wahrscheinlich nach dem Erwerb der folgenden vier CONSOLIDATED-Informationsprojekte (profaner auch als LP oder CD zu bezeichnen) und ganz besonders nach dem Besuch eines ihrer Konzerte in tiefe Verwirrung über ihr gewohntes idyllisches Weltbild vom "Home of the Brave, Land of the Free" gestürzt. Die kompromißlose Darstellung ihrer politischen Auffassungen, nie durch schlichte Unterhaltung in ihrer beklemmenden Wirkung gemindert, brachte Sherburne, Pistel und Steir den Ruf ein, intelligent, politisch und für den Hörer sehr anstrengend zu sein. Songs wie "America Number One" oder "White American Male" sowie die gnadenlose Realitätsnähe und Direktheit ihrer durch Video und Dia-Projektionen noch eindringlicheren Life-Auftritte lösten in Amerika und wenig später auch beim internationalen Publikum Reaktionen aus, die irgendwo zwischen aggressiver Ablehnung und fast religiösen Erkenntnismomenten lag. Dabei geht es den drei Kaliforniern nur darum, durch ihre persönlichen Überlegungen andere zum Nachdenken zu bewegen und zur Diskussion anzuregen (Der Autor wurde von den CONSOLIDATED-Musikern deshalb auch jedesmal berichtigt, wenn er vergaß, eine "persönliche Sichtweise" im Zusammenhang mit den Statements ihrer Tracks zu erwähnen.).
Nicht zum Nachdenken oder zur Diskussion aufgelegt waren offensichtlich HOUSE OF PAIN, mit denen CONSOLIDATED im Juli auf Tour gehen sollten. Diese Abmachung wurde von Managern und Touragenten getroffen, um besser große Säle zu füllen. Marc Pistel erläutert: "HOUSE OF PAIN verkaufen wahrscheinlich wesentlich mehr Tickets als wir, aber um die großen Hallen vollzubekommen, gefiel vor allem deutschen und britischen Promotern die Idee, uns mit hineinzunehmen." Als die Musiker der Hardcore-HipHop-Posse mit dem "Special Irish Flavour" jedoch das erste Mal einem CONSOLIDATED-Gig beiwohnten, ließen sie verlauten: "Da, wo die spielen, treten wir nicht auf!". Was natürlich zur Konsequenz hatte, daß sich die Tourmanager wieder von CONSOLIDATED trennten. Trotz entgegenlautender Gerüchte kam es daraufhin zwischen den Bands nicht zu Handgreiflichkeiten, dazu gab es auch gar keine Gelegenheit, denn es kam nie zu persönlichen Kontakten. Eigentlich verwunderte diese Entwicklung die CONSOLIDATED-Mitglieder auch nicht weiter. Ein etwas resigniert wirkender Adam Sherburne meint dazu: "Die kamen einfach nicht mit unseren 'Anti-America Number One Statements' klar, es war völlig absehbar, daß es eine Menge inhaltliche Differenzen mit HOUSE OF PAIN geben würde. Das macht uns aber nichts aus, solange wir bezahlt werden und unser Programm durchziehen können. Gerade die Auftritte mit Bands wie HOUSE OF PAIN und deren Publikum sind für uns sehr wichtig." - "Wir haben damit gerechnet, daß es drei oder vier Auftritte lang gut geht, daß es keine vier Songs dauerte, kam allerdings auch für uns etwas überraschend.", ist alles, was Phillip Steir dazu bemerken mag. Die Drei aus San Francisco sind jedenfalls die deutlichen moralischen Sieger, und uns Nicht-Amerikanern bleibt wohl nur ein irritiertes Kopfschütteln ob der Tatsache, daß schlichte Kritik am Mythos Amerika die gerne als "Tough Guy's" auftretenden HOUSE OF PAIN-Musiker so erschreckt, daß sie jegliche Konfrontation scheuen. Andererseits wäre eine solche, bei einem für die New Yorker offensichtlich so sensiblen Thema, womöglich wirklich in überflüssige Handgreiflichkeiten ausgeufert, denn ist dies nicht die Art, in der "wahrhaft harte Männer" - wie die HOUSE OF PAIN-Musiker es gerne wären - ihre Konflikte auszutragen pflegen?
