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So war's in Berlin: Ein Platz am Altar

Conor Oberst live

Die evangelische Apostel Paulus-Gemeinde in Schöneberg würde sich glücklich schätzen, wenn sie auch in der Messe so ein andächtiges, ergebenes, aufmerksames Publikum hätte, wie Bright Eyes-Kopf Conor Oberst bei seinem Konzert.
Geschrieben am

Soll ja keiner sagen, man wüsste, was man bei Conor Oberst bekommt. Allein in den letzten Jahren konnte man ihn mal als Mucker im weißen Anzug (mit der Mystic Valley Band im Rücken) sehen, mal als euphorischen Bright Eyes-Bandleader (der stolz wie Bolle seine Musikerkumpel feiert), mal als angeschossenen Indie-Posterboy (der den Wein gleich aus der Flasche trinkt), mal als grün illuminierten Kampfgnom mit Spitzkapuzenjacke (des Nächtens auf dem Hurricane ) und auf dem Roskilde 2011 gar als weltumarmenden, spirituell erleuchtenden Entertainer, der seine Feedbackpredigten mit breitem Grinsen in die Welt sang und in »Road To Joy« poetisch verhaspelt proklamierte: »It’s wide awake, I’m morning.«

Sein Berlin-Konzert in der wunderschönen aber saukalten Apostel Paulus-Kirche am Donnerstagabend war dann wiederum eine ganz andere Angelegenheit. Und man ahnte schon im Voraus, dass viele Hardcore-Conor-Fans feuchte Augen und/oder Höschen bekamen, bei dem Gedanken, einen intimen, akustischen Abend mit ihm zu verbringen. Der Hysterie-Level, zumindest in den ersten Reihen, war jedenfalls erstaunlich hoch. Und wenn man so manches Gesicht während der Show näher betrachtete, und sah, wie sich Augen mit Liebe füllten und Applauseruptionen den Körper schüttelten, kratzte man sich doch ein wenig am Kopf. Zumindest, wenn man eher der Typ Fan ist, der die Musik feiern will und versucht, diese – ja doch, OK, wir geben’s zu – faszinierende Person ein wenig außen vor zu lassen. Allerdings kann man schon hier klarstellen, dass dieser Ansatz bei Conor Oberst nie funktionieren wird. Denn seine Person, oder das Bild, das man von ihr hat, machen einen Großteil dieser Faszination aus. Dass er dabei so wandlungsfähig oder borderlinernd ist, wie anfangs beschrieben, macht das alles noch reizvoller.

Bevor Conor Oberst vor dem Altar Platz nahm, um seine Messe zu eröffnen, gehörte die Bühne den Söderberg-Sisters Klara und Johanna, besser bekannt als First Aid Kit. Wie sie da so süß und wirklich noch sehr jung im kleinen Roten an die Mikros traten, konnte man sich kurz nicht gegen den Eindruck wehren, man sei fälschlicherweise in den normalen Kirchenbetrieb geraten. Aber das war schnell vorbei. Schon im ersten Song hieß es »She plays a tune for those who wish to overlook /The fact that they've been blindly deceived / By those who preach and pray and teach«, bevor man dann im Refrain zu »The Lion’s Roar« ein herzhaftes »goddamn« in das Kirchenschiff sang. Die Schwestern setzten dabei fast ausschließlich auf ihre Stimmen und Klaras Gitarrenspiel. Aber mehr braucht es ja auch nicht! Wie diese niedlichen Gesichter diese bisweilen todesdunklen Folksongs singen, mit diesen gar nicht mädchenhaften Stimmen – das ist ganz schön »wow!« Charmant gerieten auch die unfreiwilligen Zwischenspiele. Als Johanna forderte, weniger von der Stimme ihrer Schwester auf den Monitorboxen hören zu wollen, und das Publikum gniggerte, schob sie hinterher: »No offence!« Als sie eine Coverversion ankündigten, sagte Klara: »The next song is written by the best songwriter in the world.« Pause. »No, the second best – we all know the best is here tonight. But this guy is pretty good. He’s called Paul Simon and this is the Simon & Garfunkel-Song ‚America’«. Ein Song wurde dann nach kleinem Schwester-Gekiebe unverstärkt gesungen, was einen schon nach zwanzig Minuten Show die erste Ganzkörpergänsehaut verpasste, die nicht aus den winterlichen Raumtemperaturen resultierte.

