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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Der Chef

Console

Der Mann mit dem größten Hornbrillengestell im deutschen Musikwesen ist zurück und er hat nicht eine, sondern gleich zwei funkelnagelneue CDs im Gepäck. Die sind, passend zur musikalisch differenten Ausrichtung, an zwei ziemlich unterschiedlichen Locations entstanden: alleine in Barcelona und zusamm
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Der Mann mit dem größten Hornbrillengestell im deutschen Musikwesen ist zurück und er hat nicht eine, sondern gleich zwei funkelnagelneue CDs im Gepäck. Die sind, passend zur musikalisch differenten Ausrichtung, an zwei ziemlich unterschiedlichen Locations entstanden: alleine in Barcelona und zusammen mit seiner Band in Weilheim - und beides mit einer Selbstverständlichkeit, die schon ans Altmeisterliche grenzt.

Beginnen wir mit "Reset". Wohl kaum eine Platte aus Weilheim rockt phasenweise so locker und mächtig aus der Hüfte wie diese. Unterkühlt und sexy treibt "Surfin' Atari" voran, als hätten Garbage endlich mal ihre Lahmarschigkeit überwunden. "Suck And Run" ist dann der offensichtliche Single-Hit: Gerade Bassdrum, ein hymnischer Refrain und unverhohlen nach U2 klingende Gitarren werden demnächst auch die Indie-Disco in deiner Nähe rocken, die den Abend dann mit dem Closer dieser Platte beschließen wird. "A+A=B" kommt zunächst als feine, kammermusikalische Etüde daher, aber plötzlich sind wir mitten in einem bombastischen, breitwandig lärmenden Stomper, der in seiner pathetischen Pracht die Grenzen zum Stadion-Pop unter seiner schieren Wucht zum Einsturz bringt. Aber Console hat auch was für die stillen Minuten zu bieten. Verhaltene Songs wie "Into The Universe", "Secret Game" und "The Times Are Not A-Changin" zeigen den fast schon klassischen Popsongschreiber Gretschmann mit Hang zur Melancholie. Für seine Songs hat er mit Miriam Osterrieder zudem ein perfektes Instrument gefunden. Ihre tiefe, kühl und resigniert sexy klingende Stimme gehört zu den bestimmenden Elementen dieses Albums.

Ganz anders ist die zweite CD "Preset" ausgefallen: Hier wird auf eine sehr Weilheim'sche Art Ambient erzeugt. Als seien The Notwist ohne Saxophone an einem regenverhangenen Nachmittag im U-Phon Studio zusammen gekommen, wird ohne großes Kunstwollen drauflosgejammt. Angenehm dümpeln dubbig getragene Akkordeon-Karpfen einmal durch den Teich, um als Bossa-Nova-Amphibien die frisch gewachsenen Beinchen zu schütteln. Dann wieder treffen Elemente aus dem WARP-Baukasten auf japanisch anmutende Kontemplationen, verschwinden die Beats komplett zugunsten eines zuckenden Stillstands - in einer Natur-Doku würden dazu die Bilder von im Regen glitzernden Spinnennetzen gezeigt - und tauchen kurz vor Schluss doch die Saxophone als kleines Sample auf, um "Reset" auf überaus melancholische, Wunder-artige Weise zu beschließen.

Frei von jeglichem Trübsinn sind jedoch die leider nur auf der Promo-CD erscheinenden Computerstimmen von Bruce, Agnes, Ralf, Paul und Edmund. Nachdem man als Rezensent schon fiese Testtongeräusche und dazwischenblökende Kühe, Schafe und Rapper gewöhnt ist, zeigt Console, dass man aus dem notwendigen Störfaktoren von Promo-CDs fast schon eine eigene Kunstform gestalten kann. Denn Bruce und Konsorten warnen nicht nur stumpf davor, dass es sich um eine "Promotional-Copy" handelt, vielmehr führen sie kommentierende Gespräche über die Songs, verarschen sich gegenseitig, und greifen schließlich gar zur Kettensäge. Wieso, weshalb, warum, beantwortet Martin Gretschmann.

Wessen Idee war das mit den verschiedenen Computerstimmen auf der Promo-CD?