Da CONSOLIDATED bei ihrer neuen Platte "Business Of Punishment", die im Juli bei London Records erschien, mit einem neuen Label zusammenarbeiten, drängt sich die Frage auf, ob auch hier Inhaltliches eine Rolle spielte, auch weil in "Dog And Pony Show", einem Titel der neuen CD, offensichtlich einiges Unschöne über Play It Again Sam, ihr altes Label, zu hören ist. Adam Sherburne antwortet: "Wir waren mit der Zusammenarbeit mit Play It Again Sam und Nettwerk völlig zufrieden, aber leider arbeitete unsere Vertriebsfirma zu finanziellen Konditionen, die uns keine Möglichkeit zum Überleben ließen. Also mußten wir wechseln."
Die Finanzen zwangen Sherburne & Co wohl auch, nach dem Split von der HOUSE OF PAIN-Tour in Windeseile noch einige Gigs zu organisieren. Kurz vor ihrem Heimflug traf ich die drei CONSOLIDATED-Musiker in der Hamburger Markthalle. Als sie nachts um eins die Bühne betraten, lehnte sich das vor allem aus jugendlichen männlichen HipHop-Fans bestehende Publikum, von mitreißenden deutschen Rappern und tropischen Temperaturen ziemlich ausgelaugt, bereits entspannt zurück. Das änderte sich schnell, nachdem das atmosphärisch beunruhigend dichte Live-Repertoire der Amerikaner Wirkung zu zeigen begann. Als dann Adam Sherburne den Song "Typical Male" mit den Worten ankündigte, daß sich die Anwesenden eine Stunde vorher ähnlich verhalten hätten und als nächstes Bilder von nackten amerikanischen Selbsterfahrungsmännern, die am Strand mit Kränzen im Haar zu Trommelklängen tanzten, auf den aufgestellten Fernsehgeräten zu sehen waren und zehn Minuten später drei zu den Klängen von "Dog And Pony Show" albern herumhüpfende CONSOLIDATED-Musiker dem eher fassungslosen Publikum verkündeten, sie würden ihm jetzt "real american gangster rap" zeigen, war ihnen geballte Aufmerksamkeit, allerdings auch geballter Unmut gewiß.
Bei der anschließenden - für CONSOLIDATED üblichen - Publikumsdiskussion war dann auch kein Mangel an Gesprächsstoff zu verzeichnen. Nachdem Marc Pistel erklärte: "Wir wollten nur zeigen, daß die gruppendynamische Energie, die beim Zusammenkommen junger Männer - z.B. in Form eines Konzertes - entsteht, die Grundlage für Gewalt und Faschismus sein kann.", fühlten sich restlos alle, die vorher dem fröhlichen Slam-Dancing vor und auf der Bühne gefrönt hatten, schwer angegriffen, zumal die meisten sich anscheinend auch noch dem Antifaschismus verpflichtet fühlten. Die Diskussion der drei Amerikaner mit dem sich persönlich angegriffen fühlenden Publikum rutschte dann auch schnell auf ein langweiliges Niveau ab. Die Frage, ob der extreme Anspruch in bezug auf das Hinterfragen aller ablaufenden Vorgänge und die ausgeprägte Bereitschaft, jeden schon auf das Potential zum Fehlverhalten hinzuweisen, die Sherburne, Steir und Pistel pflegen, ihnen bei ihrem Anliegen nicht mehr im Wege stehe als hälfe, muß wohl jeder für sich selbst beantworten.
Nichtsdestoweniger bleibt die Auseinandersetzung mit den Inhalten von CONSOLIDATED, die auf ihrem neuen Album - gefördert durch die gekonnte Verwendung eines zugänglicheren Sounds ohne Verzicht auf die Direktheit der Texte - eher noch eindringlicher serviert werden, eine unbedingt lohnende Beschäftigung.
Ulrich Drees