Warm wurde es einigen Conor-Anhängern dann zum ersten Mal in der Umbaupause, als rund vierzig Fans versuchten, den Mittelgang und den Teppich vor der »Bühne« zu besetzen, was von der Security rigoros unterbunden wurde, nachdem sich die Meute eine halbe Stunde lang warmdrängeln durfte. Dann erfolgte eine Durchsage von Mr. Oberst himself, der im bestem BVG-Angestellten-Duktus darauf hinwies, dass man sich das Filmen und Fotografieren mit Mobiltelefonen doch besser sparen sollte. Und, wer hätte es gedacht: Wenn der Künster selbst die Durchsage macht, scheint das zu funktionieren.

Dann war es endlich soweit und Conor Oberst schlurfte auf die Bühne. Wer nicht auf dem Laufenden ist, wie es um seinen aktuellen Look steht (was im Netz ein großes Thema ist), dem sei gesagt, dass er immer noch den etwas verlotterten Slacker gibt, mit schulterlangem, aber immerhin top gepflegtem Haar. Oberst griff die Gitarre, stimmte sie ausführlich, nahm auf einem Stuhl Platz, renkte sich hinter dem Mikro zurecht und versank sofort in seinen ersten Song. Und zog wohl jeden mit – obwohl »The Big Picture«, der Achteinhalbminüter von »Lifted...«, nicht gerade leichte Kost ist. Ein Gedankenmäandern mit wütenden Ausbrüchen und großen Zeilen wie diesen:  »It was my voice that moved the first rock /  And I would do it all again / I mean, it's cool if you keep quiet / But I like singing / So I'll be holding my note and stomping / And strumming and feeling so very lucky«. Das ersten Kreischen aus den ersten Reihen hörte man als Oberst ansatzlos in »First Day Of My Life« überging – ein Effekt, den man immer dann beobachten konnte, wenn er sich für ein Stück von »I’m Wide Awake, It’s Morning« entschied.

Einen Teil seines Sets bestritt Oberst alleine, mal an der Gitarre, mal am Klavier. Wenn er begleitet wurde, dann von Ben Brodin, der schon auf »The People’s Key« und auf »The Lions Roar« von First Aid Kit zu hören ist. Ein ruhiger, still in sich hinein arbeitender Musiker, der sein Xylophon auch schon mal mit einem Streichbogen bearbeitet und aus seiner Gitarre Geräusche herausholt, die man sonst eher in einer Waschmaschine vermutet. Immer wieder lud Oberst auch die Söderberg-Schwestern auf die Bühne, was mal passte und mal nicht. Beim Schmachtwetzen »Make A Plan To Love Me«, passte es zum Beispiel sehr gut, bei »Lua« wirkte es ein wenig gezwungen.

Anyway: Die meiste Zeit über starrte man wie gebannt auf diesen besessenen Musiker, der nicht einen Song billig ablieferte, sondern in jeder Zeile wirkte, als würde er all das gelebt und gedacht haben, was er da raussingt. Und vielleicht macht die Sorge, die man um ihn entwickelt, auch den Reiz seiner Person aus. Diese Frage »Wie geht’s ihm eigentlich?«, die man sich zwangsläufig stellt, wenn er einen neuen Song spielt und darin von falschen Freunden, von Dolchstößen und von frühen Toden in dunklen Gassen singt. Auch die Ansage zu »Night At Lake Unknown« könnte jeden Psychologen dazu bringen, mal seine Karte auf die Bühne zu schnipsen. »Der nächste Song ist über ein Krankheit. Schlaflosigkeit. Kennt ihr das? Ich leide darunter. Ich habe seit Ewigkeiten keine Nacht mehr gut geschlafen. Doch: Gestern. Gestern ging.« So die freie Übersetzung. Der Song ist übrigens super, weit entfernt vom seltsamen Sound des letzten Albums. Aber das mag ja nix heißen bei einer Akustikshow. Gleiches gilt für den Song »You Are Your Mother’s Child«, der einem schon in der ersten Minute das Herz bricht – ob man nun Kinder hat oder nicht.

Am Ende spielte Conor Oberst gleich zwei Zugabenblöcke und verabschiedete sich nach »Lua« mit einem weiteren Stück von »Lifted...«. »Waste Of Paint«, ein irgendwie passender Abschluss, denn der Song ist ähnlich launisch wie sein Set an diesem äußerst gelungenen Konzertabend. Und bessere Schlussworte für ein Kirchenkonzert als diese gibt’s ja auch nicht: »And try to just keep moving on, with my broken heart and my absent God / and I have no faith but it is all I want, to be loved and believe in my soul, in my soul...« Amen.

Mehr Nachlesen aus Berlin gibt’s regelmäßig auf www.greatest-berlin.de