Meine. Die Ami-HipHopper machen das schon seit längerer Zeit. Die Inspiration für meine CD kam aber von Jan Delays Promo von "Searching For The Jan Soul Rebels", wo er diesen Brooklyn-Bounce-Typen mit dieser übertrieben düsteren Stimme hat, der immer wieder "Beats, Bass And Melody" und "Motherfucker" dazwischenplärrt. Ich fand das so unglaublich gut, ich hab' mich nur noch kaputtgelacht. Ich habe mir dann die reguläre Platte noch mal im Laden gekauft, aber ich höre lieber die Promo.

Gibt's Überlegungen, die Promo-Version deiner CD als Fan-Edition rauszubringen?

So weit habe ich noch nicht gedacht, aber wenn die Nachfrage groß ist, warum nicht?

Hat da deine Hörspielerfahrung mit Andreas Ammer eine Rolle gespielt?

Bestimmt. Arbeitstitel war auch immer "Hörspiel für Console". Mir ging es da um Perfektion. Natürlich lenkt auch das Hörspiel ab, und es gab auch schon einige Beschwerden, dass es auf Dauer auf den Sack geht. Aber das ist eine Herangehensweise von mir, Sachen, die sowieso unumgänglich sind, so hin zu biegen, dass es für mich okay ist, und dass es am Ende sogar Spaß macht.

Wieso heißt der eine Computer Edmund?

Tja …

Würdest du dich als politischen Menschen bezeichnen - oder sind Politik und deine Musik zwei verschiedene Sphären?

Man kann das ja gar nicht richtig trennen. Aber von aktueller Politik habe ich nicht wirklich Ahnung.

Warst du wählen?

Ja schon. Aber Politik macht mich schnell aggressiv und desillusioniert. Ich habe dafür eigentlich keine Kraft. Aber gerade in solchen Zeiten ist Politik wichtig, und auch wichtig, dass man Stellung bezieht. Im Vergleich zu allen anderen Console-Platten ist das wahrscheinlich die politischste, wobei es immer noch bei "personal politics" bleibt.

Aber auf Parteiveranstaltungen würdest du nicht spielen?

Nein. Das war ja vor der Wahl immer die leidige Diskussion. "Man kann nichts wählen, ist doch alles Scheiße." Aber es ging einfach darum, das kleinere Übel zu wählen. Punkt aus. Denn es gibt ein kleineres Übel. Aber übel ist irgendwie alles, deshalb wäre es auch übel, sich da als Console einspannen zu lassen.

Das Bild des einsamen Tüftlers mit seinem Rechner und Maschinen ist ja für die derzeitige Ausformung von Console nicht mehr relevant. War das überhaupt jemals so? War die Entstehung deiner Musik nicht schon immer durch Kommunikation mit anderen geprägt?

Beides auf jeden Fall. Natürlich spielt Selbstverwirklichung eine Rolle, da Console mich am meisten befriedigt. Auch wenn die Band jetzt eine größere Rolle hat, ist die Konstellation immer noch so, dass die anderen zu mir spaßeshalber "Chef" sagen. Das funktioniert total super, und Demokratie ist ja das Ende der Kunst und es ist schon gut, wenn's dikatorisch, äh, wenn ich die letzte Instanz bin. Andererseits trage ich letzten Endes auch in jeglicher Hinsicht die Verantwortung. Und die anderen können sich zurücklehnen und sagen, "Der Chef wird's schon richten". Aber wir streiten gerne, diskutieren vieles aus. Bei solchen Diskussionen sind Geschmacksentscheidungen immens wichtig. Und neben der Selbstverwirklichung ist es auch schön, so ein Projekt mit einem alten Freundeskreis durchzuziehen.

Guter Musikgeschmack ist also für Console ein wichtiges Kriterium?

Guter Musikgeschmack ist das Allerwichtigste. Ich geh' lieber dahin, wo es meinem Geschmack entspricht, als da, wo der DJ super auflegt. Das ist schon ein großer Vorteil, wenn in der Bandsituation die Geschmäcker so einen homogenen Brei bilden. Das letzte Kriterium ist immer: "Ist das nach unserem Geschmack?" Typen, die nur die Technik drauf haben, aber keinen Geschmack, das sind halt die Mucker.

Auffällig an der neuen Platte ist, dass die Gitarren in den Vordergrund gerückt sind ...

Zu Hause höre ich fast nur Gitarrenbands, das hat sich nie geändert. Immer noch die gleichen: Low, Mogwai, Sonic Youth. Gestern habe ich seit langer Zeit mal wieder Placebo angehört, das finde ich schon richtig geil. Auch wenn ich nur mit dem Laptop Musik mache und dringend eine Gitarrensound brauche, nehme ich mir z. B. einen Akkord von einer Sonic-Youth-CD. Aber es hat eine gewisse Zeit gebraucht, um wieder musikalisch den Weg dahin zu finden.

Wobei mich die Gitarren auf "Reset" an gewissen Stellen mehr an U2 erinnern als an Sonic Youth ...

Echt? Naja, auf Hymnen und Pathos steh' ich halt. Das liegt vielleicht auch an meiner Dorf-Vergangenheit, wo alle nur Hardrock gehört haben. Das war nicht mein Ding, ich bin schnell zu härteren Sachen gewechselt. Aus reinen Überlebensgründen, da ich dadurch, dass ich Slayer und Metallica gehört habe, rehabilitiert war: Erst war ich der Popper, dann der Slayer-Typ, das hat geholfen.

Deshalb auch die Flying V mit der Computertastatur auf dem Cover? Funktioniert die überhaupt?

Nee, aber ich überlege schon zusammen mit Anton Kaun, ob wir nicht eine funktionstüchtige bauen sollten.

Weil Keyboarder es live beim Abrocken schwerer haben als Gitarristen?

Ich hatte sogar mal ein Umhängekeyboard bei The Notwist, damit kann man schon rocken. Ich habe mich immerhin einmal bei einem Konzert am Keyboard verletzt. Ich war wohl zu enthusiastisch. Nachher war ich ganz stolz und hab es überall rumgezeigt: "Hier, am Keyboard verletzt, wie geil."

Dein derzeitiger Favorit auf "Reset The Preset"?

Auf der "Reset" "The Times Are Not A-Changin". Das ist nicht von mir sondern von Roberto Di Goia, mit dem ich letzes Jahr "A+A=B" gemacht habe. Das Stück ging ratzfatz, Text und Musik waren sofort fertig. Anders als mein Favorit auf der "Preset", der Mallorca-Mix von "Marina". Das Stück blieb ein Jahr liegen, davon gab's mindestens 10 verschiedene Mixe, bis ich zufrieden war. Es ist also manchmal ganz gut, das Zeug reifen zu lassen.

Das Video zu "Suck and Run" ist ja wieder von Metronomic, die auch schon das Video zu Tocotronics "Freiburg 3.0" gemacht haben. Und schon wieder spielst du einen Bösewicht …

Ich weiß auch nicht. Die Jungs von Metronomic machen sich einen Riesenspaß daraus. Oder sie zeigen den wahren Martin Gretschmann. Das Video war wie beim letzten Mal eine Riesenschinderei. Ich trage da ja einen Raumanzug und das Video wurde in Stop-Motion gefilmt, das heißt, ich musste zwischen den einzelnen Bildern minutenlang bei einer Riesenhitze starr stehenbleiben. Was dann auch nicht bedacht wurde, ist, dass der Helm mehr als nur ein paar Luftlöcher braucht, damit ich nicht ganz verrecke. Aber sie haben nicht bedacht, dass das Ding innerhalb von 30 Sekunden total beschlägt.

Eine Frage noch zu "14 Zero Zero". Hast du Angst davor, dass die Leute dich nur mit diesem Stück in Erinnerung bringen?

Das war etwas Einmaliges, ich habe damit kein Problem. Das Gute ist auch: "14 Zero Zero" war nie in den Charts. Ganz seltsam, jeder kennt es, alle tanzen drauf, aber es war nie in den Charts und hat auch auf lange Sicht nie viel verkauft. Aber gerade das finde ich super. Für mich ist es auch nicht wirklich erklärbar. Ein Wunder.